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Von Gauklern, Händlern und Artisten

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Von: Gernot Gottwals

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Roll-Ups nennen sich diese Aufstellwände, die hier von Adolf Fletterer, Horst Gärtner und Sonja Keil (v.l.) betrachtet werden. FOTO: enrico sauda
Roll-Ups nennen sich diese Aufstellwände, die hier von Adolf Fletterer, Horst Gärtner und Sonja Keil (v.l.) betrachtet werden. FOTO: enrico sauda © sauda

Ausstellung zeichnet Schicksal der Menschen im Wohnwagenlager nach

Horst Gärtners Familiengeschichte ist von Heiratsverbot, Zwangssterilisation und KZ-Haft gezeichnet. "Mein Vater hatte Glück und war zu jung für die Sterilisierung", berichtet er. Denn wer zum "Fahrenden Volk" gehörte, wurde im Nationalsozialismus den "Asozialen" und der "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" zugerechnet.

Dunkles Kapitel beleuchten

Horst Gärtners Vorfahren kamen Ende der 1940er Jahre nach Frankfurt. Er lebt heute mit rund 80 bis 100 weiteren Reisenden und Fahrenden in der Wohngemeinschaft Bonameser Straße, die seit Jahrzehnten um ihre Anerkennung kämpft und mit der Wanderausstellung "...von Gauklern, Händlern und Artisten" in der Katharinenkirche nun ein weiteres dunkles Kapitel beleuchtet. Die Ausstellung erzählt auf insgesamt 14 Roll-Ups von der Lebenswelt der Fahrenden und Reisenden und reflektiert ihre bis ins Mittelalter zurückreichende Geschichte: Damals entstand eine Bevölkerungsgruppe fahrender und teilstationärer Händler-, Handwerker- und Artistenfamilien, die teilweise den Jenischen zugerechnet werden.

Zwei Roll-Ups erklären, wie die Begriffe "Asoziale" und "Berufsverbrecher" bereits in der Wohlfahrts- und Strafrechtspflege des 19. und frühen 20. Jahrhunderts entstanden und wie Angehörige des "Fahrenden Volks" als sogenannte "Ballastexistenzen" in den Lagern mit schwarzen und grünen Wimpeln gekennzeichnet und "durch Arbeit vernichtet" werden sollten. 75 Jahre lang wurde dieser Opfergruppe die Anerkennung verweigert.

"Doch dann beschloss der Bundestag 2019 einen Antrag, dass auch diese Gruppe stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken und einen angemessenen Platz in der staatlichen Erinnerungskultur erhalten soll", erklärt die Kuratorin Sonja Keil vom Diakonischen Werk in Frankfurt und Offenbach.

Der Prozess differenzierten Erinnerns dürfe nicht abgeschlossen sein.

Denn wer diese Zeit erlebte, hat Schreckliches in Erinnerung: "Mein Vater war achteinhalb Jahre lang im KZ. Wir Kinder wurden bespuckt, getreten, durften nicht zur Schule gehen. Und ich wurde ohne Narkose sterilisiert", berichtet Horst Gärtners Onkel Hasso Gärtner. Seine Familie lebte damals in Sachsen, schaffte 1949 noch die Flucht über die Grenze bei Hof. Im gleichen Jahr sorgte die Camilla Mayer-Hochseiltruppe am Roßmarkt für Unterhaltung, wie ein Ausstellungsfoto zeigt.

Ein neues Kapitel der Anerkennung für die Artisten und Gaukler? Leider nein, wie Adolf Fletterer betont: "Denn unsere Dienstleistungen waren gefragt, aber nicht unsere Art zu leben." So wurden fahrende Artisten und Händler, die wie vor dem Krieg in einer Wagenburg im Ostend lebten, 1953 in 70 Wohnwagen am zu Eschersheim gehörenden Bonameser Hang umgesiedelt - dort lebten zeitweise bis zu 1000 Menschen ohne Strom und mit Kaltwasser aus zwei Pumpen.

Verantwortlich war damals der von der NSDAP zur CDU gewechselte Sozialdezernent Rudolf Prestel. "Nach seiner Ansicht hatten diese Menschen selbst Schuld an ihrer Situation", so Keil. Auch im Gesundheitswesen waren mit Eva Justin und Robert Ritter frühere NS-Größen vertreten. Horst Gärtner und Adolf Fletterer berichten von Erniedrigungen und gewaltsamen Übergriffen durch Lehrer noch in der eigenen Schulzeit. Fletterers Sohn sollte gar von der Fried-Lübbecke- in die Weißfrauenschule mit Förderschwerpunkt Sprachheilförderung "durchgereicht" werden.

Runder Tisch sucht Perspektiven

Nachdem zuletzt wegen angeblicher Verunreinigungen durch Schrotthändler einige Parzellen gekündigt wurden, soll nun laut Magistratsbericht eine ämterübergreifende Gruppe unter Federführung des AmkA und der vermietenden ABG-Holding am Runden Tisch Perspektiven für den Erhalt der Wohnwagengemeinschaft erarbeiten.

Die Ausstellung ist bis 9. Juni montags bis samstags von 12 bis 18 Uhr und zu Gottesdiensten zu sehen. Zur Finissage berichtet der Sozialwissenschaftler Frank Nonnenmacher über seinen Onkel Ernst als Wanderarbeiter und Hausierer in der NS-Zeit.

Gernot Gottwals

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