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Die Zukunft im Blick, ohne die Tradition zu vergessen: Der Jazz-Trompeter Jason Schneider, der in Praunheim aufwuchs und heute in Heddernheim lebt.

Praunheim: Musikszene

Von der Nidda in den Jazzkeller

  • vonDetlef Kinsler
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Ambitionierter Trompeter stellt sein zweites Album vor

Wenn der Trompeter Jason Schneider von seiner Kindheit und Jugend im Elternhaus in Praunheim erzählt, einem verwunschenen, komplett mit Efeu bewachsenen Haus nicht weit von der Nidda entfernt, erinnert er sich: "Musik war bei uns allgegenwärtig." Das ist für Jason bis heute so geblieben, der am Mittwoch, 17. Dezember, sein zweites Album im Jazzkeller vorstellt. Leider ohne Publikum, aber mit Livestream. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Mit Gitarre fing es an

Der Papa, Matthias Schneider, ein Musikwissenschaftler und Initiator des Frankfurter Renaissance Ensembles, gab daheim Gitarrenunterricht. Also spielten die vier Kinder erst einmal Gitarre, bevor sie sich noch ein anderes Instrument aussuchen konnten. "Mein Bruder hatte schon mit der Posaune begonnen, die ältere Schwester spielte Oboe und ich habe dann hin und her überlegt, konnte mich erst nicht so richtig entscheiden", erinnert sich Schneider. Entschloss sich dann aber für die Trompete. Denn es sollte ein Instrument sein, dass ihm mehr Möglichkeiten als ein Orchesterinstrument eröffnete. Mit 15 hatte er dabei noch nicht den Jazz mit seinem Improvisationspotential im Sinn, aber das kam schnell ins Spiel.

"Ich habe auf der Bettinaschule im Westend zusammen mit anderen Musikern und dank einer engagierten Lehrerin eine Jazzband gegründet, die - zuerst ganz klein - mittlerweile zu einer großen Big Band gewachsen ist", sagt er nicht ohne Stolz. Die ersten Schritte waren "mehr oder weniger gekonnt", aber der Anfang war gemacht.

"Als Jugendlicher habe ich meine Passion für Funk- und Soul-Musik der 70er-Jahre entdeckt und dadurch erst angefangen, gezielt Trompete zu hören", bringt Schneider Namen wie Freddie Hubbard, Roy Hargrove und Nicholas Payton ins Gespräch. Die prägten ihn. Seiner Leidenschaft frönte er in Bands wie Flowarea, Mate Power, Argosoncis und Kokonino County, wo er dann auch mit Effektgeräten experimentierte, um die Trompete zu verfremden, und zudem Erfahrungen als Sänger sammelte. Mit allen Gruppen erreichte er dank eines hippen Sounds immer ein junges Publikum. 2015 gewann er mit The J|Sound Project kurz nach Gründung des Quartetts auf Anhieb das mit 10 000 Euro dotierte Jazzstipendium der Stadt Frankfurt. "Die Auszeichnung war vor allem eine Bestätigung, dass unser Ausgangspunkt der richtige war", hat er nicht vergessen. "Ich versuche vor allem, mich selbst in meiner Musik wiederzufinden und hätte auch ohne das Stipendium diesen Weg weiter beschritten. Aber natürlich gab es einem den Auftrieb, dranzubleiben."

Der Tradition verpflichtet

Mit dem ukrainischen Pianisten Yuriy Sych und Schlagzeuger Uli Schiffelholz hatte er zwei weitere Preisträger im Team, das Bassist Ivan Habernal komplettierte. Saxofonist Michael Schreiner war als Gast dabei. "Über eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit hinaus sind wir längst gute Freunde geworden", freut sich Schneider und nennt J|Sound (auf diese Kurzform wurde der Name inzwischen reduziert) eine "wirkliche Working Band". "Ich wollte nicht, wie oft im Jazz üblich, nur eine einmalige Kooperation mit guten Einzelmusikern haben. Ich habe nach wandelbaren, offenen Musikern gesucht, die bereit sind, mit mir gemeinsam die Musik weiterzuentwickeln, und mir ebenso auch Input geben können." Nach seinem Verständnis von Jazz fühlt sich Schneider schon der Tradition verpflichtet. "Was aber nicht heißt, dass ich traditionellen Jazz mache", betont er. "Vielmehr möchte ich ihm ein neues zeitgemäßes Gewand geben und trotzdem die Tradition weiterführen." Kraftvoll, dynamisch und energiegeladen sind seine Kompositionen, atmosphärisch und virtuos werden sie umgesetzt.

Das neue, zweite Album "Loose Tongue" wird am 17. Dezember beim Release-Konzert im Jazzkeller vorgestellt und als Livestream auf den Facebook-, Youtube-, Vimeo- und Patreon-Seiten des Jazzkellers frei Haus geliefert. Beginn: 21 Uhr. Der Titel der Produktion lässt sich als "loses Mundwerk" übersetzen. Dem wird eine gewisse Frechheit nachgesagt. Unverblümt die Meinung zu sagen, lässt sich für Schneider durchaus auf seine Musik übertragen. "Wenn man sich darüber im Klaren ist, was man sagen möchte, kann man das ungehemmter und mit mehr Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen", kommentiert er. Seit vier Jahren wohnt er wieder im Nordwesten der Stadt in der Heddernheimer Kirchstraße. "Mich hat es nicht abgeschreckt, dass das Haus älteren Semesters ist und einiges an Zuwendung braucht, da ich das auch als langfristiges Projekt betrachte", erklärt er. Gut Ding will Weile haben. Das kennt er ja aus der Musikszene. DETLEF KINSLER

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