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Widmet sich ihrer Aufgabe mit Humor ? und gebotener Strenge: Professor Dr. Ursel Heudorf.

Der Rote Faden

Dr. Ursel Heudorf kämpft gegen unsichtbare Gefahren

Wenn die Stadt nicht ganz sauber ist, greift Dr. Ursel Heudorf ein. Die Medizinerin ist Vize im Gesundheitsamt und kämpft gegen unsichtbare Gefahren. Nun geht sie in Ruhestand. Ihr widmen wir Folge 277 der Serie „Der rote Faden“, in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten. Von Mark Obert

Frankfurt - Es gibt Übel zwischen Himmel und Erde, von denen will man nichts wissen, die will man lieber nicht sehen. Die fiesen Biester, wie auch Ursel Heudorf jene Feinde des Menschen nennt, die zu bekämpfen sie sich zur Aufgabe gemacht hat, kann man nicht sehen. Dabei wäre es in diesem Falle für uns alle besser, sie wären zu erkennen, wie sie da überall kleben auf Türklinken, auf Klobrillen, auf den Händen und an der Kleidung, auf medizinischem Besteck vor allem.

Professor Dr. Ursel Heudorf, 65, ist die Keim-Expertin des Frankfurter Gesundheitsamts und dessen stellvertretende Leiterin. Gerade sitzt sie in ihrem Büro und macht angeekelte Miene zum bösen Spiel. Die Frage nach den schlimmsten Erlebnissen steht im Raum, schließlich muss die Frau von den Übeln zwischen Himmel und Erde wissen. Manche Einrichtungen ließ sie mangelnder Hygiene wegen schon schließen, Krankenhäuser und Altenheime nahm sie ins Gebet, in Arztpraxen hat sie ermittelt, dass dieselben Bestecke ungereinigt in Körperöffnungen mehrerer Patienten geschoben wurden. Sie hat einmal das ambulante OP-Zimmer eines uneinsichtigen Chirurgen dichtgemacht. Sieben Jahre lang!

Sie selbst hat sich mal mit einem Springer im Schachspiel verglichen, der im Dienste der Bürger mal schützend dahin springt, mal dorthin. Ein Kollege widersprach ihr, für ihn ist sie der Turm, weil sie gar nicht hin und her springe, sondern immer berechenbar sei, immer geradlinig, im Amt als Chefin, als Hygiene-Wächterin Frankfurts. „Ich habe, ob in Krankenhäusern oder sonst wo, immer eine partnerschaftliche Zusammenarbeit angestrebt“, sagt sie. Das klingt zeitgeistig kooperativ. Und sie kommt ja auch recht locker rüber, humorvoll und bodenständig. Sie sagt aber auch – und lässt dabei die Strenge durchscheinen, die man ihr zutraut: „Ich habe natürlich auch gesagt, was wir wollen, und das ist es dann.“

Manchmal sind es kurze Episoden im Leben eines Menschen, die Auskunft über ihn geben. Bei Ursel Heudorf ist es eine Reise in den 80er Jahren. Sie hatte sich damals entschieden, allein durch China zu reisen, damals, als noch kaum ein Chinese Englisch sprach, als das Land allmählich erst vom Maoismus sich zu emanzipieren begann, als das heute glitzernde Schanghai sich vor Ursel Heudorf noch so grau auftürmte, wie so viele triste Metropolen des Staatskommunismus waren. Sie hat es getan, war fünf Wochen in China unterwegs – einfach, weil sie es so wollte.

So entschlossen muss man wohl sein, wenn man auch gegen beratungsresistente Menschen kämpft im Kampf gegen multiresistente Keime, solche, denen selbst Reserveantibiotika nichts anhaben können, die rasend schnell mutieren, Krankenhauskeime, Killerkeime, wie der Volksmund sagt, die, wenn sie in die Blutbahn gelangen, den Mensch von innen verheeren, Keime, so sagt es Ursel Heudorf, die uns Menschen überlegen sind.

