+
Vollkornbrot aus einer Bio-Brotbox wird von einem Kind gegessen.

Verein Brotzeit

Mit vollem Bauch lernen Kinder leichter

Laut den United Nations (UN) kommt jeder vierte Grundschüler in Deutschland ohne Frühstück in die Schule, leidet Hunger und kann sich nicht konzentrieren. Der von Schauspielerin Uschi Glas in München gegründete Verein Brotzeit setzt hier an und bringt das Frühstück in Grundschulen. Heike Simon (51) bringt das Projekt jetzt nach Frankfurt, in fünf Grundschulen soll es nach den Osterferien starten. Im Interview mit Redakteurin Judith Dietermann erklärt Simon, wie wichtig ein gutes Frühstück für Kinder ist.

Ein Kind geht abends hungrig ins Bett, steht mit leerem Magen auf und geht so in die Schule. Das gibt es tatsächlich auch in Deutschland?

HEIKE SIMON: Ja und sogar immer häufiger. Das kann man sich in unserem wohlhabenden Land kaum vorstellen. Aber es gibt tatsächlich Kinder, die mit knurrendem Magen in die Schule kommen. Die für den Unterricht nötige Konzentration aufzubringen ist so unmöglich.

An diesem Punkt setzt der 2009 von Uschi Glas, ihrem Mann Dieter Herrmann und dem gemeinsamen Freund Dr. Harald Mosler gegründete Verein Brotzeit an. Er bringt das Frühstück zu den Kindern in die Schule...

SIMON: Genau. Es war 2008 als Glas und Herrmann im Radio davon hörten, dass ein Viertel aller Grundschüler hungrig in die Schule geht. Sie waren genauso entsetzt wie wir und haben sofort reagiert.

Wie?

SIMON: Sie haben abgepackte Lebensmittel wie Müsliriegel gekauft, sind in die Schulen gefahren und haben sie an die Kinder verteilt. Ein Dreivierteljahr haben sie das gemacht, ehe sie das Projekt mit der Vereinsgründung auf solide und vor allem organisierte Beine gestellt haben. Mit der Idee, Brot und Zeit zu geben. Daher der Name. Einen großen Anteil an dem Projekt haben die Frühstückshelfer – aktive Senioren, die für die Kinder das Frühstück zubereiten, aber sie auch in Zeit-Projekten mit abwechslungsreicher Freizeitgestaltung wie Sport, Spiel und Kultur fördern.

Warum sind es gerade Senioren, die in das Projekt eingebunden werden?

SIMON: Weil es nicht nur darum geht, ein Frühstück, eine ausgewogene Ernährung sicherzustellen, sondern auch, Zuwendung zu geben. Vielen Kindern fehlt in unserer mobilen Gesellschaft der Bezug zu Großeltern und deren reichem Erfahrungsschatz. So lernen sie ihn. Und die Senioren bekommen nach der aktiven Berufszeit eine neue Perspektive, werden gebraucht, erfahren gesellschaftliche Wertschätzung.

Angefangen hat alles in München, der Verein ist in vielen Regionen Deutschlands aktiv. Jetzt kommt er auch nach Frankfurt – warum?

SIMON: Frankfurt ist die zehnte Förderregion und ein Ballungsraum. Dort ist die Ernährungsarmut leider gravierender als zum Beispiel im Hochtaunuskreis.

An wie vielen Schulen wollen Sie hier aktiv werden?

SIMON: Wir haben die Zusage für Fördermittel für 25 Schulen, beginnen zunächst mit fünf.

Welche sind das?

SIMON: Vier haben bereits die Kooperationsvereinbarung getroffen. Die Niddaschule in Nied, die Willemerschule in Sachsenhausen, die Liebfrauenschule in der Innenstadt und die August-Jaspert-Schule in Bonames. Bei der fünften Schule muss noch ein Gespräch geführt werden, aber das sollte auch funktionieren.

Das sind alles Grundschulen. Ist der Verein auch in weiterführenden Schulen aktiv?

SIMON: Nein, nur in Grund- und Förderschulen. Es sind die Sechs- bis Zehnjährigen, die von solch einem Frühstück profitieren. Es gibt Evaluierungen, nach denen sich bereits nach einem Jahr Leistung, Konzentration und Merkfähigkeit signifikant verbessert haben. Nur weil die Kinder ein Frühstück bekommen.

Aber auch ältere Kinder sollten nicht hungrig in die Schule gehen...

SIMON: Natürlich nicht. Aber man geht davon aus, dass sich größere Kinder auf weiterführenden Schulen anders mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen und es einfordern können.

Handelt es sich bei dem Frühstück um ein gemeinsames Essen oder bekommen die Kinder ein Lunchpaket?

