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24.08.2018, Hessen, Frankfurt: Das Wasserhäuschen von Pächterin Elif Kalkan im Stadtteil Sachsenhausen. Die Betreiber vieler Buden sollen künftig deutlich mehr Pacht zahlen. Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Pachterhöhung

Wasserhäuschen-Problematik bewegt die Gemüter

Medienauftrieb am Wasserhäuschen in der Holbeinstraße: Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) kommt zu Besuch. Die Pachterhöhung für Trinkhallen ist längst zum Politikum geworden. Feldmann verspricht: „Es wird nicht so bleiben, wie es ist.“ Konkret wird er nicht.

Elif Kalkan weiß gar nicht, warum sie auserwählt worden ist an diesem Freitagnachmittag. Warum jetzt ausgerechnet vor ihrem Wasserhäuschen in der Sachsenhäuser Holbeinstraße Fotografen, Kameramänner, Reporter stehen. Warum die Aktivisten der „Linie 11“, eines Wasserhäuschen-Kulturvereins, bei ihr in Stellung gehen. Warum also Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ausgerechnet ihr einen medientauglichen Besuch abstattet. „Ich muss ihn mal fragen“, sagt sie.

Wahrscheinlich war es der Artikel in dieser Zeitung vor einer Woche. Der hat eine Kulturdebatte ausgelöst, die zum Politikum geworden ist. Bei elf Wasserhäuschen hat die Stadt die Pacht erhöht; die Radeberger Gruppe, zu der Binding gehört, gibt die Erhöhung an die Betreiber weiter – und will nebenbei noch die Bierpreise anheben. Elif Kalkan muss bald etwas mehr als 40 Prozent mehr im Monat zahlen, knapp 350 Euro, mehr als 900 Euro dann insgesamt, sagt sie. Darüber hatte sie sich in dieser Zeitung beklagt – und damit eine kleine Lawine losgetreten. „Focus online“ hat berichtet, „Spiegel online“ ebenso. Kulturkampf in Frankfurt, so oder so ähnlich lauten die Titel zur Geschichte. Und die geht so: Büdchen-Betreiber fürchten um ihre Existenz, weil die Stadt ihnen eine nicht zu tragende Last aufbürdet.

Vertraglich ist das sauber, dass die Stadt für die letzten zehn Jahre rückwirkend mächtig draufschlägt. Den ideellen Wert des Themas haben das Amt für Bau und Immobilien und auch Baudezernent Jan Schneider (CDU) aber wohl unterschätzt. Die Not der Wasserhäuschen ist ein Aufreger am Main. In der Stadtverordnetenversammlung war sie am Donnerstag Thema, Oberbürgermeister Feldmann hatte Anfang der Woche den Büdchen seine Unterstützung zugesagt. Gestern hat Dezernent Schneider eingelenkt, man werde sich noch einmal mit der Radeberger Gruppe zusammensetzen und eine Lösung suchen.

Wie die aussehen könnte, kann Peter Feldmann am Wasserhäuschen in der Holbeinstraße nicht sagen. „Es bleibt nicht so, wie es ist“, sagt er. „Wir können etwas bei der Pacht machen“, sagt er. „Eine Erhöhung um einen dreistelligen Betrag ist nicht passend“, sagt er. Anfang der Woche hatte er noch gesagt, dass es eine Pachterhöhung mit ihm nicht geben werde. „Rudern Sie zurück?“, will ein Reporter wissen. Feldmann weicht aus, spricht von Amt und Kompetenzen. Aber er habe mit der Verwaltung und mit dem Dezernenten Schneider gesprochen, erzählt er, und Schneider habe positiv reagiert. „Und heute bin ich hier, um den betroffenen Wasserhäuschen-Betreibern zu sagen: ,Macht weiter Druck.‘“

Feldmann ist alleine gekommen, still und leise ist er plötzlich aufgetaucht vor den Bierbänken und Tischen, die Elif Kalkan unter einem großen Binding-Schirm aufgestellt hat. Kaum sind Kameras und Mikrofone auf ihn gerichtet, erzählt Feldmann von der Tradition der Wasserhäuschen; von der Industriegeschichte, der sie entstammen; vom besonderen Lebensgefühl der Frankfurter, das sich an diesen typischen Frankfurter Lokalitäten auf besondere Weise zeigt. Michael Hamm, der eine Facebookseite für Wasserhäuschen betreibt und nach der Arbeit als Pflegedienstleiter in der Holbeinstraße „runterkommt“, bricht die Kulturdebatte herunter: „Preiswertes Bier und Geselligkeit: Wasserhäuschen sind die Kneipe des kleinen Mannes.“ Hubert Gloss, der sich als Wasserhäuschen-Lotse vorstellt, weil er Trinkhallen-Touren anbietet, äußert derweil einen Verdacht: „Die Politik will eine saubere Stadt.“ Und Elif Kalkan weiß am Ende immer noch nicht, warum Peter Feldmann ihr Wasserhäuschen ausgesucht hat. Kurz hat er mit ihr gesprochen, abseits der Mikrofone. „Er hat mir Mut gemacht“, sagt sie.

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