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Von Blüten, Bembeln, neuen Bäumen und dem Ebbelwei-Preis

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Drei Experten und ein Baum (v.l.): Günter Possmann (Senior der Familienkelterei), Gerhard Weinrich (Vorsitzender des Main-Äppel-Hauses Lohrberg) und Peter Possmann, der aktuelle Geschäftsführer. FOTO: oscar unger
Drei Experten und ein Baum (v.l.): Günter Possmann (Senior der Familienkelterei), Gerhard Weinrich (Vorsitzender des Main-Äppel-Hauses Lohrberg) und Peter Possmann, der aktuelle Geschäftsführer. © Unger

Traditionskelterei lud zur traditionellen Streuobstwanderung - Preise für Ebbelwei könnten anziehen

Frankfurt - Bohnapfel, Braeburn oder Berkersheimer? Da müsse auch die Experten passen. Denn ohne Frucht lassen sich Apfelbäume nur anhand von Rinde oder Knospe sehr schwer bestimmen. Mal abgesehen davon, dass es bundesweit rund 2500 Sorten, in der Region gut 250 gibt. Da helfen auch die zart rosa-weißen Blüten, die an diesem Gründonnerstag-Morgen in die noch recht kühle Luft lugen, nicht viel weiter.

Ebbelwei-Könner in

der 5. Generation

"Wir sind in diesem Jahr ein bisschen früh dran, aber es ging nicht anders", sagt Peter Possmann, Chef der seit 1881 existierenden Familienkelterei aus Rödelheim, die sich seit nunmehr fünf Generationen dem Frankfurter Nationalgetränk verschrieben hat. Und die seit 1974 alljährlich zu dieser Blütenwanderung einlädt. Eine Idee von Senior Günter (83), der im gedeckt-grünen Jäger-Outfit nebst Hut auch mit von der Partie ist. Und so stehen Vater, Sohn und Gerhard Weinrich, Chef des Main-Äppel-Hauses Lohrberg (MÄH), ein wenig ratlos auf dem Gelände zwischen Frankfurt und Bad Vilbel, versuchen den Baum zu bestimmen.

Was sie zudem eint: Liebe und Engagement für das Streuobst und seine Wiesen, typische Landschaftsform in Hessen und Herkunftsort der für die Produktion von Ebbelwei unerlässlichen Äpfel. 6000 Tonnen hat Possmann im vergangenen Herbst verkeltert, 80 Prozent wurden zu Wein - Alkoholgehalt zwischen 5,5 und 6,2 Volumenprozent. "In wirklich guten Jahren waren es aber auch mal über 20 000 Tonnen", sagt Keltermeister Martin Henke, Herr über 150 Tanks, 15 Millionen Liter im Lager und den Geschmack. Denn um über die Jahre hinweg gleiche Qualität und Süffigkeit zu gewährleisten, wird der vergorene Apfelwein cuviert. "Vermählen" sagen dazu die Winzer auch. Bis zu zehn Chargen verkostet Henke zuvor, lässt sich von geschulter Zunge und feinem Gaumen leiten, entscheidet, was in welchen Mengen zusammengebracht wird. Und das mehrmals im Jahr. "Ich bin der Einzige in unserer Firma, der fürs Trinken bezahlt wird", scherzt er.

Neben Großkunden gehören aber auch traditionelle Ebbelwei-Wirtschaften zu den Abnehmern, die auf Wunsch auch eine eigene Geschmacksrichtung bekommen. Gibt es in Frankfurt doch nur noch gut eine handvoll selbstkelternder Wirte. "Wenn es überhaupt noch so viele sind", sagt Possmann junior. Aber darüber spricht man nicht so gerne. Betriebsgeheimnis.

Ganz offen äußert sich Possmann aber über die aktuelle Situation und die Preise. "Durch die Gastroschließungen während Corona, die ausgefallenen Feste und die Einbußen im Stadion-Geschäft, haben wir enorm gelitten", so der Eintracht-Fan, der seine Karte für das Barcelona-Spiel am selben Abend einem Freund überlassen hat. Die 47. Apfelblütenwanderung geht vor.

Wirklich ärgerlich: Die Preise könnten leicht anziehen. Besonders die gestiegenen Roh-Flaschenkosten schlagen da zu Buche. Für die Glasproduktion braucht man viel Energie.

Energie - wenn auch andere - braucht es auch, wenn es um den Erhalt von Streuobstwiesen geht. "Ein Baum ist schnell gepflanzt, aber noch wichtiger ist die Pflege", sagt MÄH-Chef Weinrich. Seit Kurzem darf sich sein Äppel-Haus auch offiziell als regionales Streuobstzentrum bezeichnen. Als solches kümmert es sich nicht nur um über 2500 Bäume und 25 Hektar rund um den Berger Hang, sondern bildet in Schnittkursen auch Naturfreunde zu zertifizierten Landschaftsobstbauern aus, kümmert sich um Schulprojekte. "Wir betreuen pro Jahr über 5000 junge Leute, um die sich unsere fünf Umweltpädagogen kümmern", sagt er. Was ihn wie Peter Possmann - dessen Unternehmen ebenfalls mit zwei Schulen kooperiert und von der Stadt gepachtete Flächen bewirtschaftet - immer wieder wundert, ist "wie weit weg die jungen Leute von der Natur sind", wie es Weinrich ausdrückt. "Die fotografieren zwar alles, aber selber anfassen ist oft nicht mehr", hat Peter Possmann bei seinen Kelteraktionen beobachtet. Und: "Das zu ändern, ist unser beider Ziel." Egal ob mit der Hilfe von Bohnapfel, Braeburn oder Berkersheimer. Oscar Unger

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