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Von der obskuren Leichtigkeit des Zufalls

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Von: Sabine Schramek

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Tausendsassa, Lebenskünstler, Bonvivant und Autor: Markus Eulig, der Mann mit den vielen Gesichtern und Geschichten, mit Buch und Getränk in der Kleinen Hochstraße, einem seiner Lieblingsorte.
Tausendsassa, Lebenskünstler, Bonvivant und Autor: Markus Eulig, der Mann mit den vielen Gesichtern und Geschichten, mit Buch und Getränk in der Kleinen Hochstraße, einem seiner Lieblingsorte. © Rainer Rüffer

Wie ein Frankfurter aus 42 Stehtisch-Gesprächen ein ganzes Buch machte

Was macht man, wenn das Büro öde und einsam, der Kontakt zu Freunden gleich Null ist und die Stimmung launisch wird? Man geht vor die Tür, um sich zu inspirieren. Markus Eulig hat am Stehtisch eines Lokals 42 zufällige Begegnungen aus seinem Leben aufgeschrieben und dabei fast genauso viele neue gefunden.

Auf dem Cover weiße Wolken

Wenn sich die Menschen in der Kleinen Hochstraße wiedersehen, die sich zufällig nach und nach während der Lockdowns begegnet sind, sieht man vor allem leuchtende Augen. Und man hört den Ausdruck "Little Highstreet Gang". Auch bei Markus Eulig (60), der am Bistro-Tisch steht, sich Notizen macht und an einem Bier nippt, strahlt. Wie nebenbei hält er sein Buch in der Hand. Auf dem Cover fliegen weiße Wolken im blauen Himmel über ein sattes Roggenfeld. Zwei gesichtslose Figuren suchen darin. Beide alleine. Es können Fänger sein oder Finder. Auf der Rückseite unterhalten sich Willy Brandt und Helmut Schmidt. "Die obskure Leichtigkeit des Zufalls" heißt das Buch und schildert in Kurzgeschichten 42 Begegnungen. "Es waren 170, die mir nach und nach eingefallen sind, aber die Zahl 42 ist ja die Antwort auf alles". Man kennt das aus "Per Anhalter durch die Galaxis".

Im ersten Lockdown ging Eulig aus seinem menschenleeren Büro im Lockdown an den einsamen Bistro-Tisch vor dem Restaurant Pino's. Alle Sitzplätze im Lokal waren statt mit Gästen von riesigen "Panda-Mie" Stoffpandas besetzt. "Da sind sie mir wieder eingefallen, die vielen zufälligen Begegnungen in meinem Leben und ich habe sie aufgeschrieben", sagt der Autor. Eulig traf Prinz Philip auf einer Toilette und wählte deshalb Englisch als Leistungskurs. Er traf Charly Dörfer, der ihm im Lokal die Hand auf die Schulter legte und so Euligs Leidenschaft für Fußball weckte. Er traf Salvador Dali im Museum, den er nicht verstand, weil der junge Eulig kein Spanisch sprach. Er traf Otto Rehhagel am Strand, Richard von Weizsäcker im Schwimmbad, die Aura von Willy Brandt in einem Saal, den er kurz betrat. Er traf Andy Warhol am Tresen, Nancy Reagan am lodernden Kamin. Er traf nicht den Papst, weil ein Flirt alles durcheinander gebracht hatte. Während Eulig die Anekdoten direkt an der Straße schrieb, kamen immer wieder einsame Neugierige vorbei. "Leute, die ich nicht kannte. Leute aus der Nachbarschaft. Man unterhielt sich." Aus diesen Begegnungen entstand wieder Neues.

Kaum stellt er sich heute mit einem Bier an den Tisch in der Kleinen Hochstraße, an dem das Buch in 18 Monaten entstanden ist, kommen einige dazu und lachen. "Dabei ist ganz locker so vieles an Freundschaften entstanden, dass wir uns 'Little Highstreet Gang' nennen", erklärt Eulig grinsend.

Kurze Zitate zu jeder Geschichte

Jeder von ihnen hat dazu beigetragen, das Buch zu beenden. Es gab Aufmunterung und Kritiker, Lektorat, Künstler, Vorschläge, juristische Tipps und noch mehr Aufmunterung. Kurze Zitate unterlegen die Geschichten, Links führen zu Allgemeinwissen, das Geschichte aus der Zeit vor Corona wieder aufweckt. Das Cover hat der Frankfurter Künstler Mike Kuhlmann gemacht. Auch er kam zufällig am Stehtisch vor Pino's vorbei. So sind erste Lesungen entstanden und neue Projekte. "Es fühlt sich so leicht an in dieser rauen Zeit. Ein bisschen obskur und es tut einfach nur gut. So, wie viele Begegnungen Gutes im Leben bewirken", sagt der Autor. Wahrscheinlich hat all das dazu beigetragen, dass die kurzen Anekdoten das gesamte menschliche Gefühlsspektrum berühren. Manche sind lustig, andere machen nachdenklich oder neugierig. Wieder andere schockieren. Es sind Geschichten aus dem Leben eines Mannes, der viel erlebt hat. Unzählige Schulwechsel, Studium in Deutschland, der Schweiz und in den USA, immer unterwegs auf der ganzen Welt. Er war Kellner und Security, in der Forschung, Fotograf und Geschäftsmann. Seine Schwester litt an der Glasknochenkrankheit und starb mit 22 Jahren bei einem Autounfall. Seine Lieblingskollegin und Kriegsjournalistin wurde in Afghanistan erschossen. Am 9. September 2001 hat er in Paris am Telefon den Einschlag des zweiten Flugzeugs live gehört. Das Büro der Nachrichtenagentur, für die er gearbeitet hat, war weg.

Zwischen Leichtigkeit und Neugierde, Albernheit und Ernst sprüht Eulig vor Kreativität. Er reißt mit. Entwickelt sich und motiviert. Immer neu, immer positiv. Offen für jeden und alles. Offen für Begegnungen und das, was daraus entsteht. Die Zeit der Corona-Einschränkungen hat ihn nicht einsam gemacht. Nicht verbittert. Nicht wütend. Er hebt sein Bier und betrachtet Menschen, die durch die Kleine Hochgasse gehen. "Ich habe Erinnerungen gesammelt und neue Freundschaften gefunden. Durch Zufall. Ungefähr 42." SABINE SCHRAMEK

Das Buch

"Die obskure Leichtigkeit des Zufalls ist bei BoD-Books on Demnad erschienen.

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