Kistenweise Spraydosen hat Marcus Dörr, der mit seiner Sprühkunst in ganz Deutschland unterwegs ist, für seine Arbeit am Kiosk Nox in der Holbeinstraße mitgebracht. Auch Wasserhäuschen-Betreiberin Rebecca Fohl darf sich versuchen.
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Kistenweise Spraydosen hat Marcus Dörr, der mit seiner Sprühkunst in ganz Deutschland unterwegs ist, für seine Arbeit am Kiosk Nox in der Holbeinstraße mitgebracht. Auch Wasserhäuschen-Betreiberin Rebecca Fohl darf sich versuchen.

Kiosk-Kunst

Wasserhäuschen in Sachsenhausen ist jetzt kunterbunt

  • VonSabine Schramek
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Die Frankfurter Skyline ziert die Fassade des Kiosks in der Holbeinstraße.

Zwei Tage lang haben Sprühflaschen geklackert und gezischt. Unter dem Motto "I ? Frankfurt" leuchtet das gemütliche und sonst in rot-weiß gehaltene Wasserhäuschen Nox in der Holbeinstraße an seiner Längsseite jetzt kunterbunt mit der ganzen Skyline von Frankfurt

Eiserner Steg und Bankentürme

Ein bisschen Drama bei Graffiti-Künstlern muss sein. Marcus Dörr macht daraus ein "No drama Lama" - zumindest auf dem Rücken seiner Jeansjacke, die er in seinem Stil mit dem berühmten Tier, das für Beruhigung sorgt, gesprüht hat. Kistenweise Sprayfarben stehen ordentlich auf einem Biertisch, während der Künstler grinsend Goetheturm und Henninger Turm, den Römer, Bankentürme, den Eisernen Steg und die Alte Oper mit Bier, Bäumen und Flugzeug an die Längsfassade des Nox sprüht. Passanten bleiben interessiert stehen und staunen, wie sicher der Künstler mit der nach hinten gedrehten Baseball-Mütze jede Linie, jeden Schatten und jeden Lichtreflex setzt. "Alles total legal", sagt Marcus Dörr (45) immer wieder freundlich auf Anfrage.

Der etwas andere Eintracht-Adler

Dort, wo ohne Corona die Terrasse vom Wasserhäuschen Nox in der Holbeinstraße ist, hat sich die lange Wand in ein Kunstwerk verwandelt. Die Betreiberin Rebecca Fohl (30) guckt mit ihrer Tochter Mathilda (16 Monate) gespannt zu. Und ihr Weimeraner-Rüde Lennox (9) scheint die Action auch zu gefallen. Das rot-weiße Wasserhäuschen, das mit dicken Tulpensträußen und Blumengefäßen voller leuchtender Primeln und Hyazinthen auch mit Kaffee, Süßem, Saurem, Eis und mehr Kunden lockt, ist ab sofort mit dem Graffiti großstädtisch geworden. Wer vorbei kommt, lobt die Kunst. "Da brauch ich doch gleich ein Bier", sagt ein Mann, dessen Blick sofort auf riesige schwebende Binding Römer-Pils-Flasche auf der Wand fällt. Und auf den rot-weißen Adler mit "BB"-Logo auf dem Bauch. In weißen Buchstaben steht auf dem hellblauen Himmel "Eintracht" und darüber "Sexyhausen". Er wundert sich, weil "irgendwas an dem Eintracht-Adler anders ist", bis er das Logo sieht und grinst. "Klar, 'BB' das steht bestimmt für Binding Brauerei", stellt er fest. Radeberger hat das Graffiti in Auftrag gegeben.

Was kommt ist noch offen

Bevor die Stadt die Pachtverträge letzte Woche mit der Gruppe bei allen Wasserhäuschen auf städtischen Grund gekündigt hat. "Das kam schon sehr überraschend", so Fehl. "Wir wussten nichts und haben es aus der Zeitung erfahren", sagt sie. Spekulieren, was kommt, wenn die Verträge auslaufen, will sie nicht. "Das ist alles noch offen und wir werden sehen", meint Fohl und wendet sich wieder Marcus Dörr zu, der mit seinen Farben hantiert.

Der ist ein alter Hase im Sprayer-Geschäft. "Mein erstes Bild habe ich 1992 gemacht. Fünf Jahre später kam der erste Auftrag", erzählt er fröhlich. "Damals war das noch etwas ganz Neues und Einzigartiges und es machte richtig viel Spaß."

2020 hat er mit seinem Partner die Agentur "Artmos4"gegründet, bildet Lehrlinge aus und hat mittlerweile fünf Mitarbeiter. Die Wände im Hof der Kleinmarkthalle, Fußballstadien, Indoor-Spielplätze, Konferenzräume, Betonmischer, Autos, Kläranlagen, Schulen, Klaviere, Wohnhäuser und Trafo-Stationen in ganz Deutschland hat er schon gestaltet. "Letztes Jahr habe ich David Beckham das Sprayen in Berlin beigebracht", sagt der Offenbacher. "Er war als Markenbotschafter unterwegs und ich zum Sprayen. Da wollte er mal mitmachen. Ein krasser Typ, der danach noch über eine Stunde lang Selfies mit Fans gemacht hat. Das waren Hunderte und der hatte echt Geduld und hat sich auch beim Sprayen gut angestellt", erinnert sich Dörr. So ganz aus dem Ärmel kommt die Kunst allerdings nicht. Gut zehn Stunden hat er an dem Entwurf für das Nox-Graffiti gearbeitet, "bis alles stimmig war."

DIN A4-Blatt als Vorlage

Immer wieder guckt er auf den Farbausdruck des Entwurfs, das er auf einem DIN-A4-Blatt auf den Dosen liegen hat. Ein Hauch Weiß hier, als gekonnter Lichtreflex, ein bisschen Dunkelblau dort, um dem Schatten mehr Tiefe zu geben.

Die kleine Mathilda greift danach und patscht begeistert auf den blauen Südbahnhof. Das Einzige, was die fröhlichen Farben beeinträchtigt, ist das Trafohaus hinter dem Kiosk, das ausdruckslos grün gestrichen und voller kunstloser Beschimpfungen von wilden Sprayern ist.

Immer wieder fragen Kunden Fohl und Dörr an diesem Tag, "ob das etwa so bleibt". Dörr habe dem Energiekonzern vorgeschlagen, das Haus mitzugestalten. "Da scheint kein Interesse zu sein", sagt er und zuckt mit den Schultern. "In anderen Städten werden jede Menge Aufträge zur Gestaltung von Trafo-Häusern und Stromkästen gegeben. Das sieht toll aus. In Frankfurt ist man da leider sehr zurückhaltend."

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