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Bernd Dittels Job ist es, die öffentlichen Toilettenanlagen zu reinigen. Überwindung kostet ihn das nicht ? allerdings sie die Zustände, die er vorfindet, manchmal haarsträubend. Auch Drogenreste muss er immer wieder beseitigen.

WC-Reiniger

Mit dem Putzmann auf Klo-Tour zwischen dem Höchster Markt und Bornheim Mitte

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Toiletten macht man schon zu Hause nicht gerne sauber. Bei öffentlichen Klos ist es noch einmal etwas anderes. Unser Reporter David Schahinian begleitete Reiniger Bernhard Dittel von der FES auf einem Teil seiner Putz-Tour durch Frankfurt.

Sesam öffnet sich am Höchster Marktplatz für 50 Cent. Die Tür des WCs schwingt auf, und was dahinter liegt, ist oft genug alles andere als märchenhaft. Wer eine Toilette braucht, wird dem Himmel – oder in diesem Fall der FES – dankbar sein, dass ein öffentliches WC in der Nähe ist. Ebenso froh sind die meisten jedoch, es schnell wieder verlassen zu können. Aufenthaltsqualität sieht anders aus, aber Bernhard Dittel setzt alles daran, diesem Ideal zumindest so nahe wie möglich zu kommen. Er arbeitet als Reiniger bei der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH. Seine Arbeitswerkzeuge sind Mittel wie Urinol oder Milizid – und eine positive Lebenseinstellung.

Lange Tonnen gewuchtet

22 Jahre lang war Dittel Fahrer und Lader auf dem Müllwagen. Jeden Tag schwere Tonnen schleppen und wuchten – irgendwann machten Knie und Rücken nicht mehr mit. Im April wird er 62. „Wie viele Leute auf der Straße leben, habe ich erst gemerkt, als ich vor zehn Jahren in die Reinigung gewechselt bin.“ Auch in Höchst werden Toilettenanlagen nicht selten als, sagen wir es positiv, Aufenthaltsraum genutzt. Vor allem, wenn es draußen kalt ist und drinnen eine Fußbodenheizung lockt. „Haschisch“, sagt Dittel, während er den Putzlappen auswringt. Er hat am süßlichen Geruch des Putzwassers erkannt, dass ein oder mehrere Nutzer in der Nacht zuvor wohl neben ihrem Geschäft weitere Geschäfte in der Toilette verrichtet haben.

Viermal werden die elf öffentlichen Toiletten, die die FES nach eigenen Angaben im Auftrag der Stadt betreibt, täglich gereinigt. Elf von insgesamt etwa 50. Einmal am Tag steht eine gründlichere Reinigung an, weil die Spuren der Nacht beseitigt werden müssen. Auf den folgenden Touren, die im Zwei-Schicht-Betrieb von 6.30 bis 15 Uhr und von 13.30 bis 22 Uhr laufen, kann es schneller gehen – wenn man Glück hat. Dann fallen mitunter „nur“ Toilette, Waschbecken, Boden und der Papiernachschub an. „Die Leute nehmen alles mit“, berichtet Dittel. Es sei schon einige Male vorgekommen, dass er jemandem eine Rolle aus seinem Wagen gegeben hat. „Damit erspare ich mir Ärger. Fahre ich weg und nimmt er sie aus dem WC-Raum, muss ich wieder herkommen.“ Einmal wöchentlich steht eine Grundreinigung an, dann werden etwa auch die Wände gesäubert. Kleinere Rotzflecken macht er sofort weg. „Ich bin halt ein deutscher Michel“, lacht er. Der einzige in der Truppe, sagt er – und in der Tat fällt seine Gründlichkeit während der Tour besonders positiv auf.

Die Toiletten am Höchster Marktplatz müssen nach der Reinigung mit neuem Verbrauchsmaterial bestückt werden.

„Es ist besser geworden mit den 50 Cent“, erzählt er, während er den Boden wischt, auf dem noch matschige Fußabdrücke zu sehen sind. Das Geld hat auch einen psychologischen Aspekt, denn nach seiner Erfahrung seien den Menschen Dinge, die nichts kosten, auch nichts wert. Kostendeckend sind sie nicht, aber sie halten manche Vandalen ab. „50 Cent für die Toilette sollte in dieser Stadt doch jeder haben, oder?“, fragt Dittel, ohne eine Antwort zu erwarten.

