Zu viel Wasser für den Kanal: Vorige Woche war unter anderem die Höhenstraße zwischen Bornheim und dem Nordend überflutet.
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Zu viel Wasser für den Kanal in Frankfurt: Vorige Woche war unter anderem die Höhenstraße zwischen Bornheim und dem Nordend überflutet.

20 Stellen besonders gefährdet

Vor Starkregen muss sich jeder selbst schützen: Frankfurt will Kanalsystem nicht ausbauen

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Das Kanalnetz in Frankfurt hält extremem Starkregen nicht stand. Überflutungen häufen sich. Versickerungen statt Ausbau lautet die Devise.

Frankfurt – Überflutete Straßen und Unterführungen dürften in Zukunft öfter Ärger verursachen. Für "Starkregenereignisse" wie am Dienstag voriger Woche sei die Kanalisation nicht ausgelegt - ganz bewusst, erklärt die Stadtentwässerung (SEF). Straßen werden bei solchen Unwettern völlig regulär geflutet. Anlieger müssten sich selbst vor den Wassermassen schützen.

Ob in Sachsenhausen, im Nordwesten der Stadt, in Bornheim oder Seckbach: Vollgelaufene Keller und Unterführungen sowie überflutete Straßen in Frankfurt waren die Folge einer kräftigen Gewitterzelle, die sich am Dienstagnachmittag voriger Woche über Teilen der Stadt entlud. Mehr als 700 Einsätze zählten Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und DLRG.

Überflutungen in Frankfurt: Regen dieser Intensität nur alle 200 Jahre

Laut Statistik des Wetterdienstes gebe es Regen in dieser Intensität nur alle 100 bis 200 Jahre, erklärt Roland Kammerer, der Technische Betriebsleiter der SEF. Für so viel Wasser sei die Kanalisation in Frankfurt nicht ausgelegt, weshalb Straßen überflutet wurden. Teils drückte der Wasserdruck aus den Kanalschächten sogar Gullydeckel hoch. Also ist das Kanalnetz zu klein dimensioniert? Nein, widerspricht der Diplom-Ingenieur: "Das Kanalnetz wird in Deutschland nach Niederschlagsereignissen bemessen, die statistisch einmal in drei bis fünf Jahren auftreten." Dann müsse das Wasser vollständig in der Kanalisation abfließen können.

Nicht so bei einem Jahrhundertereignis wie vorige Woche: Dann staut sich das Wasser auch auf Grundstücken und Straßen, wofür diese aber extra ausgelegt werden. Dann wird die Fahrbahn praktisch zum Vorfluter der Kanalisation - so wie diesmal an der Höhenstraße an der Grenze zwischen Nordend und Bornheim. So etwas könnte bald öfter einmal in der Stadt zu beobachten sein.

Stadt Frankfurt gegen Ausbau des Kanalnetzes

"Tendenziell muss angenommen werden, dass die Intensität der Regenereignisse durch den Klimawandel zunimmt", sagt Kammerer. Dennoch will die Stadt ihr 1600 Kilometer langes Kanalnetz dafür nicht großflächig ausbauen - was Abermillionen Euro kosten würde. Dagegen haben sich die Stadtverordneten ausgesprochen, als sie im Frühjahr das Konzept "Abwasser 2035" beschlossen. "Ein Ausbau des bestehenden Kanalnetzes ist flächendeckend technisch nur sehr bedingt möglich, da der Platz im unterirdischen Straßenraum häufig bereits ausgeschöpft ist", heißt es im Konzept. Vor allem würden die massiven, langen Baustellen die Anwohner stark belasten.

Daher hat laut Konzept "der weitgehende Verbleib des Regenwassers vor Ort zukünftig Vorrang gegenüber der Ableitung". Das sei seit 20 Jahren konzeptionell in die Planung neuer Wohn- und Gewerbegebiete integriert, erklärt Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD). Bebauungspläne und Niederschlagswassersatzungen verpflichteten Anwohner dazu, Zisternen oder Regentonnen zu nutzen und Wasser versickern zu lassen. Grünanlagen würden so modelliert, dass diese bei Starkregen überflutet werden. Zu beobachten sei das auf dem Riedberg, so Gellert. Hier staue sich das Wasser bei Starkregen im Park und verhindere, dass die Kätcheslach vom Rinnsal zum alles mitreißenden Strom anschwelle. Vergleichbares wurde etwa im Gewerbegebiet Gateway Gardens am Flughafen Frankfurt realisiert. Mit einer Freiflächensatzung wollen Planungs- und Umweltdezernat laut Gellert bald weitere Vorgaben für mehr Entsiegelung und Versickerung machen.

Überflutungen in Frankfurt: 20 neuralgische Punkte

Es gebe 20 neuralgische Punkte, an denen im Stadtgebiet Überflutungsgefahr bei Starkregen herrsche, erklärt das Abwasserkonzept. Die Zahl nehme wegen des Klimawandels zu. Eine ämterübergreifende Arbeitsgruppe Starkregenvorsorge hat das Problem im Blick. An neuralgischen Punkten reagiert die SEF etwa mit Entlastungskanälen, so Kammerer. Ein solcher sei für den Bereich der Mörfelder Landstraße in Sachsenhausen zum Main hin in Planung.

Allerdings mahnt der Stadtentwässerer: "Auch Grundstückseigentümer müssen etwas tun." Sie müssten Vorsorge bereits beim Bau treffen oder Gebäude nachträglich sichern. Das könnten Aufmauerungen vor Kellerfenstern, Lichtschächten, Tiefgaragen oder Treppenabgängen sein. Sich selbst zu schützen, hat die Stadt den Eignern auch in der Entwässerungssatzung ausdrücklich auferlegt.

Das ist nichts Neues: "Der Schutz gegen Rückstau aus dem Kanalnetz bis zur Straßenoberkante ist seit mehr als 100 Jahren technischer Standard beim Anschluss an ein Kanalnetz", erinnert der SEF-Technikchef. Denn es könne auch ohne Starkregen zu einem Rückstau kommen, zum Beispiel, wenn Wasserleitungen bersten oder Kanäle verstopft sind. (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

Auch im August 2020 kam es in Frankfurt zu starken Überflutungen und Hochwasser.

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