Die echte Welt ist doch immer noch die beste: Andreas Wild, Gründer der Online-Community Feierabend.de (links), schaut mit den ersten beiden Regionalbotschaftern Sigrid und Helmut Becker (Zweite und Dritter von links) ins Album der Erinnerungen, in dem Brigitte (rechts) blättert.
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Die echte Welt ist doch immer noch die beste: Andreas Wild, Gründer der Online-Community Feierabend.de (links), schaut mit den ersten beiden Regionalbotschaftern Sigrid und Helmut Becker (Zweite und Dritter von links) ins Album der Erinnerungen, in dem Brigitte (rechts) blättert.

Von wegen zu alt fürs Internet

Senioren aus Frankfurt chatten und verlieben sich online – seit 20 Jahren

  • VonMichelle Spillner
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Ein Mann aus Frankfurt gründet in den Neunzigern eine Dating-Plattform – online und für Senioren. Seither hat er für viel Liebe und Zweisamkeit gesorgt.

Frankfurt – Die Rentnergruppe im Gartenlokal könnte ein Kegelverein oder ein Kartenclub sein. Aber die 60- bis 90-Jährigen haben nichts gemeinsam, außer, dass sie sich im Internet kennengelernt haben. Das ist schon ein wenig ungewöhnlich. Wie viel ungewöhnlicher war das vor 23 Jahren, als die Online-Community feierabend.de gegründet wurde, die jetzt das 20-jährige Bestehen ihrer Regionalgruppe Frankfurt feierte.

Es begann mit einem Problem. "Ich habe meiner 61-jährigen Mutter 1997 das Internet erklärt, aber nichts gefunden, wo ich sie hätte ,abstellen' können", erzählt der Plattform-Gründer Alexander Wild (55 Jahre). Es gab im Netz lange nichts für Ältere. In den sozialen Netzwerken StudiVZ oder SchülerVZ hätten sie durch ihre Anwesenheit die Enkel in die Scham getrieben. Dann mache ich eben selbst so etwas auf, dachte sich der Frankfurter Wild.

Online-Dating in Frankfurt: Gesundheitstipps und neue Kontakte

Leicht sei das nicht gewesen. Schon allein technisch: 1998 hat man noch mit Akustikkoppler gearbeitet und ist mit 64 KB durchs Netz geächzt. Man war teilweise der Ansicht, dass das Internet nur eine vorübergehende Mode sei und wieder verschwinden werde. Und der Ansatz, das Portal ausschließlich durch Werbeeinnahmen zu finanzieren, war eine Herausforderung: "Ich musste den Leuten erst mal erklären, wie sie Werbung im Internet schalten." Aber die Nutzer sollten nichts zahlen - bis heute. Die Zielgruppe - heute definiert als diejenigen, die das aktive Berufsleben hinter sich haben - haben in der Rente vielleicht nicht so viel Geld, war Wilds Überlegung. Begonnen hat das Portal als Online-Treffpunkt "für Senioren 50 Plus". Jetzt, da Wild selbst 55 ist und sich gar nicht wie ein Senior fühlt, ist das Wording "Senioren 60 plus", sagt er lachend.

Ja, er hat gut lachen. Denn von der Community kann er längst leben, hat acht feste und nochmal so viele freie Mitarbeiter. 193 000 Menschen aus dem deutschsprachigen Raum sind Mitglied bei Feierabend.de. Sie geben sich Spitznamen, legen ein Profil an und lernen Leute kennen. Die Schrift bei feierabend.de ist seniorenfreundlich groß, der Erklärfilm zum Portal ist leicht verständlich, und wenn man Fragen hat, kann man sogar dort anrufen, "versuchen Sie das mal bei Facebook", sagt Wild.

Online-Dating: Plattform aus Frankfurt zum Chatten und Kennenlernen für Senioren

Die Plattform bietet Tagebücher, in denen Mitglieder schreiben. Im Ratgeberbereich gibt es Tipps gegen Müdigkeit, schwere Beine und Vergesslichkeit, im Gesundheitsbereich Untergruppen zu Themen wie Nagelpilz, Gelenkschmerzen und Schlafapnoe. Community-Mitglieder selbst testen für die Altersgenossen Produkte. Es gibt eine Quizecke, das tägliche Horoskop, Rententipps und Online-Vorträge, Chatbereich und seit Corona Video-Chat und - das Wichtigste - die Veranstaltungskalender der 135 Regionalgruppen, die von etwa 200 Regional-Botschaftern (Rebos) geleitet werden.

Sigrid und Helmut Becker sind die Rebos der Regionalgruppe 1 Frankfurt mit 1700 Mitgliedern - es gibt noch eine zweite mit 700 Mitgliedern. Sigi ist 82 Jahre alt, Helmut 79. Sie sind Pioniere. Sie waren die ersten Rebos, die vor 20 Jahren gefragt wurden, ob sie das Ehrenamt übernehmen möchten. Wild hat sie am Computer fit gemacht und darin, wie man was postet. Die Plattform feierabend.de ist das digitale Äquivalent der "kleinen Kneipe in unserer Straße", die Peter Alexander 1976 besungen hat: Ein Ort der (gefühlt) immer zugänglich ist, bei dem man sich sicher sein kann, dass man jemanden trifft, und an dem es keine Rolle spielt, was man hat und was man ist.

Online-Dating in Frankfurt: Seniorin findet im Chat die bessere Hälfte

Brigitte, 71 Jahre, geht jeden Tag mehrmals bei feierabend.de rein. "Da kann man sehen, wer alles online ist", sagt sie. Dann könnte man auch chatten, aber das macht Brigitte nicht. "Ich schaue nur." Und wenn sie angechattet wird? "Wenn die Person nett aussieht, dann antworte ich, und wenn nicht, dann nicht." Derjenige, der sie vor kurzem angechattet hat, sah nett aus, also hat sie geantwortet. Und jetzt sind sie ein Paar. Dass man in der Community auch eine bessere Hälfte finden kann, sei ein netter Nebeneffekt, aber sie sei ausdrücklich kein Datingportal.

"Zwei Dutzend Ehen haben wir gestiftet", rechnet Wild zusammen. Schade sei nur, dass die Mitglieder nicht mehr zu den Veranstaltungen kämen, wenn sie jemanden hätten. "Aber die kommen wieder, wenn sie wieder getrennt sind", lacht einer.

Online-Dating in Frankfurt: Gruppe organisiert Mehrtagsfahrten nach Rom und Prag

30 Mehrtagesfahrten haben Sigi und Helmut - alle sind per Du - in den 20 Jahren organisiert, auch nach Rom und Prag, 900 Wanderungen und unzählige Weihnachtsmarktbesuche, verliest Sieglinde die Laudatio für die Jubi-Rebos. Stormi hat für den Festtag Namensholzherzchen gebastelt, Eva steht mit der Kamera bereit, um die Ehrung zu fotografieren und dann zu posten. Alexander Wild überreicht eine gerahmte Urkunde. Und Manfred hat ein Fotoalbum mit Bildern der gemeinsamen Erlebnisse aus den Online-Galerien zusammengestellt, so richtig, aus Papier, mit Einband, gedruckt.

Und dann stehen alle um das Geschenk herum und blättern - wie damals, als es noch keine digitalen Bilder und keine virtuellen Welten gab. Die echte Welt ist doch immer noch die beste. (Michelle Spillner)

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