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Der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße, Torsten Schiller (rechts), und Vorstandsmitglied Ralf Wagner im Gespräch mit FNP-Redakteurin Stefanie Wehr.

Binding-Aus

Der Vorstand der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße versteht den Aufruhr ums Schweizer Straßenfest nicht

Seit bekannt ist, dass das Schweizer Straßenfest dieses Jahr nicht unter der Sponsorenflagge von Binding segelt, herrscht Sturm in Sachsenhausen. Im Interview sprechen Dr. Torsten Schiller, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße, und Vorstandsmitglied Ralf Wagner, Chef des Restaurants „Apfelwein Wagner“, über die Gründe.

Herr Dr. Schiller, Herr Wagner, wie gehen Sie mit der Wut um, den der Sponsorenwechsel in Sachsenhausen entfacht hat? 

SCHILLER: Wir fühlen uns nicht in der Rechtfertigungsposition, denn wir haben eigenverantwortlich nach bestem Wissen und Gewissen entschieden. Das Schweizer Straßenfest ist kein Bierfest und erst recht kein Binding-Fest. Das wird völlig verkannt.

WAGNER: Vielleicht ist Binding ja nächstes Jahr wieder Sponsor, das ist nicht ausgeschlossen.

SCHILLER: Genau. Wir haben den Sponsor für 2019 gewechselt, und nächstes Jahr werden die Karten neu gemischt. Ich halte es für völlig legitim, dass diesmal eine kleine Privatbrauerei aus der Region den Platz einnimmt.

Was bietet Braustübl, was Binding nicht bietet? 

WAGNER: Eine höhere monetäre Unterstützung. Wir hatten jetzt keine Verkostung, um etwa festzustellen, dass sie das bessere Bier hätten (lacht). Für Braustübl ist wohl der Werbewert höher, weil sie neu sind. Man kann der Binding nicht vorwerfen, dass sie nicht mehr zu geben bereit ist.

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SCHILLER: Ich sage es auch noch einmal: Wir leben in einer Wettbewerbsgesellschaft, und die Region lebt von Frankfurt und Frankfurt von der Region. Ich kann den Aufruhr nicht nachvollziehen. Auch andere Feste suchen immer wieder neue Sponsoren, das ist ganz normal.

Auf der Liste des zu beauftragenden Getränkehändlers stehen nur bestimmte Apfelweine und nicht-alkoholische Getränke. Das gefällt den Vereinen nicht und schon gar nicht den Ebbelwei-Anbietern. 

WAGNER: Wir hatten schon immer diese Exklusivitäten, die haben alle Feste. Das ist nichts Neues. Das Gemalte Haus und Apfelwein Wagner dürfen weiter selbst gekelterten Schoppen anbieten.

Für Vereine wird es jetzt teurer, weil sie Kühlwagen, Schirme und Gläser mieten müssen, die sie zuvor von ihren angestammten Getränkehändlern oder Binding günstig bekommen haben. 

WAGNER: Das mag sein, dass die Vereine, die öfter mit Binding zusammenarbeiten, die Ausstattung günstiger nutzen können. Aber das konnten wir nicht wissen. Wir sind auch nicht Vertreter der Vereine.

SCHILLER: Die Vergünstigungen waren uns nicht bekannt. Das kann für uns aber auch kein Entscheidungskriterium sein. Die Vereine – die übrigens zum Teil nicht Mitglied in der Aktionsgemeinschaft sind – sehen ihre Vorteile in Gefahr. Letztlich geht es ihnen nur ums eigene Interesse.

WAGNER: Das Fest dient als Marketinginstrument für die Geschäfte, um die Schweizer Straße am Leben zu erhalten. Das und nichts anderes ist der Sinn des Fests. Deshalb haben wir wieder den verkaufsoffenen Sonntag beantragt. Besucher können Neues entdecken, wo sie auch den Rest des Jahres einkaufen können. Es geht nicht darum, dass jemand einen Reibach macht. Für mich sieht es so aus, als wäre für manchen das Fest dazu da, um den Etat aufzubessern. Aber das kann nicht unser Anspruch sein, dafür sind wir auch nicht gewählt.

Welchen Anspruch verfolgt die Aktionsgemeinschaft? 

WAGNER: Das Fest wurde 1984 ins Leben gerufen, als die U-Bahn gebaut wurde. Die Geschäftsinhaber auf der Schweizer Straße hatten Angst, dass Kundschaft nun in die Innenstadt zum Einkaufen fährt. Ich habe als Jugendlicher damals draußen Apfelwein verkauft. Mein Vater ließ eine Band spielen, die kostete viel Geld. Die Geschäfte und Gaststätten wollten beim Fest Präsenz zeigen, und es ging nicht darum, damit Geld zu verdienen.

SCHILLER: Die U-Bahn war der Grund für die Gründung des Vereins, der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße. Man wollte etwas tun, damit die Geschäftslandschaft hier nicht verödet.

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Mancher in Sachsenhausen vermisst den Charakter des kleinen und familiären Stadtteilfests von früher und wünscht sich, das Fest wieder zu verkleinern. Wäre das eine Option? 

SCHILLER: Das ist leider schwierig. Man kann theoretisch die Fläche verkleinern. Aber die Sicherheitsmaßnahmen bleiben die gleichen. Ich würde es ungern zeitlich kürzen, etwa auf einen Tag, wie es früher war. Denn der Sonntag ist eigentlich der schönere Tag, an dem Familien in Ruhe übers Fest schlendern können.

Ein Vorwurf lautet, dass das Fest zu laut geworden ist. Die Teilnehmer zahlen noch dazu einen Obolus für die zentral gesteuerte Musik. 

WAGNER: Das kam daher, dass die einzelnen Stände mit Musik irgendwann versuchten, sich gegenseitig zu übertönen. An jeder Ecke drehte jemand die Musik auf. Das haben wir vor Jahren gesagt, das geht so nicht, wir organisieren ein gemeinsames Musikkonzept, an dem sich jeder beteiligt. Wir regeln die Musik auch im Sinne des Lärmschutzes, abends wird sie leiser.

Ist das Fest als solches denn innerhalb der Aktionsgemeinschaft umstritten?

WAGNER: Die Meinungen sind gegenläufig. Wenn die Mehrheit sagen würde, wir wollen das Fest nicht mehr, dann wird der Vorstand es umsetzen. Das war aber bisher nie der Fall.

Vergangenes Jahr bemängelten Sie, dass wenig Engagement von den Mitgliedern kommt. Vielleicht führt der Aufruhr ja dazu, dass sie sich mehr einbringen? 

SCHILLER: Das wird sich zeigen, uns würde es freuen. Denn zufriedenstellend ist die geringe Beteiligung nicht.

Die Gelegenheit bietet sich heute Abend, wenn die Mitglieder der AG zur Versammlung eingeladen sind. Dann wird auch der Vorstand neu gewählt. Treten Sie noch einmal als Vorsitzender an, Herr Schiller? 

SCHILLER: Ich sehe keinen, der diese ehrenamtliche Arbeit an meiner Stelle machen wollte. Sie ist mit viel Stress und Zeitaufwand verbunden. Ich klebe nicht an dem Posten. Anwürfe persönlicher Art muss ich mir nicht gefallen lassen.

WAGNER: Wenn jemand kommt, der mitmachen will, gerne, da freuen wir uns. Ich bin dankbar für jeden, der was macht.

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