Synchronspringen Schwimmbad Stadionbad
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Leonie und Max beim Synchronsprung aus sieben Metern Höhe. Die Badegäste im Stadionbad können die talentierten Wasserspringer beim Training bewundern. Kein Wunder, dass viele Kinder es ihnen nachmachen wollen.

Stadionbad

Wasserspringer im Stadionbad: Wie man grazil ins Wasser gleitet

Der Zehn-Meter-Sprungturm ist die Attraktion im Stadionbad. Der einzige Turm seiner Art in Frankfurt und Umgebung lockt seit Jahrzehnten Heerscharen von Jugendlichen an, um Mutproben zu bestehen. Vor allem aber ist er Übungsplatz von Frankfurts besten Wasserspringern.

Es ist der Adrenalinkick schlechthin, der Sprung vom Zehner im Stadionbad. Wer da oben steht, ist mindestens zwei Ängsten ausgesetzt: Der Angst vor der Höhe und dem Lampenfieber. Denn wenn der Zehner geöffnet hat, ist das ein Fest für alle anderen Badegäste, die sich selbst nicht trauen, sich aber umso lieber als Zuschauer dem Höhengrusel aussetzen. Mütter und Väter fiebern mit, wenn ihre Schützlinge tatsächlich nicht davon abzuhalten waren, vom Turm zu springen.

Die Kumpels, die Freundinnen, die Angebetete, der man zeigen will, was man kann - alle gucken zu. Ein Zurück gibt's nicht. Wer hochgeht, muss runterspringen - und zwar richtig, denn wer falsch landet, tut sich richtig weh. Einen Bauchplatscher kann man sich vom Zehner auf keinen Fall erlauben. Auf der Treppe und der langen Plattform des Zehners ist es trotzdem voll. Manch einer vergisst vor Aufregung, Abstand zu halten.

Routine für die Wasserspringer

Für Leonie, Max und Karina, die am Wochenende auch im Freibad sind, ist das alles Routine. Meint man. Denn sie sind fast jeden Tag da. Die drei springen im Höchster Schwimmverein, der im Stadionbad seine Außenstelle hat. Sie können zum Beispiel den Delfinsprung, den Auerbach oder den Sprung mit der Bezeichnung "Zweieinhalb (Salti) rückwärts mit eineinhalb Schrauben" - der geht nur vom Zehner, um in den kurzen Sekunden des Falls alle Drehungen hinzubekommen.

Studentin Karina übt das Kunststück, um ihn im Wettkampf einsetzen zu können. Sie sagt: "Auch wenn du dich mit der Zeit daran gewöhnst - wenn du auf dem Zehner stehst, hast du immer ein kleines bisschen Angst." Denn obendrüber kommt nichts mehr.

Diesen Adrenalinkick spürt selbst der Zuschauer. Leonie und Max führen fürs Foto einen Synchronsprung vor: den Delfinsprung vorwärts aus sieben Metern Höhe. Sie stehen mit dem Rücken zum Wasser auf dem äußersten Rand der Betonplatte, strecken die Arme nach oben, machen ihren Körper lang und fest und springen gleichzeitig nach hinten weg - ins Leere. Im Fall ziehen sie Hüfte und Beine blitzartig nach oben und tauchen mit den Händen zuerst kopfüber und kerzengerade ins Wasser ein.

Lehrgang statt Wettkampf

Mit ihren akrobatischen Sprüngen haben sie und die anderen Wasserspringer vom Höchster Schwimmclub 1893 am Wochenende den "normalen" Turmspringern die Show gestohlen. Die Fäden hat Susanne Beyer in der Hand. Die quirlige, sympathische Frau ist Cheftrainerin bei den "Höchstern" und Springwartin beim Hessischen Schwimmverband. "Eigentlich hätten wir am Wochenende den Rudi-Altmann-Cup mit internationaler Beteiligung ausgetragen, wegen Corona ist er leider ausgefallen."

Statt dessen sind Gäste aus Mainz und Trier zum Trainingswochenende angereist, denn ihre Schwimmclubs sitzen diesen Sommer komplett auf dem Trockenen - in Rheinland-Pfalz bleiben die Bäder wegen Corona geschlossen. Auf dem Wiesenstreifen haben die Gäste ihre Zelte aufgeschlagen.

Während die Badegäste auf der rechten Seite des Sprungturms jauchzend vom Einer und Dreier ins blaue Nass plumpsen, stellen auf der linken Seite, die für den Verein reserviert ist, also die Profis ihr Können zur Schau. Dort sind auch ein Dreier und ein Einer-Brett. Das sind nicht etwa herkömmliche Sprungbretter, sondern richtig teure Spezialanfertigungen, die sehr weit federn.

Trainer Philipp Hainlein sitzt im Trainerstuhl am Becken, gibt Kommandos und Feedback nach dem Sprung. Max übt eifrig an seinem "Zweieinhalb vorwärts" auf dem Einer. "Hoch", ruft Philipp. Und: "Hüfte!" "Die Kommandos vom Trainer sind wichtig", erklärt Max später, um das Timing der Bewegung hinzubekommen.

Der Dreizehnjährige ist seit fünf Jahren bei den Wasserspringern dabei. Am Anfang sollte es ein Hobby sein, "etwas mit Wasser, aber kein Schwimmen und kein Tauchen". Aus dem Hobby ist ernsthaftes, tägliches Training geworden. Max ist einer der ehrgeizigsten Jungen im Verein. Bei den Hessischen Meisterschaften hat er etliche Preise "abgeräumt", wie Karina anerkennend ergänzt.

Überhaupt sind die Frankfurter richtig gut. Obwohl sie kein Profi-Stützpunkt sind (davon gibt es bundesweit fünf konkurrierende) und unter ganz andere Bedingungen trainieren, holen die Springer regelmäßig Medaillen, darunter auch Gold. Wenn man ihnen zuschaut, ahnt man, dass der gute Teamgeist etwas mit dem Erfolg zu tun hat.

Wer richtig gut werden will, muss früh anfangen, spätestens mit acht Jahren, und sehr viel üben - und das nötige Selbstvertrauen mitbringen, das es braucht, um die Angst vorm Springen zu überwinden. Dafür brauche es Persönlichkeit, "etwas im Kopf und auch im Herzen", sagt Susanne Beyer. Etwa 40 Kinder trainieren zurzeit im Verein. Am Wochenende hat sie acht Anfragen bekommen, nicht wenige von Familien, die im Stadionbad die Springer bewundert haben.

"Wir wissen gar nicht, wie wir alle unterbringen sollen", sagt Susanne Beyer. In Frankfurt gibt es nur im Sommer das Stadionbad, im Winter wird im Rebstockbad trainiert. Was wird, wenn das Bad abgerissen wird, daran wagt Beyer nicht zu denken. "Das macht uns große Sorgen".

Von Stefanie Wehr

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