Ursula Avery neben dem Bild ihrer Mutter Hildegard Bergold, von der sie die Sammlung alter Rezepte übernahm. FOTO: hamerski
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Ursula Avery neben dem Bild ihrer Mutter Hildegard Bergold, von der sie die Sammlung alter Rezepte übernahm.

Tipps für Frankfurter Hausfrauen

Von Aal-Frikassee bis Zwiebel-Strudel

  • VonBrigitte Degelmann
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Koch-Lexikon der Frankfurter Neuen Presse begleitet die Praunheimer Familie schon seit fast 70 Jahren

Was ist ein ABC-Trieb? Auf welche Weise lassen sich Bucheckern verwerten? Und was macht man mit einer tranig schmeckenden Ente? Um Antworten auf solche Fragen zu finden, muss Ursula Avery (74) aus Praunheim nur einen Blick in ein Erbstück werfen, das sie von ihrer Mutter übernommen hat: das berühmte "Koch-Lexikon", das die Frankfurter Neue Presse im Jahr 1953 Tag für Tag veröffentlicht hat. 600 Seiten mit Rezepten und Erläuterungen - von A wie Aal-Frikassee bis Z wie Zwiebel-Strudel. Jedes Blatt fein säuberlich aus der Zeitung ausgeschnitten und abgeheftet. "Ich habe es vollständig", sagt die pensionierte Grundschullehrerin, einst Direktorin der Günderrodeschule im Gallus, die viele auch als ehrenamtliche Trauerbegleiterin kennen.

Jede Menge praktische Hilfen

Wer in den vergilbten Blättern stöbert, die ihre Mutter Hildegard Bergold vor 68 Jahren so sorgsam gesammelt hat, findet nicht nur Kochanleitungen, sondern auch jede Menge praktischer Tipps. Zum Beispiel heißt es unter dem Stichwort "Ente, tranige": "Wenn Enten tranig schmecken, was bei reichlicher Fischnahrung der Fall sein kann, so werden sie mit gelben Rüben gefüllt und gebraten. Die Rüben nehmen den tranigen Geruch an sich; sie werden dann entfernt." Und beim "ABC-Trieb" handle es sich um ein spezielles Treibmittel für schwere, flache Gebäcksorten.

Wenn Ursula Avery das Lexikon durchblättert - zwei Rezepte finden sich im Kasten - werden Kindheitserinnerungen wach. An den Kirschenmichel, einen Auflauf aus altbackenen Brötchen, Butter, Milch, Ei, Zucker und natürlich Kirschen - "das kennen junge Leute heute gar nicht mehr". Oder an gefüllten Kohlrabi und Nizza-Salat; Gerichte, die in ihrem Elternhaus häufig auf den Tellern landeten. Und vor allem an die Röstkartoffeln, die ihre Mutter regelmäßig mit eingelegten Roten Beten servierte - um ihren Mann aufzupäppeln, der am Ende des Zweiten Weltkriegs eine schwere Lungenverletzung erlitten hatte. Beim Gedanken an das Gemüse mit dem erdigen Aroma verzieht sie das Gesicht: "Die haben so nach Dreck geschmeckt." Doch schnell hellt sich ihre Miene wieder auf und sie erzählt lachend davon, dass ihre Eltern die gusseiserne Pfanne für die geliebten Röstkartoffeln sogar in die Karibik-Urlaube mitgeschleppt hätten, die sie in späteren Jahren unternahmen.

Überhaupt, schwärmt sie, sei ihre Mutter "eine tolle, moderne Frau" gewesen. Eine elegante Erscheinung, die fließend Englisch und Französisch sprach und mit Volksschauspielerin Liesel Christ befreundet war. "Sie hat mir nie verziehen, dass ich in Hosen herumgelaufen bin", schmunzelt Ursula Avery. Ende der 1960er-Jahre habe Hildegard Bergold den Verkehrsverein an der Hauptwache eröffnet und später den Altenclub in der Pfarrei Christkönig geleitet. Dabei hatte auch sie harte Jahre hinter sich. "In der Nachkriegszeit", erzählt sie, "ist meine Mutter zu den Bauernhöfen in der Umgebung gewandert. Ihre ganze Aussteuer hat sie den Bauern gegeben, für Lebensmittel".

Bucheckern ersetzen Madeln

Womit man wieder bei Koch-Lexikon ist, in dem sparsames Wirtschaften ebenfalls ein wichtiges Thema ist. Zwar kam das Wirtschaftswunder Anfang der 1950er-Jahre in Schwung, doch die karge Nachkriegszeit war nicht vergessen. Altes Brot landete nicht im Müll, sondern wurden sorgsam verwertet, etwa für Suppen. Oder es wurde mit Eiern, Butter, Zucker, Zimt, Vanillinzucker und Milch zu einem Brotpudding verarbeitet. Auch dazu hat Ursula Averys Büchlein ein Rezept parat. Ebenso einen Tipp zu den Früchten der Rotbuche, den Bucheckern, bei denen sich heute vermutlich kaum jemand die Mühe macht, sie aufzulesen.

Dabei, verrät das "Koch-Lexikon", handle es sich bei ihnen um eine wertvolle Ölfrucht, die sogar Mandeln ersetzen könne, auch wenn man sie sparsam verwenden solle. Heute weiß man, dass die kleinen, kantigen Kerne im Rohzustand schwach giftig sind. Aber, heißt es in den vergilbten Blättern weiter, "50 bis 100 Gramm Bucheckern je Backwerk schaden auf keinen Fall; sie helfen sparen, zudem schmecken sie gut".

Letztlich, sagt Ursula Averys Ehemann Klaus Weißbecker, sei das kleine Lexikon viel mehr als ein Kochbuch, da es auch das Lebensgefühl der damaligen Jahre widerspiegle: "Das ist ein Kulturzeugnis." Brigitte Degelmann

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