SIMON: Das gemeinsame Frühstück gibt es jeden Morgen vor dem Unterricht. Die Frühstückshelfer bereiten ein vollwertiges Buffet zu.

Was gehört dazu?

SIMON: Milch, Müsli, Vollkornbrot, Putenwurst, Käse, Äpfel, Gurken, Joghurt, Säfte, Tee und Kakao. Die Kinder können sich dort bedienen. Es wird darauf geachtet, dass sie Deutsch sprechen, um dort keine Ausgrenzung zu haben.

Frühstück in der Schule vor dem Unterricht bedeutet für die Kinder noch früheres Aufstehen. Kommen sie trotzdem?

SIMON: Ja, die Kinder kommen. Und sie kommen gerne.

Dürfen alle Kinder kommen?

SIMON: Ja. Es ist ein Angebot an alle Schüler, bei dem der Fokus natürlich auf den bedürftigen Kindern liegt. Es sind alle willkommen. Zumal auch das Thema emotionale Armut eine immer größere Rolle spielt. Es gibt auch Kinder, die die Taschen voller Geld, aber nichts zu essen haben. In einer Schule habe ich ein kleines Mädchen kennengelernt, das der Optik nach nicht von Armut betroffen war. Ich habe mit ihr gesprochen und erfahren, dass sie kein Frühstück bekommt, weil sie die Mama nicht wecken darf. Aber nicht, weil diese nachts gearbeitet hat, sondern einfach nur, weil sie lange schlafen wollte.

Es kann also nicht an der sozialen Schicht festgemacht werden, ob ein Kind morgens ein Frühstück bekommt oder nicht?

SIMON: Nein. Man kann keine pauschalen Maßstäbe ansetzen, wer zum Frühstück kommt. Es sind tatsächlich auch die dabei, mit denen man weniger gerechnet hätte.

Wann soll es denn in Frankfurt losgehen?

SIMON: Ich könnte theoretisch jeden Tag starten, es hängt aber von ein paar harten Faktoren ab, die geschaffen werden müssen.

Welche sind das?

SIMON: Die Frühstückshelfer und ein Lieferbegleiter. Ich suche Leute ab 55 Jahren, die sich ehrenamtlich einbringen wollen, charmant im Umgang mit Kindern sind und sich vorstellen können, morgens um 7 Uhr ein Frühstück zuzubereiten.

Wie viele Helfer brauchen Sie insgesamt?

SIMON: Ich suche für jede Schule vier bis fünf Senioren, die an zwei oder gerne auch drei Tagen in der Woche dieses Frühstück zubereiten und sich abwechseln. Sie sollten also auch flexibel und teamfähig sein. Für die Niddaschule brauche ich allerdings sechs bis sieben Frühstückshelfer. Der Lieferbegleiter kommt dagegen alle 14 Tage zum Einsatz, begleitet den Spediteur auf der Tour vom Lebensmittel-Auslieferungslager in die Schulen, sorgt für den reibungslosen Ablauf.

Braucht Brotzeit für sein Angebot eine spezielle Infrastruktur?

SIMON: Es müssen gewisse Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel abschließbare Kühlschränke, geschaffen werden. Nicht jede Schule hat eine Küche oder Lehrküche. Wir brauchen auch viel Lagerraum, weil die Lieferungen immer die Lebensmittel für die nächsten 14 Tage beinhalten. Zudem sind die hygienischen Vorschriften sehr hoch, deren Einhaltung hat für uns höchste Priorität. Das alles sind Gründe, warum ich noch kein finales Datum für den Startschuss in Frankfurt nennen kann. Ich gehe aber von nach den Osterferien aus.

Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, das Projekt hier auf die Beine zu stellen?

SIMON: Ich bin eine Mitarbeiterin der DIS AG, deren Vorstand Peter Blersch ein Fan von Brotzeit ist und das Projekt sehr großzügig unterstützt. Unter anderem durch Personalspende, wie mich. Als Projektkoordinatorin kümmere ich mich ausschließlich um Brotzeit.

Sie fangen jetzt mit fünf Schulen an – wie soll es dann in Frankfurt weitergehen? Wann wollen Sie 25 Schulen bedienen?

SIMON: Wenn die Vorbereitungen für die ersten fünf Schulen abgeschlossen sind, kommen die nächsten fünf. Das geht jetzt sukzessiv weiter. Mein Ziel ist es, in spätestens zwei Jahren 25 Schulen ans Laufen zu bringen. Das ist knackig, ich weiß auch noch nicht, ob es größere Steine gibt, die aus dem Weg zu räumen sind. Aber ich bin ganz zuversichtlich, dass wir etwas richtig Schönes für Frankfurt auf die Beine stellen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare