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Neueröffnung - und das in Corona-Zeiten. Ann Biere und Philipp Güth vor seinem neuen Café im Herzen des Stadtteils. foto: hamerski

Rödelheim: Szenetipp

Von Müsli-Traum und Kaffee-Schaum

  • vonBrigitte Degelmann
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Wie aus der Idee zweier Brüder das "Wilson & Oskar" wurde - Neuer Treff in der Lorscher Straße

Ohne die Corona-Pandemie gäbe es dieses Café in Rödelheim wohl gar nicht. Denn ursprünglich hatten Philipp Güth und sein Bruder Lukas andere Pläne: Sie wollten Büros und Unternehmen in Frankfurt mit Müsli beliefern. Nicht mit irgendwelchen Fertigmischungen, sondern mit einer eigenen Mixtur aus hochwertigen Zutaten, die sie im vergangenen Jahr entwickelt hatten. Im Februar legten sie los. Schnell hatten sie einige Firmen auf ihrer Kundenliste.

Es geht um Nachhaltigkeit

Aber dann kam Corona, und die Büros standen leer. Und die Brüder standen vor der Frage, wie es weitergehen sollte. Ihre neue Idee: ein Internet-Shop, um ihre und weitere Produkte von kleinen Lebensmittel-Manufakturen zu vertreiben - zum Beispiel Brotaufstriche und Espressobohnen. Im Sommer suchten sie Räume für die Herstellung ihrer Frucht- und Schokomüslis und stießen zufällig auf jenes kleine Café in der Lorscher Straße, dessen Inhaberin nicht mehr weitermachen wollte.

Die Idee war geboren: ein Café, in dem es die Waren aus ihrem Web-Shop auch zu kaufen gibt und dessen Küche im hinteren Teil für die Produktion verwendet werden kann. Und in dem sie vor allem ihr ursprüngliches Anliegen, nämlich Nachhaltigkeit, umsetzen können.

Denn genau das stehe hinter ihrer Firmengründung, sagt Philipp Güth: einen Weg zu finden, um dieses Thema sinnvoll anzugehen. Nicht so wie jene Start-ups, die winzige Zutatenmengen mehrfach einpacken und sich trotzdem als nachhaltig rühmen. Oder wie jene Firmen, die auf ihren Produkten zwar den CO2-Ausstoß des Inhalts deklarieren, aber die Verpackungen halb leer lassen. Unzählige Beispiele für dieses "Greenwashing" kann der 33-Jährige anführen, die ihm schon während seines Informatikstudiums begegneten und auch später, als er Firmen in Sachen künstliche Intelligenz und Big Data beriet. "Es muss doch auch anders gehen", dachte er sich irgendwann. Seine Idee: "Die Kunden sollen bei uns Produkte kaufen und genießen können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Sie müssen sich keine Gedanken über Nachhaltigkeit machen, das übernehmen wir."

Ein hehres Ziel, das gar nicht so einfach zu erreichen ist. Wochenlang tüftelte er beispielsweise darüber, wie man die Müslis und Früchte-Snacks verpacken sollte. Vielleicht doch ganz in Plastik, um Verbundmaterialien zu vermeiden? Schließlich entschieden sich die Brüder für eine Hülle, die hauptsächlich aus Papier besteht und zu einem kleinen Teil aus Kunststoff. Nicht so nachhaltig, wie sie es sich wünschen, aber gerade in der Anfangszeit müsse man eben auch Kompromisse machen, sagt Philipp Güth. Dafür setzen sie auf möglichst kurze Lieferketten, indem sie ihre Rohstoffe entweder aus dem Großhandel oder direkt von den Erzeugern beziehen.

Ohne die Hilfe von Investoren

Rund ein Dutzend junger Leute, die ähnlich denken wie sie, haben die beiden Brüder inzwischen um sich geschart, um ihr Vorhaben zu verfolgen. Auf Hilfe von Investoren verzichten sie hingegen. "Wir wollen nicht von Geldgebern abhängig sein, deshalb haben wir alles selbst finanziert", sagt Philipp Güth. Jetzt eröffneten sie schließlich ihr Café "Wilson & Oskar". Ein 65 Quadratmeter großer Raum, in dem selbst in Corona-Zeiten rund 25 Gäste gemütlich sitzen können und den sie auch für Events vermieten.

Bleibt noch die Frage nach der Namensgebung für das Café. Darauf angesprochen, muss Philipp Güth schmunzeln. Dann erzählt er zwei Geschichten. Einmal davon, wie er einst abends im Büro mit damaligen Kollegen Pizza bestellt hatte. "Pizzabote Wilson kommt in 20 Minuten", hieß es vom Lieferdienst. Doch der Pizzabote tauchte stundenlang nicht auf. Die zweite Geschichte spielte sich vor gut einem Jahr ab, als er mit Freunden abends am Mainufer unterwegs war und nach einem Platz suchte. Vergeblich, alles war besetzt. Bis sie in der Nähe der EZB ein freies Fleckchen erspähten. Beim Näherkommen allerdings die Enttäuschung: Das Areal war mit einem Bauzaun abgesperrt. "Hier wohnt Oskar die Echse", hieß es auf einem Schild. "Die beiden Namen sind ein Symbol für die Hindernisse auf unserem Weg", sagt der 33-Jährige. Und vor allem dafür, dass sie sich dennoch nicht beirren lassen. Brigitte Degelmann

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