Und diese Keime kommen neuerdings von überall her. Manche sind im arabischen Sprachraum seit Urzeiten verbreitet, einen nennt man Irak-Erreger, weil er Legionen von im Wüstenkrieg verletzten US-Soldaten dahingerafft hat. Nun erobern sie Europa – auch weil viele Flüchtlinge sie in sich tragen, ohne es zu wissen. Im Alltag ist das kein Problem, im Krankenhaus schon. Ursel Heudorf hat deswegen auch früh Untersuchungen dazu durchgeführt, hat früh schon darauf aufmerksam gemacht. Das Beispiel sagt viel über die Frau und ihr Selbstverständnis. Das Gesundheitsamt, wie sie und Amtsleiter René Gottschalk es verstehen, informiert die Bürger, klärt die Bürger auf – auf Faktenlage. Das Robert-Koch-Institut war nicht begeistert vom Hinweis auf Keime und Flüchtlinge. „Die fanden das politisch nicht korrekt“, sagt Ursel Heudorf – und hebt zur Untermauerung der eigenen Verwunderung die Augenbraue. „Dabei sind das wichtige Erkenntnisse“, sagt sie. In der Folge wird jeder Risikopatient – und als solcher gilt man schon, wenn man eine Nahostreise hinter sich hat – bei Einlieferung in ein Krankenhaus auf Keime untersucht und nötigenfalls isoliert.

Seit 28 Jahren arbeitet die Ernährungswissenschaftlerin, Kinderärztin, Allergologin, Umweltmedizinerin und Hygiene-Expertin im Gesundheitsamt, seit vielen Jahren ist sie dessen Vize. An diesem Montag verabschiedet sie sich in den Ruhestand, und es ist zu hoffen, dass Ursel Heudorfs Kultur der Transparenz nachwirken wird.

So ein Gesundheitsamt weiß ja viel über den Zustand einer Stadt. Unlängst hat Ursel Heudorf etliche Nagelstudios schließen lassen und mit der Meldung gleichsam die Bevölkerung gewarnt. Hygienealarm auch dort. Die Gesundheit und Entwicklung von Schulkindern hat sie im Auge, die Luftverschmutzung misst und bemisst sie, und dann plötzlich sind es Nilgänse und ihr Kot, die sie beschäftigen. Ursel Heudorf untersuchte die Hinterlassenschaften. Salmonellen! Auf einer Freibad-Liegewiese! Und dazu blanke Kinderfüße. „Also bitte“, sagt sie, „da musste doch was geschehen.“

Nun ist sie nicht der Typ, der mit Vehemenz in die Öffentlichkeit drängt. Vielleicht, sagt sie, sei sie manchmal sogar zu zurückhaltend gewesen. Im Hintergrund aber hat sie von Anfang an energisch betrieben, was sie für sinnvoll erachtet hat. 1993, Chemieunfall im Griesheimer Werk der Hoechst AG, gelber Regen über Schwanheim. Die Menschen hatten Angst, die Stadt war ratlos. Ursel Heudorf untersuchte die Schwanheimer auf Rückstände im Körper, Humanmonitoring nennt man das. Und sie konnte ein wenig beruhigen. Schließlich wurde der Stadtteil auf ihren Rat hin nicht evakuiert. Dass ihr der damalige Umweltdezernent, der Grüne Tom Koenigs, folgte, rechnet sie ihm bis heute hoch an.

Schwanheim war – wenn auch zu dramatischem Anlass – ganz ihr Ding. Forschung, Erkenntnis, Schlussfolgerung, Entscheidung, Handlung. Man könnte auch sagen: die Kette von Vernunft und Logik. So etwas schwebte ihr schon vor, als sie sich Anfang der 70er Jahre fürs Studium der Ernährungswissenschaft und der Medizin entschieden hatte – sehr zum Ärger ihres Mathe-Lehrers übrigens. Wäre es nach ihm gegangen, hätte sie sich seinem Fach verschrieben. Die Tochter einer Mannheimer Kaufmannsfamilie war eine Vielfachbegabte, spielte früh konzertreif Klavier, dritter Platz bei „Jugend musiziert“, Bildung wurde großgeschrieben im Elternhaus. Sie war Kinderärztin an der Uniklinik, sie war in der Onkologie. „Eine bereichernde Erfahrung“, sagt sie, „Kinder bringen Ärzten viel bei, Kinder sind klar und ehrlich.“ Als die Stelle an der Uniklinik auslief, wusste sie nur eines: Eine Arztpraxis betreiben wollte sie nicht. Die ausgeschriebene Stelle im Gesundheitsamt kam wie gerufen. 1990 war das.

