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Schule besser machen: Integration

Schulserie

Warum die Integration in den Schulen so schwierig ist

Benachteiligte Kinder ? mit und ohne Migrationshintergrund ? haben es schwer in Deutschland. Dabei weisen Lehrer in Brennpunkten seit Jahren auf dramatische Zustände hin. Es geschieht zu wenig. Für unsere Serie ?Schule besser machen? gehen wir auch der Frage nach, woran das liegt.

Dieser Tage war es ein Erlebnis mit einem Wimmelbuch, das Schulleiterin Ingrid König bestürzt hat – beim Test der im nächsten Jahr einzuschulenden Kinder war das. Ein schimpfender Mann mit einem Ball in der Hand war abgebildet, vor ihm ein schuldbewusst dreinschauendes Kind, daneben eine eingeschossene Fensterscheibe. Die Kinder sollten die Situation interpretieren. Es fiel ihnen schwer.

Dass viele Kinder im Vorschulalter kaum oder schlecht Deutsch sprechen, obwohl sie hier geboren worden sind, überrascht die Schulleiterin nicht mehr. Ingrid Königs Berthold-Otto-Schule liegt in Griesheim-Mitte; Brennpunkt nennt man solche Viertel, womit jeder weiß, was gemeint ist. Dass sich Politiker und vor allem Sozialarbeiter schwer mit dem Begriff tun, weil er stigmatisiere, ist womöglich mehr Teil des Problems als der Lösung.

Schulleiterin Ingrid König kann über „weichgespülte Sprache“ nur den Kopf schütteln. Sie spricht von Brennpunkt, sie spricht von scheiternder Integration, sie berichtet von den Nöten und Sorgen ihrer Kinder, anschaulich, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten, von Kindern aus Familien mit wenig Geld, bildungsfernen Familien, die meisten mit Migrationshintergrund. „Man muss Probleme klar benennen, um sie lösen zu können“, sagt sie, „schließlich wollen wir doch alle, dass es die Kinder besser haben.“ Viele Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule, manche tragen noch den Pyjama unter der Jeans, Pausenbrote haben sie nicht dabei, allenfalls einen Schokoriegel, viele können sich schlecht oder gar nicht konzentrieren, wirken oft verstört. Viele erleben zu Hause eine extrem autoritäre Erziehung, manche auch Gewalt. Gäbe es in direkter Nachbarschaft nicht den Verein Arche, hätten viele der Kinder am Tag keine richtige Mahlzeit.

270 Jungen und Mädchen gehen auf die Berthold-Otto-Schule, gut 90, schätzt die Schulleiterin, wachsen in dramatischen Verhältnissen auf, viele sind in ihrer Entwicklung weit zurück. Als Ingrid König dieser Tage also das Wimmelbuch vor Vorschulkindern ausbreitete und auf die Szene mit dem Ball und dem Fenster deutete, waren nur drei von 20 Kindern in der Lage, die Situation zu beschreiben, einen plausiblen Handlungsablauf daraus abzuleiten. Für die meisten Kinder war klar: Der Mann mit dem Ball in der Hand hatte das Fenster kaputtgeschossen.

Mit Sprachschwierigkeiten allein haben solche Wahrnehmungsdefizite, solche kognitiven Einschränkungen nichts zu tun. Weil viele dieser Kinder nicht minder intelligent sind als andere, vermuten Entwicklungspsychologen vielerorts chronische Vernachlässigung im Elternhaus. Bedenkliche Fälle nehmen zu, darüber herrscht Einigkeit. Ingrid König fordert deshalb seit Jahren: „Schulen wie unsere brauchen mehr Unterstützung.“ Rückenwind erhält sie von Integrations- und Bildungsforschern. Einmütig beklagen sie, dass häufig ausgerechnet Brennpunktschulen besonders schlecht ausgestattet sind, besonders marode sind und zu wenig Lehrer haben.

Vor allem in den Ballungszentren und dort vor allem in jenen Stadtteilen, die eine verfehlte Sozial-, Integrations- und Arbeitsmarktpolitik der vergangenen Jahrzehnte ausbaden müssen, ächzen Grundschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen unter der Last der schier übermächtigen Aufgabe – und unter einer seltsam verdrucksten Debatte. Bloß nicht offen Fehlverhalten und Verwahrlosungen ansprechen, schon gar nicht in Verbindung mit bestimmten Milieus. „Wenn ich Sozialarbeitern meine Beobachtungen schildere, wollen die erst mal über mein angeblich bedenkliches Ausländerbild sprechen statt über meine Erlebnisse“, sagt eine Darmstädter Hauptschullehrerin.

