Werner Hardt, Vorsitzender des Bezirksvereins, präsentiert stolz sein drittes Buch über Niederrad im Heimatmuseum.
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Werner Hardt, Vorsitzender des Bezirksvereins, präsentiert stolz sein drittes Buch über Niederrad im Heimatmuseum.

Niederrad

Warum in Frankfurt ein Straßenbau 88 Jahre dauerte

  • vonStefanie Wehr
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Der Frankfurter Heimatforscher Werner Hardt hat Anzeigen aus alten Zeitungen und mehr zusammengetragen. Er fand Verblüffendes.

Frankfurt. Der dritte Niederrad-Band aus der Feder von Werner Hardt ist erschienen, "Wissenswertes aus Niederrad" lautet der Titel. Der Vorsitzende des Bezirksvereins hat die Corona-Zeit genutzt, um sich in Schriftstücke aus vergangenen Jahrhunderten - wie etwa Kirchenbücher von 1640 bis 1913 oder Adressbücher, so etwas wie die Vorläufer der Gelben Seiten - zu vertiefen und Lesenswertes für Interessierte herauszufiltern.

Geforscht hat der Autor für sein neues Werk zudem zur Herkunft der Straßennamen, zu Geschäften, Kinos und Gaststätten im Stadtteil. Ein Kapitel gibt die Speisekarte einer Gaststätte vom 26. Februar 1961 wider. Erstaunlich klingen vor allem die Preise: Rippchen mit Kraut und Kartoffeln gab's für 3,20 Mark, das Binding-Bier dazu für 45 Pfennig.

400 alte Zeitungen durchforstet

Viel Kurioses aus dem Leben der Niederräder hat Hardt in alten Zeitungen gefunden. Dafür hat er 400 Ausgaben des Niederräder Anzeigers aus den Jahren 1896 bis 1931 durchgelesen. Die lagen jahrelang im Keller der Druckerei Imbescheid in der Belchenstraße. Die Druckerei musste im vergangenen Jahr schließen. "Klaus Imbescheid, der Besitzer der Druckerei, hat mir die Zeitungen aus dem Archiv einfach geschenkt", erzählt Hardt. "Sie sind eine Fundgrube an Nachrichten. Es hat mir großen Spaß gemacht, die Ausgaben durchzulesen, jeden Tag hab ich mir einen kleinen Stapel vorgenommen. Das gab mir auch den Anstoß, das neue Buch endlich zu schreiben."

Dabei hat der 79-Jährige alles herausgeschrieben, was ihm persönlich interessant erschien. Besonders angetan hatten es dem Heimatforscher die Stellenanzeigen. "Da sind lustige Sachen dabei," lacht Hardt. Gesucht wurde etwa im April 1899 "Eine Frau zum Ziegenmelken, morgens 7 Uhr und abends 18 Uhr".

Junge Mädchen "mit leichter Hand können das Corsett-Garnieren erlernen", pries sich die Korsett-Fabrik Leininger und Feibel im August 1899 an.

Ein Philipp Weber gab im September 1900 per Anzeige die Neueröffnung einer Gaststätte bekannt: "Ich beehre mich hierdurch, die geehrte Einwohnerschaft Niederrads in Kenntnis zu setzen, dass ich in meinem neu erbauten Hause in der Waldstraße 10 eine Wirtschaft eröffnen werde und lade zu recht zahlreichem Besuche ergebenst ein. Es kommt zum Ausschank das rühmlichst bekannte Lagerbier der vereinigten Brauereien."

Auch in den Nachrichtenspalten der Zeitungen wurde Hardt fündig: "Viehzählung" heißt es da etwa am 26. November 1930: "Am 1. Dezember findet eine Viehzählung statt durch Beamte der Polizeiverwaltung." Pferde, Federvieh, Bienenvölker und weitere Nutztiere "werden nur zu amtlichen statistischen Arbeiten, nicht aber zu Steuerzwecken benutzt". Wer falsche Angaben machte, musste mit Strafe rechnen.

Was in Hardts neuem Buch fehlt, sind Fotos - ungewöhnlich für den passionierten Sammler historischer Bilder. Darüber hätten sich prompt schon Leser beschwert, berichtet Werner Hardt. "Es muss ja nicht immer Bilder geben", sagt er achselzuckend. Abgedruckt seien dafür etliche Original-Anzeigen aus den Zeitungen. Auf einen berühmten Niederrad-Besucher verweist der Bericht "Osterspaziergang anno 1973", geschrieben vom Heimatforscher Hermann Roth. Denn der fängt an mit Goethe, der seinerzeit mit dem Gedicht "Osterspaziergang" Niederrad berühmt gemacht haben soll, weil das von ihm erwähnte Dorf Niederrad sein soll. Denn der Dichterfürst habe sich dort vor den Toren Frankfurts wohlgefühlt. Es sei bewiesen, dass Goethe oft mit seinen Freunden die Schänke "Zum Weißen Schwan" an der Kelsterbacher Straße besucht habe.

88 Jahre Vorlauf für die Uferstraße

Heimatforscher Roth selbst berichtet weniger Schönes von seinem Spaziergang: Er beschreibt den "ungepflegten, engen und holprigen Weg am Mühlbach entlang, wo er "Gerümpel und Unrat" sah, und beklagt den versäumten Ausbau der Uferstraße, der Niederrad vom Verkehr entlasten könnte. Gut fünfzehn Jahre später kam der Ausbau. Werner Hardt erzählt im letzten Kapitel ("88 Jahre Anlauf für eine Straße") noch einmal die Geschichte des Niederräder Ufers.

Der Bezirksvereinsvorsitzende hofft darauf, dass sich sein neues Werk trotz Corona gut verkauft. Erhältlich ist das 256 Seiten dicke Buch für 19,80 Euro im Buchladen Erhardt und Kotischke, Schwarzwaldstraße 42, oder direkt bei Werner Hardt in der Kelsterbacher Straße 20.

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