Hier wird scharf geschossen: Messerscharf sind die Pfeile, mit denen die Artistin Daria Farkova ihre Armbrust in der Zirkusmanege bestückt.
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Hier wird scharf geschossen: Messerscharf sind die Pfeile, mit denen die Artistin Daria Farkova ihre Armbrust in der Zirkusmanege bestückt.

Süchtig nach Nervenkitzel

Wagemutige Artisten lassen allabendlich im Circus Busch den Atem stocken

  • Sandra Kathe
    VonSandra Kathe
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Allabendlich fiebern derzeit Hunderte Zuschauer in der Manege des Circus Busch mit, wenn Daria Farkova die Armbrust anlegt und Gengis van Gool in schwindelerregender Höhe über das Todesrad wirbelt. Dass hinter ihren Nummern starke Nerven, tägliches Training und Vertrauen in Bühnenpartner und Material stecken müssen, gerät dabei fast in Vergessenheit.

Ein Markenzeichen, das viele Fans mit James Bond verbinden, ist die Tatsache, dass der britische Geheimagent es seit mehr als 50 Jahren versteht zu überraschen. So sehr, dass man vor Kinoleinwand und Fernseher den Atem anhält oder fast das Glas mit dem geschüttelten Martini fallen lässt. Und so ist es kaum verwunderlich, dass die spannendste Nummer im derzeit am Ratsweg gastierenden Weihnachtszirkus unter dem Motto „Agent 007“ steht. Mit passenden Kostümen, Hintergrundmusik und Nervenkitzel.

„Eine Exotin“

Hinter der Nummer, die Abend für Abend das Zirkuspublikum in ihren Bann zieht, steckt das Artistenpaar Gengis van Gool und Daria Farkova. Der 28-jährige Schweizer und die 27-jährige Russin zeigen ihr Können an der Armbrust, zerschießen Luftballons und treffen Gegenstände, die nur wenige Zentimeter vom Körper des jeweils anderen entfernt sind. Mit echten Waffen, echten Pfeilen und echtem Risiko. Aus der Rolle der Assistentin ist Farkova dabei nach drei Jahren Zusammenarbeit so sehr herausgewachsen, dass sie den Großteil der Nummer inzwischen selbst in die Hand nimmt.

„Das ist eine Entwicklung, an der wir fast so lange arbeiten wie an der Nummer selbst“, erklärt Farkova, die damit zu den wenigen Armbrustschützinnen in internationalen Manegen gehört: „Und unter denen bin ich wiederum eine Exotin, weil ich nicht mit weiblichen Assistentinnen arbeite, sondern Gengis und ich nach und nach unsere Rollen getauscht haben.“ Konzentration erfordere die Nummer ohnehin von beiden gleichermaßen, fügt van Gool hinzu und freut sich, dass seine Partnerin damit auch einen Platz in der Welt der Artisten für sich eingenommen hat.

Die Biografien der beiden Künstler könnten kaum unterschiedlicher sein. Van Gool gehört zur achten Generation der Schweizer Zirkusfamilie Nock, trägt seinen niederländischen Nachnamen wegen der Herkunft seines Großvaters. Seine Familie betreibt derzeit den „Cirque de Noël“ in Genf. Farkova, die zwar von klein auf tanzt, aber den Zirkus immer nur vom Zuschauerbereich der Manege kannte, lernte ihn auf einem Kreuzfahrtschiff kennen, wo sie beide engagiert waren: er mit dem Todesrad – der zweiten Nummer, mit der er gerade im Programm des Circus Busch auftritt –, sie als Tänzerin. So schnell die beiden ein Paar wurden, trafen sie auch die Entscheidung, ihre Talente künftig auf der Bühne zusammenzulegen.

Eine Entscheidung, die sich gerade in die Biografie von van Gool nahtlos einfügt: „Der Traditionsaspekt im Zirkus war für mich immer zweierlei. Auf der einen Seite ein Grund, der mich bewogen hat, auch in achter Generation Artist zu werden, auf der anderen Seite etwas, dessen Grenzen ich immer mal wieder ausgetestet habe. Als es in meiner Jugend für mich in Richtung Pferdedressur gehen sollte, habe ich mich von meinem Onkel Freddy Nock mehr für das Waghalsige begeistern lassen, hatte als Teenager mit dem Motorradfahren in der Todeskugel angefangen. Später kam ich zum Todesrad, bei dem ich geblieben bin. Und auch diese Nummer bestreite ich eben nicht mit traditionellem Orchester, sondern Rockmusik und Lederjacke. Was mich fasziniert, ist die Tatsache, dass sich Zirkus also auch verändern lässt.“

In zwölf Meter Höhe

Das in den 1930ern erstmals verwendete Todesrad besteht aus einer im Zirkuszelt aufgehängten Stahlkonstruktion mit einem runden, kaum 40 Zentimeter breiten Käfig, auf und in dem der Artist gegen die Fliehkraft arbeitet. Für van Gool geht es damit jeden Abend auf zwölf Meter Höhe, wo er mit waghalsigen Sprüngen auf dem sich drehenden Rad sein Publikum begeistert. Genau wie bei der Armbrustnummer ist er sich der Gefahr bewusst, gerade weil er vor zwei Jahren nach einem schlimmen Unfall mehrere Knochenbrüche erlitt.

„Die Frage damit aufzuhören habe ich mir trotzdem nicht gestellt. Ich weiß, was ich mache, minimiere mit hartem Training mein Unfallrisiko und erreiche dabei genau den Punkt, an dem die Zauberei aufhört“, erklärt van Gool: „Die Tatsache, dass da Abend für Abend Menschen sitzen, die die Gefahr einschätzen können und sich von der Nummer beeindrucken und zu einem gewissen Grad schocken lassen. Das ist der Nervenkitzel, den ein moderner Zirkus benötigt und den ich nach und nach ausbauen will.“

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