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In der leeren Komödie zu sitzen schlägt dem sonst so positiv eingestellten Intendanten Claus Helmer langsam aufs Gemüt. foto: Kammerer

Frankfurt

Vorhänge in Frankfurt heben sich vorerst nicht

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Frankfurter Intendanten kämpfen in Coronazeiten um Existenz. Ihre Häuser bleiben zu

Frankfurt -"Fatalismus" empfindet Michael Quast in der Corona-Krise. Seit dem 13. März ("ein Freitag", sagt er) ist der Intendant der Volksbühne wie andere Theatermacher "dazu verdammt, nichts zu machen". Die Corona-Krise bremste ihn im erst Mitte Januar so fulminant eröffneten Haus im Großen Hirschgraben aus. Er dürfte zwar wie alle Theaterleiter nach den neuesten Vorgaben der gesetzgebenden Politik zwar am 9. Mai wieder öffnen, doch er hat den Spielbetrieb bis Ende Juni eingestellt. Denn die vorgeschriebenen Abstandsregelungen (1,50 Meter, nur eine Person pro fünf Quadratmeter Fläche, Maskenpflicht für Besucher, Schauspieler und Mitarbeiter) würden zu stark verkleinerten Zuschauerkapazitäten und künstlerischen Beeinträchtigungen bei den Vorstellungen führen.

Erst am Samstag hatte Quast bekanntgegeben, dass auch das Festival "Barock am Main" ausfällt. Ein weiterer Schlag. Etwa 60 Menschen hätten Arbeit gehabt. Das Festival war seit nahezu 15 Jahren stets fast ausverkauft. Doch Aufwand und Ertrag stünden in keinem Verhältnis.

In einem Video auf Youtube erzählt Quast im leeren Volksbühne-Saal von der "komischen Situation" zwischen Leerlauf und drängenden Aufgaben. "Man fühlt sich hilflos, auch wütend. Das bremst die Kreativität." Der schöne Gedanke, dass ein Künstler aus der Ruhe schöpfen könne, treffe nicht zu. "Wir Schauspieler (...) stehen ganz hinten in der Reihe. (...) Wir haben die Arschkarte gezogen." Denn ihre Kunst lebe von Begegnung, von Nähe, vom gemeinsamen Erleben. Im Publikum und auf der Bühne. "Das ist ja ein Gemeinschaftserlebnis."

Quast sagt: "Den Entscheidungsträgern sind viele Dinge wichtiger als die Kunst." Er fühlt sich nicht gewürdigt in der Arbeit für die Gesellschaft. "Wir sind offensichtlich nicht systemrelevant. Statt dessen herrscht hier Grabesstille. Totenstille."

370 Plätze bietet die Volksbühne im Parkett und auf dem Balkon. Bis zu 100 wären theoretisch erlaubt. Das funktioniert in der Realität nicht. "Die Sitzreihen sind fest verschraubt. Diese abzumontieren, einzulagern und Stühle hinzustellen, das wäre alles zu teuer", sagt Quast. Mitarbeiter müssten am Einlass, an Türen und in Garderoben den "Personenverkehr" regulieren. Toiletteneingänge wären eingeschränkt. "Bei den Herren dürfte immer nur einer rein, fünf wären normal", sagt Quast.

Alle Szenarien durchgespielt

Er hat "hart gerechnet", alle Szenarien durchgespielt. "Wir können ja nicht die Preise verdoppeln", sagt er. Karten kosten hier maximal 30 Euro, "wir sind ja nicht die Oper". Ein freies Theater ist, trotz des Zuschusses der Stadt, immer auf Förderer und Sponsoren angewiesen. Leid tun ihm die Schauspieler, die nun ohne Lohn und Brot dastehen. Denen gehe es schlecht. Er hält einen festen Mitarbeiterstab von acht Leuten gerade so mit dem Zuschuss der Stadt. Der wiederum mit der Zahlung der Miete schon um die Hälfte schrumpft.

"Wir hatten so vieles auf die Schiene gesetzt", sagt Quast, "unter anderem ein Eintracht-Programm. Wir hofften anfangs auf den Sommer. Jetzt ist alles auf den Herbst verschoben." Er hat nun Finanzhilfen beim Land beantragt. Und sagt: "Die Politik begreift langsam, dass in Krisenzeiten auch Theater wichtig ist."

Auch Claus Helmer, langjähriger Impresario der Komödie und des Fritz-Rémond-Theater am Zoo lässt die Häuser zu. "Wir könnten pro Vorstellung und pro Theater nur 36 Karten, also die Eckplätze der Sitzreihen verkaufen", sagt er. Dabei bietet die Komödie 380 Plätze, das Rémond-Theater 342. Hinzu kämen die aufwendigen Abstands-, Masken- und Hygiene-Vorschriften. "Keine der Inszenierungen ist unter Berücksichtigung der Vorgaben aus Wiesbaden umsetzbar", sagt Helmer.

Es gäbe keine Pausenversorgung, Toiletten dürften nur einzeln betreten und müssten nach jeder Nutzung desinfiziert werden. Allein im Bistro musste er drei Leute entlassen, alle Aushilfen und freie Mitarbeiter wegschicken. "Es ist eine schreckliche Situation", sagt er. Die Fixkosten für beide Häuser lägen monatlich bei rund 120 000 Euro, dafür fehlten nun die monatlichen Einnahmen von rund 180 000 Euro. Allein die Jahresmieten für beide Theater kosten rund 400 000 Euro. "Natürlich" habe er "alles Mögliche gestundet, gekündigt, geschoben". Aber er könne nur etwa 50 Prozent Kosten einsparen. Seine 24 Vollzeitbeschäftigten sind in Kurzarbeit. "Der Tunnel ist dunkel und am Ende ist kein Licht zu sehen" sagt der sonst so optimistische Mann, der die Komödie seit 48 Jahren und das Rémond-Theater seit 25 Jahren leitet. Die Lage gehe an die Psyche, sagt Helmer. "Ich hätte mir gewünscht, dass das Land sich die Lage der Theater genauer anschaut." Er hofft, dass sich im September die Vorhänge wieder heben. "Wir können kein Geistertheater machen". Ute Vetter

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