Dass Integration in prekären Milieus zunehmend scheitert, diagnostiziert die Forschung seit Jahren, in Städten wie Frankfurt feiert die Politik aber lieber die Vielfalt als Qualitätsmerkmal an sich. Politische Korrektheit, heißt es, bedeutet auch, etwas nicht sehen zu wollen, was zu sehen ist. „Genau so ist es“, sagt eine Gesamtschullehrerin. Weisen sie und ihre Kollegen dann noch offensiv auf Zusammenhänge mit einem frömmelnden, sittenstrengen und traditionalistischen Islam hin, komme garantiert der wenig hilfreiche Hinweis, dass die Mehrheit der Muslime doch liberal sei. „Wem hilft das?“

Kinder, die oft nicht zu Schule kommen, die vom Elternhaus regelrecht ausgebremst werden. Eltern, die entweder nicht zu Elterngesprächen erscheinen oder sich aggressiv und abwehrend verhalten. Väter, die Frauen und also auch Lehrerinnen grundsätzlich nicht ernst nehmen: Solche Phänomene gehören für Lehrer in Ballungszentren zum Alltag. In den auch zunehmenden Fällen von Kindswohlgefährdung, berichtet eine Grundschullehrerin, greifen die Jugendämter zwar ein, aber manchmal entnervend langsam. „Die sind ja auch chronisch überarbeitet.“ In Frankfurt hat der Personalrat des Jugendamts unlängst Alarm geschlagen.

Keine Frage, verglichen mit Duisburg-Marxlohe oder Berlin-Hellersdorf vollzieht sich Integration in Hessens Großstädten meistens geräusch- und reibungslos. Streng gesehen kann man bei vielen Kindern mit Migrationshintergrund gar nicht von Integration sprechen. Man kann ein in Deutschland geborenes Kind nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren. Und in der Tat verlaufen die meisten Bildungswege von Kindern und Jugendlichen mit türkischen, afrikanischen oder osteuropäischen Wurzeln reibungslos.

Bildungswege wie die von Erdan. 15 Jahre ist er alt, besucht eine Gesamtschule, spielt im Fußballverein. Erdans Vater ist 40 und Elektriker, Erdans Mutter ist 35 und arbeitet halbtags in einer Reinigung. Beider Eltern kamen vor 40 Jahren aus der Türkei nach Frankfurt, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, ohne die Kultur zu kennen; Erdans Großmutter konnte nur schlecht schreiben und lesen. Aber sie haben ihren Kindern immer wieder gesagt, wie wichtig es ist, die Sprache zu lernen, wie wichtig Bildung ist. Und so haben es Erdans Eltern an ihn weitergegeben.

Und da ist noch etwas, ein gar nicht mehr so neues Phänomen, das die Familie von Erdan widerspiegelt: Zwei Jahre vor Erdans Einschulung sind seine Eltern umgezogen: von einem Stadtteil mit vielen Ausländern in einen, wie man sagt, sozial gemischten. Ihr Motiv fassen sie so zusammen: „Wir wollten, dass Erdan in der Grundschule einen besseren Einfluss hat.“ Längst integrierte Familien mit Migrationsgeschichte übernehmen die Handlungs- und Sichtweisen der Mehrheitsgesellschaft, man könnte auch sagen: der Bildungs-, Leistungs- und Wertegesellschaft – und grenzen sich ab. Wohlgemerkt nicht zwingend von Migranten, nicht von Landsleuten, sondern von bildungsfernen Schichten allgemein.

Erdans Familie passt in die Statistik, passt in gängige Studien: Der Großteil migrantischer Familien legt auf Bildung viel Wert, heißt es da. Parallel dazu gibt es aber einen ebenfalls größer werden Teil von Familien, die stark traditionell und religiös leben, die patriarchalisch-autoritär erziehen, die sittenstreng die Werte ihrer Herkunftsländer hochhalten – und sich entsprechend von der westlichen Wertegesellschaft abgrenzen.

Dass eben auch bildungsferne deutsche Familien ihre Kinder zu wenig unterstützen oder gar vernachlässigen, relativiert die Not der einen Kinder wie der anderen nicht. In den vergangenen Wochen hat Ingrid König viele Interviewanfragen bekommen, Radiosender riefen an, Zeitungen riefen an, die Frankfurter Neue Presse hat mehrfach darüber berichtet, wie sich Ingrid König seit Jahren erfolglos darum bemüht, dass ihre schwer sanierungsbedürftige Berthold-Otto-Schule endlich auf Vordermann gebracht werden würde.

Sie hat im September vor der Bundestagswahl all das auch in der ZDF-Wahlarena beklagt, vor einem Millionenpublikum. Endlich spricht eine offen die Miseren an, sagen Kollegen, die sich offene Kritik nicht trauen. Im Kultusministerium und im Bildungsdezernat der Stadt ist Ingrid König keine Unbekannte. Man hört schweres Atmen, wenn man ihren Namen nett – und verwiest auf Leistungen: einige zusätzliche Lehrerstunden hat das Land der Berthold-Otto-Schule nach dem sogenannten Sozialindex zugewiesen. „Ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Ingrid König.

Und die Stadt nimmt die Schule demnächst in ihr Programm „Jugendhilfe in der Grundschule“ auf. Sozialarbeiter sollen dort helfen, wo die Not und die Sorgen am größten sind. Seit drei Jahren gibt es das Programm, die Otto-Berthold-Schule war bislang leer ausgegangen. Kurz vor dem Start war sie vom Schulbezirk West in den Schulbezirk Mitte verschoben worden. Und Mitte gehörte nicht dazu.

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