Nicht nur im Stadtwald sprießen Pilze, sondern auch im Wissenschaftsgarten der Goethe-Uni. Die Pharmazeutin Hermine Lotz-Winter zeigt beim Rundgang ein besonders schönes Exemplar. FOTO: leonhard hamerski
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Nicht nur im Stadtwald sprießen Pilze, sondern auch im Wissenschaftsgarten der Goethe-Uni. Die Pharmazeutin Hermine Lotz-Winter zeigt beim Rundgang ein besonders schönes Exemplar.

Goethe-Uni Frankfurt

Von Tränen-Fälbling und Herbstlorchel

  • VonSabine Schramek
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Im Wissenschaftsgarten auf dem Riedberg schießen unzählige Pilze aus dem Boden

Pilzsuppe werden die wenigsten Teilnehmer der Führung durch den Wissenschaftsgarten der Goethe-Universität in nächster Zeit kochen. Die einen aus Respekt vor den mehr als zwei Milliarden Jahre existierenden Lebewesen, die anderen aus Sorge um ihre Gesundheit.

Das Elend kommt meist in der Nacht

Wenn die Botanikerin und Mykologin Prof. Meike Piepenbring und die Apothekerin, Pharmazeutin und Pilzsachverständige Hermine Lotz-Winter über die Wiesen, Beete oder Wäldchen gehen, betrachten sie die Welt anders, als andere. Dort, wo auf den ersten Blick nur wächst, Laub, Erde oder Steine liegen, entdecken Hunderte Pilze aus Dutzenden von Pilzarten. Tränen-Fälbling, kahler Krempling, Häubling, rosa Lacktrichterling, Risspilz, Milchling, Tintling, Herbstlorchel, Mehltau, Rußtau und andere können sich vor den beiden Pilz-Expertinnen nicht verstecken. "Man muss wissen, was man sammelt und sich immer fachlichen Rat holen", sagt Lotz-Winter ernst. "Die Pilzberatung vom Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt hat auch sonntags geöffnet".

Sie weiß, warum sie das sagt. "Das Elend kommt meistens nachts und dann werde ich beim Gift-Notruf angerufen, wenn es Bauchkrämpfe, Herzrasen, Nervenstörungen und Angstzustände gibt." Dabei ließe es sich einfach vermeiden. "Auch wenn man sicher ist, dass man ungiftige Pilze gesammelt hat, sollte man sie niemals roh essen und immer mindestens 20 Minuten lang erwärmen. Leider halten sich viele nicht daran."

In zwei Gruppen streifen mehr als 60 Frankfurter mit den beiden Expertinnen durch das Gelände des 2012 angelegten wissenschaftlichen Garten der Goethe-Uni und entdecken staunend nach und nach das, was Prof. Piepenbring und Lotz-Winter sofort sehen. Hütchen, Knöpfchen, breite Schirme oder ausgefranste Lappen in allen vorstellbaren Farben und Schattierungen.

Pilze seien ein Teil des "Wood Wide Web", erklären sie. Damit Bäume miteinander kommunizieren können, bilden Pilze und Bäume Symbiosen durch die unterirdischen Pilzgeflechte. "Das funktioniert chemisch, so ähnlich wie bei menschlichen Hormonen", erklärt Lotz-Winter.

So werden Bäume via ihrer Wurzeln vor Schädlingen gewarnt, Pilze geben Wasser und Mineralien an Bäume ab, die wiederum Zucker an die Pilze spenden. So ergeben sich Symbiosen. "Es gibt Pilze, die als 'Aufräumtruppe' unterwegs sind und Reste zersetzen, es gibt pflanzenschädliche Pilze und Parasiten unter ihnen. "

Was wie pure Harmonie in der Natur klingt, ist allerdings reiner Überlebenskampf. Pilze haben wie Pflanzen eine feste Zellwand, sind aber keine Pflanzen. Da sie keine Blätter haben, können sie keine Photosynthese betreiben. Pilze gelten als Besonderheit zwischen Tier und Pflanze. "Man dachte, dass Pilze seit etwa einer Milliarde Jahren gibt. Mittlerweile geht man von einem Alter von mehr als zwei Milliarden Jahren aus", erklärt Prof. Piepenbring.

Echte Parasiten schädigen Blätter

Ihre Spezialität sind pflanzenschädliche Pilze. Sie können in winzigen Punkten in weiß, orange und schwarz erscheinen. An Rosenkohlblättern zeigt sie diese Pünktchen vom Rußtaupilz. "Wenn man ihn vom Blatt abkratzt, kommt das Grün wieder zum Vorschein. Echte Parasiten schädigen die Blätter."

Der Pilz holt sich seinen Nährstoff nicht von Pflanzen, sondern von Insekten wie Läusen oder Kohlfliegen, die Zucker aus dem Blatt saugen, von dem sich der Pilz ernährt. Komplizierter wird es bei Zucchini. Eine dünne weiße Schicht bedeckt einige Blätter. "Das ist echter Mehltau - ein echter Parasit. Der Pilz dringt in die Pflanze ein und braune Flecken entstehen. Darauf setzt sich dann ein Hyper-Parasit. Ebenfalls ein Pilz. Dort wächst er als braune Zelle in der Zelle vom Mehltau und ernährt sich von ihm."

Dennoch gelte nicht das Gesetz, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist, weil der Hyperparasit den Mehltau nicht ganz zerstöre, damit er selber weiterleben kann. Die Besucher staunen, wie komplex und kompliziert Pilze sind. Fast ehrfürchtig betrachte sie Mehltau und Giftpilze, die anscheinend harmlos ihre Köpfchen aus dem Boden recken. Je mehr sie hören, desto vorsichtiger gehen sie, um diese Naturwunder nicht zu zerstören. Pilze können überall sein. Manche sind schädlich, manche können tödlich sein. Den Unterschied zu machen, ist eine Wissenschaft für sich. Sporen verteilen sich mit dem Wind, an Fell, Federkleid oder Schuhen, um an passenden Orten wieder ein Netzwerk zu bilden. Um sich zu ernähren oder um als Pilzsuppe zu enden.

Noch ist Zeit für einen Besuch

Bis zur Winterpause ab dem 1. November kann der wissenschaftliche Garten der Goethe-Universität auf dem Campus Riedberg wochentags von 8 Uhr bis 14.30 Uhr und samstags von 11 Uhr bis 17 Uhr kostenfrei besucht werden.

SABINE SCHRAMEK

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