Seither hat sich viel getan, viel verbessert. Früher atmeten die Menschen noch reichlich krebserregendes Benzol ein, heute streitet die Gesellschaft über 40 Mikrogramm Stickoxid. Früher wurden Kinder in asbestverseuchten Schulgebäuden unterrichtet. Früher qualmten Eltern ihre Kinder zu. Ursula Heudorfs Vater rauchte 80 Zigaretten am Tag, im Nachhinein hat sie das geärgert. „Das weitreichende Rauchverbot war ein Meilenstein“, sagt sie. Und wie ist das mit den Keimen, den schier unaufhaltbaren?

Bundesweit erkranken jährlich Hunderttausende Menschen an Krankenhauskeimen, Tausende Infizierte sterben, genaue Zahlen sind seriös nicht zu nennen. In Frankfurt sorgte zuletzt 2017 ein Todesfall an der Uniklinik für Aufsehen. 250 meldepflichtige multiresistente Keime: Die Frankfurter Jahresquote bleibt seit drei Jahren konstant. Heißt das nun: Man hat’s im Griff? Oder heißt es: Man bekommt’s nicht weg? „Tja“, sagt Ursel Heudorf, „als jemand, der drin steckt in der Sache, sieht man es immer eher kritisch.“ Ärzte, Pfleger, Krankenhaus-Manager sind viel sensibler geworden, der Verbrauch an Desinfektionsmitteln – das Amt überprüft ihn – steigt stetig. Ursel Heudorf hat dafür eine Aktion der Bundesregierung mitbegleitet, die „Aktion saubere Hände“. Experten erklärten Krankenhauspersonal, wie wichtig es ist, sich die Hände zu desinfizieren, bevor man Patienten das Wundpflaster wechselt. 2008 war das. Es hört sich an, als erklärte man einem Busfahrer die Verkehrsregeln. „Na ja“, sagt Ursel Heudorf, „aber es war in manchen Krankenhausbereichen schlimm.“ Und gut ist alles längst noch nicht. Nur ein Beispiel: Eigens ausgebildete und entsprechend bezahlte Fachkräfte für Krankenhausreinigung fordert Ursel Heudorf seit langem. Die Kliniken winken aus Kostengründen ab. „Erst, wenn alle es machen, machen wir es auch“, hat ein Klinik-Geschäftsführer zu ihr gesagt. Aber das geht wohl nur mit einer Verordnung aus der Politik. Darauf wartet Ursel Heudorf bislang vergebens. Mal wieder. „Ich war oft enttäuscht von der Politik“, sagt sie.

So ist das eben: Fakten. Interpretation. Wirklichkeit. In einer Stadt gibt es mehrere Wahrheiten, eine Wissenschaftlerin und einen Politiker trennen da Welten. Oder, Frau Heudorf? Die Frage musste ja kommen, sagt ihr Gesichtsausdruck. Kurz wirft sie den Kopf in den Nacken, stößt ein spitzes „Ha“ aus, beugt dann den Oberkörper über die Tischplatte, als spielte sie ein aufwühlendes Klavierstück, atmet durch, blickt ihr Gegenüber fest an – und sagt: „Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Realität und die Realität der Politik nicht immer übereinstimmen.“ Sie sagt auch: „Vielleicht habe ich manchmal nicht genug skandalisiert.“

