Ein Amerikaner analysiert

Warum die Deutschen wie Kokosnüsse sind

Das Bild, das Amerikaner von Deutschen haben, ist stark von Klischees geprägt. Wie viel davon ist wahr? Unser amerikanischer Praktikant vergleicht amerikanische Erwartungen und deutsche Wirklichkeit.

Wie Amerikaner die Deutschen sehen, ist stark von der Popkultur beeinflusst – wir kennen die Bilder von bösen Nazis, von Lederhosen-tragenden Bayern, von Bier und Wurst. Zahllose Kriegsfilme und einige fiese Komödien wie National Lampoon’s: European Vacation oder Euro Trip dürften daran Anteil haben. Sobald Sie in Deutschland sind, werden Sie aber feststellen, dass diese Bilder falsch sind, oder zumindest ganz schön übertrieben.

Read James' Analysis in English:

Müssten Amerikaner die deutsche Mentalität in wenigen Wörtern beschreiben, dann könnten sie sagen: ernst, effizitent, fleißig, kalt. Ein Fünkchen Wahrheit mag da dran sein, aber größtenteils ist es doch wilde Übertreibung. Ja, die Deutschen nehmen ihre Arbeit ernst – aber sie halten ihre Arbeitszeiten ein und arbeiten nicht, wie viele Amerikaner, bis spät in die Nacht. Arbeit ist Arbeit und Feierabend ist Feierabend. Die meisten Deutschen arbeiten nach Feierabend nicht mehr. Für Amerikaner kann das gewöhnungsbedürftig sein, gerade, falls sie auf eine Antwort warten. Sie müssen sich dann damit abfinden, dass die erst am nächsten Morgen kommt, nach Dienstbeginn.

Was die vermeintliche Ernsthaftigkeit und Kälte betrifft, so handelt es sich dabei um ein kulturelles Missverständnis. Lassen Sie es mich so erklären: Die Deutschen sind wie Kokosnüsse. Es kann schwierig sein, einen Deutschen kennenzulernen – aber wenn Sie seine harte Schale erstmal geknackt haben, entpuppt er sich häufig als herzlicher und witziger Typ; gar nicht ernst oder kalt. Der überschwänglichen Freundlichkeit, wie sie Amerikaner an den Tag legen, begegnen Deutsche oft skeptisch: Sie betrachten sie als oberflächlich und unaufrichtig.

Ein weiteres großes Missverständnis hat mit dem Oktoberfest zu tun. Viele Amerikaner denken, dass alle Deutschen das Oktoberfest feiern, und zwar im Oktober. Tatsächlich handelt es sich um eine bayerische Tradition. Das Fest wird in Bayern – allenfalls in Süddeutschland – gefeiert, aber nicht in ganz Deutschland. Und es wird auch nicht im Oktober gefeiert, sondern schon im September. Lederhosen und Dirndl, diese berühmt-berüchtigten Kleidungsstücke, werden zu speziellen Anlässen getragen (u.a. zum Oktoberfest). Die meisten Deutschen tragen ganz normale Kleidung. Und sie hören auch nicht so viel Blasmusik.

Wer über Deutschland-Klischees spricht, der muss natürlich auch über den Krieg und Nachkriegsdeutschland sprechen. Deutschland hat sich nach 1945 fundamental verändert. Die Deutschen tun viel dafür, dass eine Diktatur wie die der Nazis sich nicht wiederholen kann. Dazu gehört, dass Aufhetzung zu Gewalttaten und die Verunglimpfung von Minderheiten in Deutschland strikt verboten sind. Ebenso wie Nazi-Symbole. Als Ausländer sollte man auch nicht unbedingt Nazi-Witze machen, das kommt nicht gut. Bei mehreren Gelegenheiten sind schon Ausländer in Deutschland festgenommen worden, weil sie den Nazi-Gruß machten. Da verstehen die Deutschen keinen Spaß.

Landestypisches Essen ist natürlich eines der Hauptunterscheidungsmerkmale zwischen Nationen. Amerikaner, die in Deutschland essen gehen, merken schnell: Wurst und Bier stehen fast immer auf der Karte. Es gibt wirklich oft Wurst. Und Kartoffeln. Und Bier. Letzteres ist übrigens oft sehr günstig. Den Vorurteilen zum Trotz ernähren sich die Deutschen aber nicht nur von Wurst, Kartoffeln und Bier: Sie sind auch anderen Speisen gegenüber sehr aufgeschlossen. Insbesondere in den größeren Städten gibt es jede Menge italienische, griechische, asiatische und mittelöstliche Restaurants.

Einen großen Unterschied gibt es allerdings: die Bedienung. In Amerika versuchen die Kellner, so schnell und so freundlich wie möglich zu sein. Das liegt vor allem daran, dass ihr Einkommen sich maßgeblich aus Trinkgeldern zusammensetzt; ein volles Gehalt bekommen sie nicht. Das ist in Deutschland ganz anders. Wer in Deutschland essen geht, sollte mehr Zeit mitbringen. Das gilt übrigens für ganz Europa. Die Kellner bekommen hier ein volles Gehalt, sie sind also nicht so sehr auf Trinkgelder angewiesen. Außerdem sind sie nicht so freundlich wie amerikanische Kellner – was aber ohnehin unpassend wäre, weil Deutsche, wie oben erwähnt, diese überschwängliche Freundlichkeit aufgesetzt finden. Oft wird ein Kellner nach der ersten Bestellung nur noch auf Zuruf zum Tisch kommen; er schaut nicht regelmäßig nach. Außerdem bleiben Deutsche länger sitzen, vor allem, wenn sie in größeren Gruppen unterwegs sind. Essen zu gehen, ist in Deutschland eine soziale Aktivität. Es kann gut sein, dass man in einer größeren Gruppe eine oder zwei Stunden in einem Restaurant verbringt. Der Kellner kommt dann möglicherweise trotzdem nur zwei- oder dreimal vorbei. Nicht ärgern – das ist einfach ein kultureller Unterschied.

