Noch einmal ein Alpaka knuddeln: Dieser Wunsch einer Dame im Hospiz Sankt Katharina konnte gestern erfüllt werden.
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Noch einmal ein Alpaka knuddeln: Dieser Wunsch einer Dame im Hospiz Sankt Katharina konnte gestern erfüllt werden.

Spendenmarsch

Vom Glück der letzten Wünsche

Gunter Lutzi sammelt Geld für Hospize

Frankfurt -Ganz im Hier und Jetzt ist Gunter Lutzi, wenn er wandert. Dann entwickelt die Gegenwart für ihn eine ähnlich starke Intensität wie für die Menschen, um die er sich sonst als ehrenamtlicher Hospizhelfer kümmert. Es sind die Ausnahmesituationen - die guten wie die schlechten -, die unsere Sinne schärfen und uns das Leben stärker spüren lassen. Und Gunter Lutzi ist in einer Ausnahmesituation - in einer guten.

Vor zweieinhalb Wochen ist er an der Bergstraße losgelaufen, um auf die Arbeit der Haupt- und Ehrenamtlichen in den 25 stationären Hospizen in Hessen aufmerksam zu machen, Spenden zu sammeln und die Tatsache der Endlichkeit des Lebens aus der Tabuzone zu holen. 800 Kilometer ist er - meist zu Fuß - unterwegs von einem Hospiz zum anderen, zu 23 Einrichtungen. Jetzt kam der 64-Jährige in Frankfurt an.

Eintracht-Kicker Rode

hat ihn begleitet

Aber ganz alleine ist er auf der Strecke nur selten, und das ist auch gut so. Denn Lutzi will Interesse wecken, hat ausdrücklich "Mitläufer" eingeladen, ihn auf Abschnitten zu begleiten und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Seiner Einladung sind Medienvertreter, Bürgermeister und Landtagsabgeordnete gefolgt, aber auch der Comedian Martin Schneider, der Moderator Werner Reinke und der Fußballer Sebastian Rode. "Man ist überrascht, was für gute und tiefsinnige Gespräche man mit diesen Menschen führt, denen man noch nie begegnet ist", beschreibt Lutzi. Und es tue gut, dass sie ihm zuhören. Die meisten machten einen großen Bogen um die Themen Sterbebegleitung, Hospiz und Tod. "Aber das Thema Tod wird uns alle früher oder später betreffen."

Das Wissen über Hospize, über ihre Aufgaben, die besondere Atmosphäre dort und darüber, wie sie organisiert sind und wie sie sich finanzieren, ist in der breiten Bevölkerung entsprechend gering. So weiß kaum jemand, dass gemäß des Hospiz- und Palliativgesetzes die Krankenkassen 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten tragen, und die restlichen fünf Prozent von den Hospizen aufgebracht werden müssen - durch die Beiträge der Mitglieder der jeweiligen Hospizvereine, durch Spenden und durch Einnahmen bei Veranstaltungen wie Tage der offenen Tür oder Basare. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie durfte es kaum Veranstaltungen geben und die Spendenbereitschaft ist gesunken. "In strukturschwächeren Gegenden, beispielsweise in Nordhessen, gibt es Hospizhäuser die wirklich zu kämpfen haben", sagt Lutzi. Deshalb ist er losgelaufen.

Alpakas streicheln,

Lieblingskuchen essen

Jeden Abend kehrt er in ein anderes Hospiz ein. Manchmal steht sein Name an der Tür zum Gästezimmer, das im eigentlichen Sinne kein Gästezimmer ist. Wer für den letzten Lebensabschnitt in ein Hospiz einzieht, ist ein Gast und wird auch so bezeichnet: "Ich übernachte in Zimmern, in denen Menschen ihre letzten Tage verbracht haben." Wie es den Menschen wohl ergangen sei und wie ihren Angehörigen, frage er sich und schreibe nachts in sein Tagebuch - und das noch und immer wieder nach all den Jahren als ehrenamtlicher Hospizhelfer. 2006 hat Lutzi die zweijährige Ausbildung gemacht. Zweimal pro Woche arbeitet der Pensionär im stationären Hospiz an der Bergstraße in Bensheim mit.

Letzte Wünsche zu erfüllen, das sei ihm ein Anliegen. "Das sind meist kleine Sachen", sagt er. Sei es, dass ein Gast noch einmal zu Hause am eigenen Esstisch den Lieblingskuchen essen wolle. Noch einmal an der Bar in der Stammkneipe sitzen. Oder noch einmal das eigene Pferd treffen. "Da haben wir eine Koppel gefunden, auf die wir mit dem Hospizbus fahren konnten. Wir haben den Wagen hingestellt, die Scheibe runtergedreht, ich bin gegangen, und dann konnte er noch einmal in Ruhe allein mit seinem Pferd sein", erzählt Lutzi und ist sichtlich bewegt.

Noch einmal, ein letztes Mal, Alpakas knuddeln, das hat sich ein Gast im Hospiz Sankt Katharina gewünscht. Für einen solchen Wunsch braucht man Geld - wenn es keinen Spender gibt. In diesem Fall ist es Regine Jakobi vom Hof Luna Alpakas in Darmstadt, die im Hospizgarten als Spenderin um die Ecke kommt und zwei Alpakas dabei hat. "Es haben alle zu kämpfen, deshalb berechnen wir heute nichts", sagt sie, bevor sie die plüschigen Minikamele zu einer Dame im Rollstuhl führt. Das Wissen um das ultimativ letzte Mal schnürt einem die Kehle zu. Aber das Glück, das aus den Augen der unheilbar Kranken spricht, als sie Shorti in die Arme schließt, ist überwältigend.

Wichtig: Das Thema

ist jetzt im Gespräch

"Dafür lohnt es sich zu laufen", sagt Lutzi, schnallt seinen Rucksack auf den Rücken und macht sich auf den Weg - wieder nicht alleine: Prof. Dr. Oliver Schwenn, Vorsitzender des Hospizvereins Sankt Katharina, Claudia Mayer vom Hospizverein Bergstraße und die Hospizhelferin Vera Kirchner-Abendschein begleiten ihn. Es geht noch nach Rodgau, Erbach und Viernheim. Am Samstag wird Lutzi wieder zu Hause sein und dann auch erst schauen, wie viel Spenden gekommen sind: "Das Wichtigste ist, dass das Thema jetzt im Gespräch ist."

Michelle Spillner

Abmarsch für Gunter Lutzi (Zweiter von links), Claudia Mayer (links), Vera Kirchner-Abendschein und Oliver Schwenn.

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