Der Komponist Paul Hindemith (1895 bis 1963) lebte von 1927 bis1927 im Kuhhirtenturm. Heute befindet sich dort das nach im benannte Ausstellungs-Kabinett, das Susanne Schaal-Gotthardt leitet. FOTO:enrico sauda
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Der Komponist Paul Hindemith (1895 bis 1963) lebte von 1927 bis1927 im Kuhhirtenturm. Heute befindet sich dort das nach im benannte Ausstellungs-Kabinett, das Susanne Schaal-Gotthardt leitet.

Frankfurt, deine Komponisten

Von der Musik im Leben der Völker

  • VonGernot Gottwals
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Hindemith Institut zeigt im Kuhhirtenturm in Sachsenhausen neue Ausstellung zur Zeit von 1918 bis 1933

Frankfurt im Sommer 1927: Messe und Stadt laden zur Ausstellung "Musik im Leben der Völker", begleitet von der Konzertreihe "Sommer der Musik". Zahlreiche Größen der Branche geben sich in Deutschlands zweiter Musikmetropole neben Berlin ein Stelldichein. "Und Paul Hindemith als etablierter Komponist in der Frankfurter Stadtgesellschaft ist natürlich auch Teil dieser kulturellen Offenheit für internationale Musik", sagt Susanne Schaal-Gotthardt, Direktorin am Hindemith Institut.

Geschichte auch hörbar machen

Grund genug, die neue Reihe von Kammerkonzerten im Kuhhirtenturm mit der aktuellen Wechselausstellung "Musikleben in Frankfurt 1918-1933" zu begleiten. "Dabei wollen wir die Musik jener Zeit auch während des Rundgangs im dritten Stock des Hindemith-Kabinetts sicht- und hörbar machen", sagt Schaal-Gotthardt und verweist auf die Vitrine mit einer Papierrolle für mechanisches Klavier mit Hindemiths Toccata op. 40mNr. 1. sowie drei ausgewählten Schallplatten mit Hindemiths Suite aus dem Triadischen Ballett, Mozarts Streichquartett d-Moll und Peter Packays "Oh my" mit dem Jazzorchester von Dr. Hoch's Konservatorium.

"Aus konservatorischen Gründen sind diese Tonträger zwar nicht mehr spielbar", räumt Schaal-Gotthardt ein. Damit die Musik trotzdem erlebbar wird, hat das Hindemith-Kabinett wie auch in der Dauerausstellung einen Kniff angewendet: Es genügt, den QR-Code zu scannen oder unter www.nub.art einen Code einzugeben - schon werden die Kompositionen lebendig.

Nach längerer Corona-Pause öffnet der frisch gestrichene Kuhhirtenturm auch mit neuen Kammerkonzerten: Wenige Restkarten gibt es noch für das Konzert zu Hindemiths 126. Geburtstag am 16. November um 11 und 19.30 Uhr in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst mit Werken vom Geburtstagskind und Robert Schumann sowie für das Konzert am 21. November um 17 und 18.30 Uhr im Kuhhirtenturm mit Werken von Hindemith, Joseph Haydn und Wolfgang Rihm. Anmeldungen unter institut@hindemith.org

Der Rundgang beginnt mit einem Überblick über die Umbrüche und Reformen an Dr. Hoch's Konservatorium und dem damaligen Opernhaus (heute "Alte Oper"). Zwar scheitern Bestrebungen, nach der Inflation 1922 das Konservatorium in eine staatliche Hochschule umzuwandeln, wobei Hindemith eine zentrale Funktion eingenommen hätte.

Der Jazz als Brücke

Doch nach anfänglich oft distanzierter bis ablehnender Haltungen für neue Stilrichtungen jenseits des Atlantiks, zeigt man sich nun für gewisse improvisierende Band- und Orchestermusik aus den USA offen: "Jazz könnte eine Brücke zwischen Unterhaltungsmusik und hoher Kunst sein", schreibt Alfred Baresel 1927 in der Frankfurter Zeitung.

"Tatsächlich wurde in Frankfurt weltweit die erste Jazz-Klasse in einem Konservatorium eingerichtet", betont Schaal-Gotthardt. Derweil öffnet sich das Opernhaus unter Leitung des Generalmusikdirektors Hans Wilhelm Steinberg (1929-1933) verstärkt der zeitgenössischen Musik. Bereits 1922 kann Hindemith hier seine Oper "Sancta Susanna" aufführen. Als Kapellmeister wirkt sein Schwiegervater Ludwig Rottenberg. Es folgen unter anderen die Uraufführungen von Bernhard Sekles "Die zehn Küsse" 1926 und Arnold Schönbergs Einakter "Von heute auf morgen" 1930.

Eine weitere Institution ist der Konzertverein der Frankfurter Museums-Gesellschaft. Wenn hier der alles überragende Leiter Wilhelm Furtwängler seit 1920 die Sinfonieorchester der Frankfurter Oper leitet, spenden ihm seine Zuhörer auf Knien Beifall - so sieht es zumindest der Karikaturist Lino Salini. Doch die Wirtschaftskrisen nach dem Ersten Weltkrieg, die 1929 zur Fusion des Frankfurter Symphonieorchesters mit dem Orchester des Südwestdeutschen Rundfunks führen, zwingen zum Umdenken. Neue Wege geht auch hier Hindemith seit 1922 mit der Gründung der "Gemeinschaft für Musik", die das Verhältnis zwischen Musikern und Publikum mit Konzerten in Zinglers Kabinett in der Kaiserstraße zu Ausstellungen von Max Beckmann und Paul Klee neu definiert.

Doch auf den Frankfurter Musikfesten öffnet sich der internationale Vorhang auf großer Bühne: So organisiert Herrmann Scherchen im November 1925 eine Feier für den russischen Komponisten Igor Strawinsky. Das abwechlsungsreiche Programm zu "Musik im Leben der Völker" 1927 mit Folklore sogar aus Russland und Japan erleben über 800 000 Besucher. Doch sechs Jahre später wird die Stimmung umschlagen: Nach der Machtübernahme der Nazis werden ab April 1933 ausländische und jüdische Lehrkräfte wie der Konservatoriumsdirektor Bernhard Sekles entlassen. Und Hindemith wird mit seiner Frau jüdischer Abstammung 1938 emigrieren. got

Paul Hindemith

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