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Was man alles tut, um sich selbst zu mögen

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Von: Michelle Spillner

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Roman-Autorin Anne Zegelman beim Kaffee im "Gingko" im Nordend. Von dort aus nimmt ihr Roman "Mainstyle" seinen Lauf. Dort lässt die Protagonistin Hanna sich die Haare schneiden, greift alte Fäden ihres Lebens auf, weint in die Kissen und feiert urbanes Glücksgefühl.
Roman-Autorin Anne Zegelman beim Kaffee im "Gingko" im Nordend. Von dort aus nimmt ihr Roman "Mainstyle" seinen Lauf. Dort lässt die Protagonistin Hanna sich die Haare schneiden, greift alte Fäden ihres Lebens auf, weint in die Kissen und feiert urbanes Glücksgefühl. © Michelle Spillner

"Mainstyle - Projekt: Lieben lernen": Anne Zegelmans neuer Roman handelt von der schwierigsten Suche

Hanna ist die Frau, die zwei BHs übereinander trägt, kein Geld für eine Fettabsaugung hat und sich jetzt erst einmal die hüftlangen Haare abschneiden lässt. "Die Haarveränderung ist bei vielen - nicht nur bei Frauen - ein Weg, sichtbar zu machen, wenn sich im Leben etwas ändert", hat Romanautorin Anne Zegelman beobachtet. Die 39-Jährige hat sich gerade selbst von gut 30 Zentimetern Haarlänge getrennt. So ähnelt nun die Kelkheimerin der Protagonistin ihres Romans "Mainstyle - Projekt: Lieben lernen", der in Frankfurt spielt.

Bei Zegelman ist die Lebensveränderung eine erfreuliche. Nach "Frankfurt liebt Dich" (2014) und "Glückskind" (2017) ist ihr dritter Roman erschienen. Bei ihrer Romanheldin Hanna ist der Anlass das Ende einer langen Beziehung. Aber man müsse sich nicht die Haare abschneiden, wenn man mit jemandem Schluss gemacht habe, und umgekehrt sei eine neue Frisur auch nicht zwangsläufig Vorbote einer Trennung, beugt Zegelman Mutmaßungen vor. "Natürlich muss man sich auch nicht trennen, wenn man in seinem Leben etwas ändern möchte", fügt die Autorin an.

Aber Hanna muss es, weil die Beziehung sie zu absorbieren scheint. Die luxuriösen vier Wände in einem Taunusörtchen, bei dem es sich der Schilderung nach um Kelkheim handelt, musste sie verlassen. Endlich ist sie in der Großstadt Frankfurt angekommen, in Bornheim, "the place to be". In einem Ein-Zimmer-Appartement, wo sie nicht weiß, ob sie die Miete zahlen können wird. Der Stolz, nun "Frankfurterin" zu sein, tröstet sie ein wenig. Nach überwundenem Beziehungskater besinnt Hanna sich auf sich selbst.

Die Leserin - es ist ein echtes Frauen- und Mädels-Buch - erlebt die Geschichte aus Hannas Perspektive und scheint unmittelbar neben Hannas Hirn Platz genommen zu haben. Keiner von Hannas Gedanken geht an einem vorbei - und eben auch nicht an Hanna, auch die sie selbst vernichtenden Gedanken nicht, die sie kasteien, dass sie zu dick ist und hässlich und überhaupt... Diese Selbstzerfleischungsgedanken kennt wohl fast jede Frau. Bei Hanna führen sie dazu, dass sie handelt: neue Optik, neues Make-up und dann 14 Kilogramm abnehmen dank der Unterstützung der Ernährungsberaterin Dr. Engel in Höchst. Nein, meine Damen, Sie brauchen den Namen der Beraterin nicht zu googeln, er ist Fiktion, so wie die gesamte Geschichte - aber es wird sicherlich Ernährungsberaterinnen in Höchst geben.

Flucht aus dem Dating-Portal

Die Schauplätze sind echt. Die Autorin lässt die Leser nicht nur gemeinsam mit Hanna das Frankfurter Nachtleben erkunden, Cafés in der Berger Straße besuchen, Clubs zwischen Goetheplatz und Zeil und Kneipen in Sachsenhausen. Sie hat Hanna auch einen Beruf auf den Leib geschrieben, der noch mehr Frankfurt in die Geschichte holt. Hanna ist freie Texterin und übernimmt das Projekt eines Blogs zur Bewerbung von Veranstaltungen in Frankfurt. Diese Events begleitet sie journalistisch an Ort und Stelle, beginnend mit der Luminale über das Radrennen, die Dippemess', den Wäldchestag.

Der Rhythmus des Buches folgt dem der Protagonistin. Anfangs noch sehr um sich selbst kreisend und von Zweifel geplagt, ob es nicht besser gewesen wäre, in einer unglücklichen Beziehung zu bleiben, als alleine zu sein, befreien sich Hanna und ihre Gedanken nach und nach aus der morastigen Trägheit. Die Geschichte nimmt mehr und mehr Fahrt auf, je selbstsicherer Hanna wird.

Nein, sie habe nicht alles selbst erlebt, räumt Anne Zegelman ein. Aber sie ist gelernte Zeitungsredakteurin und geübt im Recherchieren. Die Recherche zum Dating-Portal "Tinder" habe sie aber dann doch überrascht: "Ich hatte das kaum hochgeladen, da ging es schon los, dass ich Vorschläge gemacht bekam, dabei wollte ich doch gar niemanden kennenlernen", deshalb habe sie die App schnell wieder gelöscht. Auch im Roman sorgt "Tinder" für Überraschungen. Und dann sind da noch die beiden Freundinnen, der Prosecco, die Mädelsgespräche und das urbane Glücksgefühl, die einen leicht über den ernsten Hintergrund zermürbender, begrenzender Selbstgespräche hinwegtäuschen können.

Als Leserin - oder auch gerne als Leser - ist man schnell aufseiten von Hanna, bewundert sie für ihren Mut zur Veränderung. Aber kommt sie von ihrem Ex wirklich los oder wird sie bald wieder neben einem Mann darben, der lieber die Liebe seines Lebens ersticken lässt, als sich vorwerfen lassen zu müssen, eine Cola nicht bezahlt zu haben?

Beim Schreiben flossen Tränen

Es gibt Tränen im Buch. Und es gab Tränen beim Schreiben, "weil mir manches nahegeht", gesteht die Autorin. Sie wusste auch nicht, wohin die Reise gehen würde. "Da stand nur ein Satz", dann seien ihr die Figuren aus der Feder entsprungen und hätten sie mitgenommen in ihre Geschichte: "Du fängst an zu erzählen und bist gleichzeitig Leserin, und dann passiert alles irgendwie von selbst, ohne dass Du die Figuren führen musst."

Anne Zegelman ist ein schöner Mädelsroman für einen Nachmittag in einem Café bei einem Chai Latte oder daheim auf der Couch bei einem Prosecco gelungen, der nun nicht einfach auf Seite 222 enden darf - und schon gar nicht so. Das schreit nach einer Fortsetzung. "Ideen habe ich noch viele", sagt Zegelman.

Der Roman

"Mainstyle - Projekt: Lieben lernen" ist im Societäts-Verlag erschienen, ISBN: 978-3-95542-422-0, Preis: 15 Euro.

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