Die Selbstkritik ehrt sie. Andererseits hat sie gerade wieder im vergangenen Jahr deutlich klargemacht, was Sache ist. Im Eschbach und anderen Gewässern der Stadt hatte sie multiresistente Keime gefunden, und was auch immer sie meint, wenn sie von Skandalisierung spricht: Sie hat auch da wieder gemahnt und gefordert – weniger Antibiotika in der Massentierhaltung, nicht bereits bei jeder Erkältung. Die Sorge, Keime könnten irgendwann im Trinkwasser nachgewiesen werden, treibt auch sie um. Horrorvision? „Na klar“, sagt sie, „unser Trinkwasser ist ein besonderes Gut.“ Als Zeitungen und Fernsehteams aus ganz Deutschland über den Fund und seine Bedeutung berichteten, sprach auch sie in reichlich Mikrofone. „Wenn wir nicht aufpassen, fallen wir ins Vor-Antibiotika-Zeitalter zurück. Und dann werden viele Menschen sterben.“

Es gibt Wissenschaftler, die an Beharrungskräften verzweifeln. Es gibt Wissenschaftler, die auf die Vernunft anderer vertrauen. Ursel Heudorf bewegt sich irgendwo dazwischen. Als ihre heute 25-jährige Tochter klein war, hat sie es auch so gehalten. Irgendwie dazwischen. Von antiautoritärer Erziehung hält sie wenig, keine Grenzen zu ziehen, Konsequenzen nicht aufzuzeigen, hält sie für verantwortungslos. Aber ihre Tochter sollte auch eigene Erfahrungen machen, eigene Grenzen ausloten. Ursel Heudorf, die Ernährungswissenschaftlerin, hat ihre Tochter nicht mit Vollwert drangsaliert, bei Heudorfs gab’s auch Süßes, manchmal mehr als genug, bis eben die Tochter für sich entschied, wie viel ihr gut tut, wie viel nicht. „Kinder können so was gut“, sagt Ursel Heudorf.

Auf Kinder war das Gespräch gekommen, weil auch hier Untersuchungen des Gesundheitsamts tief blicken lassen. Wie es Kindern geht, woran es ihnen mangelt, welche Defizite sie aufweisen: Auch daraus mag man schließen, was einer Gesellschaft wirklich wichtig ist. Alle Jahre wieder untersucht das Amt all jene Jungen und Mädchen, die kurz vor der Einschulung stehen. Fettleibigkeit ist weit verbreitet, gestörte Sprachentwicklung nimmt zu, Befunde über Bewegungsmangel, schlechte Motorik, auffälliges Verhalten sind alarmierend. Mehr Schulsport wäre nötig, nur das, mehr Schulsport fänden alle sinnvoll, auch Schulämter, auch Bildungspolitiker. Es passiert nichts. „Was soll man da noch sagen?“, sagt Ursel Heudorf.

All diese Studien, die sie über die Stadt und ihre Menschen gemacht hat, füllen einen Aktenschrank in ihrem Büro, das sie dieser Tage auszuräumen begonnen hat. Die abstrakten Gemälde ihres Schwiegervaters, erdfarben, hängen noch, auch das Gemälde ihrer Tochter, farbenfroh ist es. Ob sie die Arbeit, das Amt vermissen wird? Sie weiß es nicht. Sie hat jetzt viel Zeit, Zeit allein. Ihr Mann, Ökonom ist er, hat noch ein bisschen bis zur Rente. Sie will morgens lange schlafen, sie will endlich wieder Romane lesen; sie will Europa bereisen, die weite Welt ist ihr zu viel geworden. Sie will so oft wie möglich in die Oper gehen. Sie will Klavier üben, Rachmaninoff, Beethoven; Liszt liebt sie besonders, sie hat die großen Hände für Liszt.

Es gibt zum Klavier noch so eine vielsagende Episode. Nach ihrem Studium hat sie etwas Ungewöhnliches getan: Sie bewarb sich beim Hoch’schen Musikkonservatorium um ein Stipendium. Sie hat es bekommen. Mit 29 Jahren wollte die Naturwissenschaftlerin noch einmal wissen, wie das ist mit ihr und dem Klavier. Ihr Lehrer nahm sie beim Wort. Zwei Noten ließ er sie wiederholen, zwei Noten nur aus einem Stück von Beethoven, C und A, immer wieder, zwei Monate lang. So geht das, wenn man den Dingen ernsthaft auf den Grund gehen will. Sie fand das gut.

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