Innenstadt: Literatur

Vom Wilderer und der Wetterfahne

  • vonGernot Gottwals
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Karin Stiller hat einen historischen Roman über Hans Winkelsee geschrieben

Die Sage von Hans Winkelsee und der Wetterfahne auf dem Eschenheimer Turm ist in einigen Frankfurter Grundschulen noch präsent. Der Wilderer soll der Todesstrafe entgangen sein, indem er die Ziffer 9 in die Wetterfahne des 47 Meter hohen Turmes schoss. Als der Sohn von Karin Stiller vom Wilddieb Winkelsee und dessen Meisterschuss berichtete,wurde auch die Soziologin, Dozentin und Trainerin für Wirtschaftspsychologie in den Bann gezogen und beschloss, ein Buch zu schreiben: den historischen Thriller "Winkelsee".

Zunächst war allerdings an ein Drehbuch für ein Film oder Hörspiel in der von Reformatoren und Religionsfanatikern geprägten Welt um 1550 gedacht, in der Winkelsee neunmal in die Wetterfahne des Eschenheimer Turms schießen musste. "Ich sah die Filmszenen schon vor mir und meine Freundin, die Fernsehjournalistin Claudia Ludwig, war gleich mit dabei", erinnert sich die gebürtige Darmstädterin. Das Drehbuch wurde vor zwei Jahren fertig, wartet aber auch aus Kostengründen noch auf seine Umsetzung.

Zwischenzeitlich hatte aber auch Plan B für einen Roman konkrete Formen angenommen: Hans Winkelsee wird hier als Sohn eines Oberforstmeisters und einer französischen Hebamme eingeführt, die in den Diensten einer Darmstädter Adelsfamilie steht. Als deren Schloss im Schmalkaldischen Krieg von kaiserlichen Truppen in Brand gesteckt wird, flieht Hans mit seiner Mutter zur Familie Grüneburg nach Frankfurt. Hans findet Arbeit als Stallknecht und Jagdgehilfe, doch mit Niederwild gibt er sich nicht zufrieden.

"Im Schloss Kranichstein besuchte ich das Jagdmuseum. Dort lernte ich viel über die Waffen und den Adel der frühen Renaissance, der alleine jene Wildsauen erlegen durfte, die den einfachen Bauern die Felder verwüsteten", erklärt Stiller. Wurde ein Jagdgehilfe wie Winkelsee bei der Jagd auf Hochwild erwischt, wurde er als Wilderer zum Tode verurteilt und in Frankfurt im Eschenheimer Turm eingekerkert.

Die meisten Personen sind frei erfunden

Sind neben wenigen historischen Figuren wie dem Älteren Bürgermeister Justinian von Holzhausen die meisten Personen des Romans frei erfunden, so gibt es viele Schauplätze mit Anklängen an historische Sagen, Anekdoten und Dramen. Dazu gehört etwa der frühere Gasthof Strauß nahe der Bethmann Bank, einst Luthers Herberge oder das Palais Grüneburg, in dem die intrigante Gräfin Gloria herrscht - ein Vorläufer des Rothschild-Palais, das ein Verein nun rekonstruieren will. Auch die Alte Brücke, über die der fanatische Hexenjäger Gisbert von Tauern gejagt wird und dort auf den sagenhaften Brückenhahn und Luzifer trifft, inspiriert durch Goethes Mephisto.

"Man denkt ja, Hexenwahn und Aberglauben gehören ins finstere Mittelalter, aber durch den Buchdruck fanden Legitimationswerke wie der Hexenhammer erst richtig Verbreitung", sagt Stiller. "Außerdem lag bei heldenhaften Wundertaten wie Winkelsees Meisterschuss die Vermutung nahe, der Teufel hätte seine Finger im Spiel gehabt."

Doch wem kann Hans Winkelsee in diesem Geflecht von Neid und teuflischen Intrigen trauen? Es kommt, wie es kommen muss: Er wird verraten, beim Wildern erwischt und im Eschenheimer Turm eingesperrt, wo er seine Memoiren schreibt. Nur ein Meisterschuss kann ihn retten. Und nun, so denkt jeder ortskundige Frankfurter, weiß man eh, wie die Geschichte ausgeht.

Zwar orientiert sich Stiller am Erzählverlauf der Sage, wie sie einräumt. "Doch die neun Tage Gefangenschaft werden nochmal richtig dramatisch und stecken voller unerwarteter Ereignisse und Wendungen." Nur so viel sei verraten: Rund 470 Jahre später haben die Handwerker Henni und Gerd Recht, wenn sie fragen, wer die Löcher in die Fahne gemacht hat. Denn in die Nachfolgerin des Originals wurden sie nicht hineingeschossen, sondern gebohrt. Gernot Gottwals

"Winkelsee"

Karin Stillers Roman ist bei Henrich Edition für 16 Euro erschienen. Vorrätig ist das Buch in der Buchhandlung Weltenleser im Oeder Weg, bei Hugendubel im Steinweg und im Hessen Shop in der Berger Straße.

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