Die Erdmännchen kuscheln gerne miteinander unter einer Wärmelampe. Im wohltemperierten Sand können sie sich ganz entspannt aalen.
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Die Erdmännchen kuscheln gerne miteinander unter einer Wärmelampe. Im wohltemperierten Sand können sie sich ganz entspannt aalen.

Pandemie

Von der Sehnsucht nach den Tieren im Zoo

  • vonSabine Schramek
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Kaum ein Zoo in Deutschland zählt normalerweise so viele Besucher wie der Frankfurter Zoo. Seit Corona ist alles anders. 4235 Tiere zwischen drei Millimetern und fünf Metern Größe vertreiben sich die Zeit im zweiten Lockdown ohne Besucherscharen. Wenn ausnahmsweise mal jemand anders als ein Tierpfleger an die Außengehege tritt, weiß man nicht, wer mehr staunt: Tier oder Mensch.

Gisela fliegt, reißt ihren Schnabel weit auf und scheint dabei unter Wasser zu kichern. Platsch, Hexer, Baer und Dori machen es ihr nach und schießen wie tanzende Pfeile zum großen Glasfenster in der Grotte. "Echte Menschen!", scheinen die Humboldtpinguine zu denken und kommen immer wieder ganz nah ans Glas, um die exotischen Zweibeiner mit den weißen FFP2-Masken im Gesicht zu bestaunen. Aus Felsspalten in der Freianlage hopsen immer mehr der insgesamt 50 putzigen Gesellen ins kalte Nass und wollen spielen. "Die Pinguine sind total neugierig und lieben Besuch", erklärt Kuratorin Sabrina Linn (32) und lacht, als Gisela wieder mit ihr an der Scheibe schnäbeln will.

Oberhalb der Grotte tönt es, als würde ein Büffel brüllen. "Nein, das ist auch ein Pinguin", erklärt Linn. 2019, als das neue Freigehege für die Schwimmvögel eröffnete, wurden sie von rund 824 700 Besuchern bestaunt. Jetzt staunen die Tiere, weil sie zwischen März und Mai außer Pflegern keine Menschen mehr gesichtet haben und seit November erneut nicht.

"Die Tiere arrangieren sich mit dem Lockdown. Sie gewöhnen sich daran, nur ihre Pfleger zu sehen", erklärt die Kuratorin, die alle 463 Tierarten im Zoo kennt. Klappert sie mit dem Schlüsselbund, tauchen Tiere auf. Zebras spitzen die Ohren, Kamele recken ihre Hälse, Wallabys schnuppern neugierig, rosa Flamingos wechseln ihren Standfuß und Alpakas bestaunen skeptisch mit kugelrunden Augen, was sich vor ihrem Gehege tut. Vor allem "Jasmin aus Schwerin" ist verwundert. Die dunkelbraunen Kulleraugen des Alpaka beobachten unter dem dicken wolligen Pony jede Bewegung. Sie ist hin- und hergerissen und überlegt intensiv, ob jemand Futter für sie dabei hat. Aber es ist noch zu früh, gefressen wird erst später. Spitzmaulnashorn Kalusko bleibt lieber drinnen. "Der will es warm haben. Vielleicht kommt er später raus, um weiter an seinem Weihnachtsbaum zu nagen", so Linn. Erst kürzlich gab es einen Heizungsrohrbruch im maroden Nashornhaus. "Die Rohre sind alt. Externe Rohre kosten Unsummen", erzählt sie mit Blick auf das Zukunftskonzept des Zoos. "Wir müssen jetzt planen und investieren, damit der Zoo für alle eine Bereicherung bleibt."

Im Streichelgehege wird seit März nicht gestreichelt. Dafür haben die Ziegen Bürsten bekommen, die sie selbst wie Kraulmaschinen nutzen können. "Das sind wohl die scheuesten Streichelziegen der Welt", scherzt Linn. Die Tiere wurden nach Ostern geboren und hatten noch nie Besucher im Streichelzoo. Zwei Böcke kämpfen spielerisch, ein schwarzes Zicklein meckert.

Wegen der Ansteckungsgefahr dürfen auch zu den Affen nur die Pfleger und sie unterliegen strengster Maskenpflicht. "Gearbeitet wird im ganzen Zoo in zwei Teams, die sich nicht untereinander treffen. Selbst wenn ein Pfleger alleine ausmistet, muss er bei Primaten, Raubkatzen, marderartigen Tieren und bei den Fledermäusen Mundschutz tragen", erklärt Linn. "So vermeiden wir Ansteckung und tun alles dafür, damit nichts passieren kann.

Vieles ist seit Corona schwieriger für Zoos geworden. "Tiertransporte zum Beispiel. An den Grenzen gibt es starke Kontrollen und lange Staus. Das kann man Tieren nicht zumuten", so Linn. "Zum Glück hatten wir in Frankfurt gut vorausgeplant. Unsere Huftiere sind vor dem zweiten Lockdown in andere Zoos gekommen. Einige Menschenaffen sollten im ersten Lockdown nach Antwerpen gebracht werden, aber wir haben damit bis zum Sommer gewartet."

Im Vorbeigehen winken und prusten ihr die Seebärenmännchen Emil und Samu und ihr Papa Otti aus dem Wasser zu. Sie drehen und wenden sich, die beiden jüngeren kabbeln sich. Jeden Tag werden die drei trainiert - auch ohne Besucher. "Sie lieben die Abwechslung", weiß Linn.

Löwin Zarika sitzt auf einem hohen Felsen und gähnt herzhaft. Brillenbär Manu hat ebenfalls einen Hochsitz erklommen und frisst am Tag nach seinem dritten Geburtstag genüsslich Obst. Ähnlich wie die Pinguine reagieren Erdmännchen auf Besuch, zumindest eine Hälfe von ihnen. Sie huschen an die Scheiben und patschen mit den Pfötchen neugierig dagegen. Die anderen liegen wie Grillhühner auf dem Rücken unter Wärmelampen. "Die träumen sicherlich gerade von Strandurlaub", sagt Linn. Sie hofft, dass die Pandemie bald überwunden ist. "Die Frankfurter vermissen ihren Zoo. Das haben wir auch an Weihnachten gemerkt. Es wurden so viele Tierpatenschaften verschenkt wie nie zuvor." Auch wenn im Moment keine Besuche möglich sind, gibt es Gutscheine für die Zeit "danach", die online bestellt werden können. Bis dahin bleiben die Gemälde in der U-Bahnstation am Zoo, um einen Hauch Sehnsucht nach Pinguinen, Löwen und Co zu stillen.

Die Löwin beäugt jeden Besuch aufmerksam vom Felsen aus.
Kuratorin Sabrina Linn
Hey, was schreibt die Reporterin denn da über uns, scheinen sich die Pinguine zu fragen und schwimmen immer wieder ganz nah an die Scheibe der Grotte. Sie sind sehr neugierige Tiere und lieben Besuch.

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