Hoffentlich haben Sie nicht vor, in Deutschland Auto zu fahren. Es gibt nämlich mehr Unterschiede als bloß Verkehrszeichen und Gesetze. Die Steuern sind höher, das Benzin ist teurer, und der Führerschein kostet ein kleines Vermögen. Die Deutschen sind viel umweltbewusster als die Amerikaner und versuchen, die Umweltbelastung möglichst gering zu halten. Zudem ist Deutschland kleiner und dichter besiedelt als die Vereinigten Staaten. In vielen Situationen braucht man überhaupt kein Auto. Radfahren ist oft freundlicher und einfacher. Außerdem ist das Nahverkehrsnetz besser ausgebaut und moderner als in Amerika. In den meisten Regionen gilt ein Ticket für verschiedene Verkehrsmittel. Die Preise hängen von Gültigkeitsdauer und Ziel ab und können durchaus hoch sein – im Vergleich zu einem eigenen Auto ist der deutsche ÖPNV aber immer noch günstig.

Bevor Sie weiterlesen: Es gibt zwei Städte in Deutschland, die Frankfurt heißen. Frankfurt am Main ist eine Stadt im Südwesten. Hier stehen die berühmten amerikanischen Wolkenkratzer. Frankfurt am Main ist ein wichtiges finanzielles und kulturelles Zentrum in Deutschland. Daneben gibt es Frankfurt an der Oder, eine kleine Stadt im Osten, nicht weit entfernt von der polnischen Grenze. Im Folgenden geht es nur um Frankfurt am Main.

Das Bild, das viele Amerikaner von deutschen Städten und Dörfern haben, zeigt Fachwerkhäuser mit spitzen Dächern und kleinen Fenstern. Hier und da findet man solche Häuser auch. Mittlerweile werden diese „Altbauten“ aber oft umgebaut. Hinzu kommt, dass im Krieg viele historische Gebäude – und ganze Städte – zerstört wurden. Praktisch die ganze Frankfurter Innenstadt wurde im Krieg zerbombt. Inzwischen wurden weite Teile im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut, aber original sind diese Bauten nicht.

In Frankfurt am Main macht sich ein starker amerikanischer Einfluss bemerkbar. Das liegt daran, dass die US-Streitkräfte hier wichtige Zentren hatten und über Jahrzehnte vor Ort waren. In Frankfurt und in der Region gab es zeitweise ganze amerikanische Viertel mit amerikanischen Schulen und Geschäften.

In den Nachkriegsjahren entwickelte sich Frankfurt zu einem wichtigen Finanzzentrum. Dabei siedelten sich viele internationale Unternehmen in der Stadt an. Die amerikanische Präsenz ist nicht mehr so groß wie noch vor dreißig oder vierzig Jahren, aber nach wie vor leben in Frankfurt viele Ausländer. Englisch funktioniert bestens als lingua franca.

Der Fall der Berliner Mauer ist knapp dreißig Jahre her. Deutschland ist wiedervereint. Trotzdem sind die Folgen der langen Spaltung immer noch spürbar. Der Westteil Deutschlands – die sogenannten alten Bundesländer – ist deutlich wohlhabender als der Ostteil.

Die gegenwärtige Flüchtlingskrise hat viele Ressentiments verstärkt – vor allem in den ehemals sowjetischen Ländern einschließlich der DDR. Die Kombination von Abgeschiedenheit, Homogenität und wirtschaftlicher Stagnation scheint dazu beizutragen, dass insbesondere in manchen Regionen im Osten Deutschlands die Fremdenfeindlichkeit wieder deutlich zunimmt. Das gilt besonders für die Feindseligkeit gegenüber nicht-weißen Menschen. In Frankfurt am Main sind diese Probleme allerdings selten.

Für viele Amerikaner ist Politik ein Tabu-Thema – zumindest aber keines, das sich für Alltagskonversationen eignet. Mit der Trump-Regierung hat sich das geändert. Das Spektrum der europäischen Parteien scheint links etwas größer zu sein als in den USA. Wollte man einen direkten Vergleich unternehmen, müsste man deshalb wohl sagen, dass die konservativen Parteien der Mitte in Europa den US-Demokraten am ähnlichsten sind. Die Republikaner stehen weiter rechts. Grundsätzlich gibt es in den europäischen Parlamenten mehr Parteien, was zum Teil dazu führt, dass Kleinstparteien nur partikulare Interessen vertreten.

Was Trump betrifft, sind viele Europäer ziemlich skeptisch, aber die Deutschen sind geradezu genervt. Trump und sein Regierungsstil erinnert sie womöglich an den deutschen Autoritarismus – und oft auch an den Faschismus. In Deutschland geht die Sorge um, dass Donald Trump die USA auf einen gefährlichen Weg führt.

Die meisten Deutschen sprechen Englisch. Es ist aber nützlich, im Zweifelsfall ein paar deutsche Sätze parat zu haben – vor allem: „Entschuldigung, mein Deutsch ist nicht so gut.“ Damit kommt man sehr weit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare