Werner Portugall ist seit 2010 Pfarrer der katholischen Mauritius-Gemeinde in Schwanheim, die inzwischen mit Goldstein und Niederrad die Pfarrei St. Jakobus bildet.
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Werner Portugall ist seit 2010 Pfarrer der katholischen Mauritius-Gemeinde in Schwanheim, die inzwischen mit Goldstein und Niederrad die Pfarrei St. Jakobus bildet.

Reformen

Katholische Kirche: Pfarrer aus Frankfurt legt sich mit Rom an

  • Michael Forst
    vonMichael Forst
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Den Gläubigen reiße der Geduldsfaden wegen des Neins des Papstes zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, sagt Pfarrer Werner Portugall aus Schwanheim im Interview.

Frankfurt - Mit einem flammenden Appell hat sich Pfarrer Werner Portugall in einem Beitrag auf seiner Facebook-Seite für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in der katholischen Kirche ausgesprochen. Im Gespräch mit Redakteur Michael Forst erklärt er, warum er mit dem Vatikan querliegt.

Herr Portugall, was haben Sie empfunden, als Sie erfuhren, dass der Vatikan die Segnung homosexueller Paare verboten hat?

Der erste Gedanke war: Wie unsensibel muss man eigentlich sein, um mitten in der weltweit wütenden Pandemie, kurz nach dem jüngsten Kapitel zum Thema "Vertuschung von Missbrauchsfällen" in Köln, "Maria 2.0 und Frauenordination" auch noch diese Tellermine zu legen? Es geht zudem nicht allein um homosexuelle Paare. Es geht ja genauso um geschieden wiederverheiratete Paare: alles Themen des "synodalen Wegs" der Kirchenreform in Deutschland.

Sie berichten auf Ihrer Facebook-Seite von zwei "wunderbaren Frauen", die Sie gesegnet haben - und dass Sie lediglich bereuen, sie nicht auch getraut zu haben - "wegen der eingefrorenen Moralität meiner Kirche". Was hat Sie beeindruckt an diesen Frauen?

Beide sind Katholikinnen, denen ihr Glaube und ihre Kirchlichkeit etwas bedeuten - und das, obwohl unsere Kirche ihnen mit Nachrichten, wie sie jetzt aus Rom kamen, ins Gesicht schlägt. Die in Italien propagierte Variante des "cammino sinodale", die sich ausdrücklich nicht als kirchliche Reformdebatte begreift, spricht von einem "Netz der Geschwisterlichkeit", das "verkündet, gefördert und gefeiert" werden soll. Für mich hören sich solche Formulierungen hohl an, wenn ich den Eindruck habe: Da wird erst mal definiert, wer mein Nächster ist und wer nicht, statt dass ich mich den Menschen öffne, die meinen Weg als Pfarrer kreuzen und um Segen für ihr Leben und ihre Liebe bitten. Jesus hat nicht nur zur Unterhaltung Geschichten erzählt, in denen er seine Zeitgenossen mahnte: Du suchst dir deine Nächsten nicht aus. Im entscheidenden Augenblick geht es auch gar nicht darum, wer dein Nächster ist, sondern, wem du dich als der Nächste erweist.

Sie fühlen Dankbarkeit gegenüber den beiden Frauen, die Sie um Ihren Segen baten?

Ja. Denn ich habe durch sie gelernt. Es ist ein Geben und Nehmen gewesen, diese Feier vorzubereiten und durchzuführen. Mehr solcher "Grenzgänge" wünsche ich meiner Kirche - aber auch anderen, konfessionsfreien "couch potatoes".

Sie schreiben: Papst Franziskus sei für Sie "kein Messias" und der derzeitige Präfekt der Glaubenskongregation, den er einsetzte, "leider kein Segen für die Kirche, der ich diene". Hat die katholische Kirche das falsche Führungspersonal?

Ich finde, Papst Franziskus ist in Deutschland allzu sehr und viel zu früh auf einen Sockel gestellt worden. Denken Sie nur an den Film von Wim Wenders! Den Hype um seine Person fand ich von Anfang an eher befremdlich und unangemessen. Der Präfekt der Glaubenskongregation ist ein Mann, den Papst Franziskus eingesetzt hat. In gewisser Weise symbolisiert er damit auch die vom Papst angekündigten Vatikanischen Reformen. Es stehen daher für viele Katholikinnen und Katholiken in diesem Land hohe Erwartungen im Raum, die freilich spätestens seit dem Ende der Familiensynode Zug um Zug enttäuscht wurden. Ich fürchte, in Rom versteht man nicht oder nimmt es einfach nicht ernst, welchen Plausibilitätsverlust das hierzulande für die Kirche insgesamt zur Folge hat.

Sie zitieren Leonardo da Vinci, der schrieb: "Jede Erkenntnis, die nicht durch die Sinne schritt, bringt keine andere Wahrheit hervor als schädliche." Was bedeutet das mit Blick auf Roms Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen?

Für mich dokumentieren die Äußerungen aus Rom eine Art von horizontalem Schisma. Man redet innerhalb der Kirchenhierarchie von Veränderung, Erneuerung, Transformation, aber dieser Prozess findet nicht im Diskurs zwischen den Hierarchie-Ebenen statt. Er erdet sich nicht und setzt sich nicht wirklich der Kritik von unten aus. Leider ist dieses sich wechselseitige Bestätigen eigener Normen und Haltungen in den Blasen der Gleichgesinnten zurzeit das neue Normal, also nicht nur ein kirchliches Phänomen. Der Satz aus da Vincis philosophischen Tagebüchern sticht in solche Blasen wie eine spitze Nadel.

Welche Reaktionen haben Sie auf Ihr Posting bekommen?

Ich war überrascht, dass ich keinen Shitstorm aus dem Revier der "Inquisition von unten" erntete, sondern dankbare und zustimmende Resonanzen unterschiedlicher Generationen kirchennaher und -ferner Menschen.

Nun soll es am 10. Mai offene Segnungsgottesdienste in verschiedenen Kirchen Deutschlands geben. Ist das in Ihren Augen der richtige Weg?

Ich kann verstehen, dass Menschen der Geduldsfaden reißt. Politisch und theologisch wünschte ich mir mehr Gespräch und Verhandlung zwischen den Lagern. Segensfeiern als Flashmob, Demo oder Protestveranstaltung finde ich ziemlich anstrengend für alle Beteiligten. Aber es zeigt natürlich, dass die Nerven blank liegen.

Die Initiatoren der Segnungsgottesdienste haben nach Bekanntwerden des Vatikan-Dokuments zu "pastoralem Ungehorsam" aufgerufen. Schließen Sie sich dem an?

Segnen ist keine Demonstration pastoralen Ungehorsams, sondern eine Sakramentalie, ein Zeichen der Nähe Gottes. Es steht mir als Priester meines Erachtens nicht zu, ein Zeichen der Nähe Gottes Menschen zu verweigern, die diese Nähe Gottes durch den Glauben in ihrer Liebe erleben und davon in ihrer Segensfeier öffentlich Zeugnis geben möchten.

Im Oktober 2018 verweigerte der Vatikan dem Priester Ansgar Wucherpfennig, die Hochschule Sankt Georgen weiter als Rektor zu leiten. Rom forderte einen Widerruf seiner liberalen Aussagen, auch zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Mit Ihren Kollegen der katholischen Pfarreien in Frankfurt protestierten Sie damals dagegen. Die Kongregation lenkte daraufhin ein. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Rom das auch diesmal tun wird?

Das zweite Vatikanische Konzil hat das Bischofsamt gestärkt. Allmählich werden sich Bischöfe vielleicht wirklich dessen bewusst, nachdem sie lange genug "Generalvikare des Vatikans" waren, wie es der verstorbene Limburger Domkapitular und Kirchenrechtler Werner Böckenförde in einem Aufsatz schrieb. Wir brauchen innerkatholisch eine bessere Balance zwischen Zentralismus und Föderalismus, als es in der Weltkirche noch der Fall ist. Für mich war es übrigens beeindruckend, dass im Falle Wucherpfennigs, der ein sehr frommer und loyaler Jesuit ist, alle katholischen Frankfurter Gemeindepfarrer über ihre sonstigen Unterschiedlichkeiten und Meinungsverschiedenheiten hinweg zeigten: Den lassen wir nicht fallen. Der Aufschlag hat ja dann auch Gott sei Dank weitere Resonanzen freigesetzt.

Aber die reichen offensichtlich nicht . . .

Nein, solche punktuellen Vorgänge ersetzen nicht, dass wir weiter streiten müssen, statt uns das Selberdenken und die Debatte verbieten zu lassen. Zudem traue ich dem Vatikan immer noch mehr Veränderungspotenzial zu als etwa den aktuellen Regierungen der Türkei, Russlands oder Brasiliens. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

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Nach den jüngsten Unruhen in der katholischen Kirche im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen traten wieder zahlreiche Menschen aus der katholischen Kirche aus. Auch Christof Hodana aus Frankfurt wird wohl nicht mehr so oft in der Kirche zu sehen sein – aber aus ganz anderen Gründen: Der ehemalige Küster und Hausmeister der katholischen Pfarrgemeinde Nied ist im März in den Ruhestand gegangen.

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