Die Auftaktveranstaltung für die achte Staffel der Stadtteil-Historiker hat digital stattgefunden. Wie es die kommenden 18 Monate weitergeht, ist noch nicht ganz klar.
+
Die Auftaktveranstaltung für die achte Staffel der Stadtteil-Historiker hat digital stattgefunden. Wie es die kommenden 18 Monate weitergeht, ist noch nicht ganz klar.

Geschichte

Von FKK bis Punk Rock

  • vonKatja Sturm
    schließen

Sie forschen zu ganz viele verschiedenen Themen in Frankfurt: die Stadtteil-Historiker. Jetzt ist die achte Staffel mit 25 neuen Teilnehmern gestartet - erstmals rein digital.

Geschichte ist nicht nur das, was weit zurück in der Vergangenheit passiert ist. Jeden Tag werden wieder neue Kapitel geschrieben. "So viel Geschichte wie jetzt war schon lange nicht mehr", sagt Professor Roland Kaehlbrandt.

Das, woran man zuerst denkt, wenn man diese Worte des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Polytechnische Gesellschaft hört, wird auch die achte Staffel des Projektes Stadtteil-Historiker prägen. Das wurde am "Tag der Geschichte" an diesem Wochenende klar. Wegen der Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie wurden die 25 neuen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Frankfurter Spurensuche zusammen mit ihren Vorgängern zwecks Staffelübergabe zu einer Videokonferenz gebeten. "Irgendwie sind wir so trotzdem zusammen", kommentierte Kaehlbrandt bei seiner Einführung diese längst etablierte Alternative zu persönlichen Treffen.

Die Stadtteil-Historiker werden seit 2007 von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft unterstützt und von der Frankfurter Neuen Presse als Medienpartner begleitet.

Fragezeichen im Ablauf

Wie es in den nächsten 18 Monaten weitergeht, das muss sich laut Dr. Katharina Uhsadel, die das Projekt leitet, noch herausstellen. Fest geplant sind bereits zwei virtuelle Werkstatt-Treffen, bei denen es Tipps für die Recherche und Auswertung der Ergebnisse geben wird. Wie man mit den Präsentationen umgeht, die in jeweils 14-tägigem Abstand eigentlich Bestandteil der Reise durch die Historie der verschiedenen Ecken der Großstadt sind, ist noch schwer abzusehen. Auch die freiwilligen monatlichen Zusammenkünfte mit Dr. Oliver Ramonat, der das Projekt für die Stiftung koordiniert, können erstmal nicht wie üblich stattfinden.

Der Startschuss ist aber zumindest gefallen. 42 Bewerbungen gab es diesmal. Laut Dr. Thomas Bauer, dem Vorsitzenden der Jury, war dies die bislang zweithöchste Zahl. Diese seien so facettenreich und interessant gewesen, dass man "sie alle hätte nominieren" können. Den Ausschlag für die Auswahl am 1. September gab, wie originell das Thema und sein methodischer Ansatz waren und ob es innerhalb des vorgegebenen Zeitraums umsetzbar sein würde.

Die Ideen wurden in acht Kategorien eingeteilt. Es geht um Biografien wie die jüdischer Mitglieder des Rudervereins Germania während des Nationalsozialismus, denen Kirsten Schwartzkopff nachgeht, Kulturgeschichte wie die des Punk Rocks, für die sich Christian Heidrich engagiert. Julia Preißer beschäftigt sich beispielsweise mit der Freikörperkultur in Frankfurt, Harald Pinhack sucht nach dem verschwundenen Gefängnis in Höchst, Eleonore Heuer begleitet die Diakonissen von gestern bis heute, und der jüngste Teilnehmer, Abel Muñoz Röcken, der als Angehöriger des Jahrgangs 2002 im vergangenen Jahr sein Abitur machte, schaut bei Arthur Schopenhauer an der Schönen Aussicht vorbei. Für den Aufwand, den die ehrenamtlichen Wissenschaftler betreiben, stehen je 1500 Euro bereit.

Kern des Projektes, erklärte Kaehlbrandt, sei es, "Bewusstsein zu schaffen für das, was war", wie Menschen lebten und was sie gestalteten. "Sie leisten damit einen Beitrag zum Zusammenhalt der Stadtgesellschaft", sprach er die neuen Stadtteil-Historiker an. Aber sie schrieben auch selbst an der Geschichte mit.

Wie sich das eigene Leben mit der Vergangenheit verbinden kann, davon erzählte der Schriftsteller Martin Mosebach in einem im Vorfeld gedrehten und auf Youtube veröffentlichten Video. 1951 in Frankfurt geboren, waren in seiner Jugend die Folgen der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg deutlich zu sehen. Die modernen Bauten, die damals anstelle der zerbombten Altstadt entstanden, boten einen Gegensatz zu den stehen gebliebenen Mietshäusern der Kaiserzeit in den benachbarten Stadtteilen.

Mosebach nahm seine Zuhörer und -schauer mit zu den Bauarbeiten für die Nordweststadt, in deren Verlauf "Liebhaber" in den Erdhaufen, die die Bagger tagsüber aufgehäuft hatten, nachts Münzen, Amphoren oder Bronzeplastiken fanden, die aus der Zeit des römischen Nida stammten. Drei Türme, die heute in die Höhe ragen, ließen aus der richtigen Perspektive im neuen Romantikmuseum auf einen Blick drei wichtige Stationen der Frankfurter Geschichte erkennen: die des Doms, der Paulskirche und der Europäischen Zentralbank.

Der Autor rief einen eigenen Wettbewerb aus, in dem es um die Entstehung einer Inschrift von 1935 in einem Haus in der Lersnerstraße geht, die "Einigkeit und Recht und Freiheit" zitiert, was im NS-Staat eine "Provokation" war. Diese aufzuklären, ist Mosebach etwas wert. Geschichte, so das Resümee, kann so spannend sein.

Er hat es schon getan: Stadtteil-Historiker Andreas Eichstaedt hat über Felix Stregen von Glauburg geforscht und geschrieben. Jetzt haben 25 neue Stadtteil-Historiker den Staffelstab übernommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare