Frankfurt historisch

Wäldchestag: Geschichten von Kaisern, Mägden und Germanen

Heute ist es wieder so weit: Für vier Tage herrscht auf dem Wäldchestag mitten im Stadtwald allerlei Trubel. Doch woher kommt diese Tradition ursprünglich? Die Historiker sind sich uneinig.

Was das Oktoberfest für die Münchner ist und den Hamburgern der „Dom“, ist den Frankfurtern ihr „Wäldchestag“. Heute ist es wieder so weit. Dann wird im Stadtwald nahe des Oberforsthauses vier Tage lang mit einem Riesenrad, Karussells, Musik, Essen und Trinken der Wäldchestag gefeiert. Früher haben sich die Menschen nur am Dienstag nach den Pfingstfeiertagen im Stadtwald getroffen. „Für die Schausteller lohnt es sich aber nicht, ihre Fahrgeschäfte nur für einen Tag im Wald aufzubauen“, sagt Werner Hardt, der Vorsitzende des Niederräder Bezirksvereins, der sich die Geschichte des Wäldchestages mal genauer angeschaut hat.

Der Niederräder Bezirksverein? Richtig. Zwar liegt das Gelände der Feierlichkeiten faktisch auf Sachsenhäuser Gemarkung, seit jeher beanspruchen die Niederräder das Wäldche für sich – ebenso wie die Rennbahn im Übrigen. Sei’s drum.

Verwaiste Zeil

Seit Jahrhunderten schon wird der Wäldchestag am Pfingstdienstag im Stadtwald gefeiert. Bis in die 1990er Jahre auch ziemlich konsequent. Dann ging in der Frankfurter Innenstadt nichts mehr. Die Geschäfte waren geschlossen, die Zeil verwaist. Denn die Bürger waren in ihrem Wäldchen.

Schon der große Sohn Frankfurts, Friedrich Stoltze, schrieb: „In Wald, da muß heut hedes, zu Kutsch, zu Pferd, per Eisenbahn, zu Nache un per Pedes. Un alle Läde und Condorn die warn geschlosse. Alles. Die Zeil leiht da wie gottverlorn, un leer is selbst de Dalles. Jetzt, Herz, geh uff wie Heveklees bis in die kläänste Fältche. Denn jetzt sin mer im Wäldche“.

Wie lange genau und wie der Frankfurter Nationalfeiertag entstanden ist, das weiß allerdings niemand so genau – auch Werner Hardt nicht. Es gibt verschiedene Versionen, die sich erzählt werden. Mit historischen Dokumenten ist aber keine der Varianten belegt.

Einige Historiker sind der Meinung, dass es den Wäldchestag noch gar nicht so lange geben kann – nicht länger als 200 Jahre. Ihrer Ansicht nach sei er aus einem allgemeinen Holzverteilungstag hervorgegangen, sprich: aus einem Tag, an dem die Bevölkerung Holz für den Winter bekam. Ein wahrer Freudentag für sie, an dem sogleich gefeiert wurde.

Uralte Kultstätte

Andere Historiker gehen jedoch davon aus, dass der Wäldchestag viel, viel älter sei. Sie führen ihn darauf zurück, dass dort im Stadtwald die Germanen eine Kultstätte hatten und dort ihre Feste feierten. Wie sie darauf kommen? Nun gut, in der Nähe des Festplatzes befinden sich die mittelalterlichen Hügelgräber.

Oder geht der Feiertag auf den Kühtanz zurück? Rund um Pfingsten trieben Mägde und Knechte das Vieh der Frankfurter Bürger zur Sommermast in den Stadtwald. Nach der anstrengenden Arbeit trafen sie sich dann zu einem gemeinsamen Picknick.

Glaubt man städtischen Historikern, ist der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau an dem Brauch Schuld. Der propagierte nämlich in der Epoche der Aufklärung die Hinwendung des Menschen zu seiner ursprünglichen Natur. Von vielen wurde das als eine grundsätzliche Hinwendung zur Natur verstanden. Und so strebte der gebildete Frankfurter nach der „Echtheit des einfachen Volkes“ und wollte eben jene Natürlichkeit regelmäßig mit einem einfachen Picknick im Stadtwald zelebrieren.

Oder war es ein Fest der Zünfte? Seit dem Mittelalter präsentierten die Frankfurter Handwerker ihre Zünfte mit großen Umzügen durch die Stadt. Höhepunkt dieser Feierlichkeiten waren die Wahlen der Zunftoberen Anfang Mai. Diese Selbstverwaltung der Handwerker wird seit 1793 offiziell gefeiert und könnte auch der Grundstein für den Wäldchestag gewesen sein.

Eine andere Version führt den Wäldchestag auf die Kaiser und Könige zurück, die im Forst Dreieich auf Jagd gingen, was immer ausgiebig gefeiert wurde. Urkunden über die Jagden existieren, wo sie abgehalten wurden, ist aber nicht belegt. Es wird aber davon ausgegangen, dass als Festplatz der Ort diente, wo später das Oberforsthaus errichtet wurde. Und so sagt Werner Hardt: „Nach ausgiebigem Studium von Urkunden und Literatur über den Wäldchestag und den Reichsforst Dreieich möchte man die letzte Version als die richtige anerkennen.“ Aber es würden auch viele Argumente dagegen sprechen. Nun gut.

Apfelweinhügel

Fest steht jedoch, dass das Gelände des Wäldchestages anno dazumal auf dem sogenannten „Äbbelwoihiwel“, dem Apfelweinhügel, also zwischen Kennedyallee und Isenburger Schneise lag. Die Mörfelder Landstraße gab es zu dieser Zeit noch nicht. Und so zogen die Frankfurter am Pfingstdienstag, ihrem ganz eigenen Feiertag, in Scharen in den Wald, wo sie unter den Bäumen Tische und Bänke aufbauten. Fast jeder brachte etwas zu essen mit – Schinken, Wurst, Braten und Geflügel, Pasteten und Kuchen. Wer keinen Tisch mehr abbekam, der machte es sich auf Decken auf der Wiese gemütlich.

Andere zog es eher in die mobilen Biergärten, die dort zwischen den Bäumen aufgebaut wurden und vergnügten sich bei Ebbelwei oder Bier. Dazwischen liefen Leute umher, die mit der Drehorgel oder anderen Instrumenten musizierten. So wurde bis spät in den Abend gefeiert, wo dann Tausende Papierlaternen den Wald magisch erhellten.

1868 berichteten die „Frankfurter Nachrichten“, dass das Waldfest gut besucht gewesen sei, man schätzte so 25 000 Menschen. Zum Vergleich: Heute zieht es an den vier Tagen rund 300 000 Menschen in den Wald.

Angst vor Blindgängern

Das Gelände, auf dem früher gefeiert wurde, wurde im Sommer 1940 durch eine Windhose zerstört und nach dem Krieg wieder aufgeforstet. Seitdem wird der Wäldchestag hinter dem Oberforsthaus gefeiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die Frankfurter schon 1949 wieder in ihren Wald – obwohl das der Magistrat verboten hatte. Die Stadt schlug damals alternativ ein kleines Fest auf dem Römerberg vor. Die Verantwortlichen fürchteten, dass Blindgänger im Wald das Leben der Picknicker gefährden könnten. Das scherte die Frankfurter aber nicht. Sie zogen in großer Zahl zum Picknicken in ihr Wäldche.

Ein Pflichttermin

Seit jeher lässt es sich auch kein Frankfurter Oberbürgermeister nehmen, sich auf dem Festplatz einmal zu zeigen und ein paar Stunden unter den Bürgern zu verweilen. Auch Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) macht da keine Ausnahme, fährt dort regelmäßig mit seinen Töchtern Karussell. Werner Hardt schlendert lieber gemeinsam mit seiner Frau und seinen Vorstandskollegen vom Bezirksverein durch die kleinen Gässchen, isst und trinkt etwas und genießt die Atmosphäre des Festes.

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