Die meisten Menschen sind ihm und seinen Kollegen dankbar, vor allem die älteren, erzählt er. Das freut ihn, wenngleich er ihnen lächelnd sagt, dass sie das am besten auch der Stadt Frankfurt mitteilen sollten: Die 16 Arbeitsplätze der Reiniger hingen nämlich nicht zuletzt davon ab, ob die FES bei den Neuvergaben für den Betrieb der öffentlichen Anlagen zum Zug kommt. Da kann es nicht schaden, wenn man im Römer weiß, dass die Arbeit von den Bürgern wertgeschätzt wird. Klar, Beschimpfungen wie „Nazi“ muss sich Dittel manchmal auch anhören. Es sind jedoch meist Einzelfälle, in denen das Gegenüber nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Wenn es schlimmer wird, ruft er die Polizei.

Tür seit Wochen kaputt

Dittel stellt den Abfallsack an den Mülleimer am Höchster Marktplatz. „Damit ich den Gestank nicht im Auto habe. Das nehmen die Straßenkehrer mit.“ Nächste Station: Zuckschwerdtstraße. „Am Freitag kommt die neue Tür“, erklärt der Reiniger auf der kurzen Fahrt im Elektro-Auto mit der Aufschrift „Sprühverderber“, denn auch für die Graffiti-Entfernung hat Dittel geeignete Mittel in seinem Arsenal. Das WC neben dem Kiosk steht schon seit Wochen offen. Die Tür ist kaputt, und passender Ersatz ist nicht von heute auf morgen eingebaut. „Da kann jeder rein. Und was offen ist, wird auch zweckentfremdet.“ An diesem kalten Morgen hält sich die Verschmutzung in Grenzen, die Nassreinigung muss nicht angefordert werden. Sie rückt bei Bedarf mit Dampfstrahlern an, wenn Wischmopp, Bürste, Gummischieber, Schrubber und Muskelkraft nicht mehr ausreichen. Für kleinere hartnäckige Flecken hat Dittel ein kleines Messer zum Abschaben dabei.

Die Frage lag schon länger im Raum, spätestens jetzt muss sie gestellt werden. „Mir macht die Arbeit Spaß, ich bin positiv eingestellt“, antwortet er. Das Gehalt sei – mit Zulagen und seiner langen Dienstzugehörigkeit – nicht schlecht. Er sei an der frischen Luft und habe seine Freiheiten, zumal er alleine unterwegs ist. Außerdem stinke Geld nicht, und bei der FES komme es immer pünktlich aufs Konto. Irgendwer müsse die Arbeit ja auch machen.

Auf der Fahrt zur Galluswarte erzählt Dittel von dem Paar, das nur einmal zahlen wollte: Der Mann ging raus, sie schlüpfte gleichzeitig rein. Viele der Toiletten haben eine Verriegelung, die sich nach 10 bis 15 Minuten aus Sicherheitsgründen automatisch öffnet. Auf einer Anzeige sieht man, ob sie besetzt oder frei ist. Sie zeigte „frei“ an, da der Mann ja bereits gegangen war. Dittel schließt auf – und sieht die halbnackte Frau mit heruntergelassener Hose, die zu schreien anfängt. Glaubhaft konnte er versichern, ohnehin nur Augen für den allgemeinen Hygienezustand des Raumes gehabt zu haben. Die Geschichte endete mit einer Entschuldigung des Paares. Eines seiner schlimmsten Erlebnisse indes war, als er eines Morgens einen Kollegen tot in einer Toilette gefunden hat.

An der Galluswarte gibt es in den Klos kaum einen Quadratzentimeter, der nicht mit Graffiti zugeschmiert ist.

Das Gallus also. So muss ein LSD-Trip aussehen, ist der erste Eindruck beim Eintreten ins Damenklo: Türen, Fenster und Wände sind wild und sehr bunt beschmiert, es riecht nach „Lemon Fresh“. Das hat Dittel gerade in die Toiletten geschüttet, zuvor hatte er bereits die Klobürsten zum Einweichen hineingesteckt.

Zwei Anstriche im Jahr

Das Pissoir auf der Herrentoilette nebenan wird zweimal im Jahr gestrichen. „Es ist mindestens 40 Jahre alt und hat keine Wasserspülung“, erklärt der Reiniger. Früher, mit einem Wasserschlauch, war die Reinigung einfacher. Aber die Anschlüsse wurden wiederholt zerstört, so dass man sie entfernte. Dittel bedient sich in der Behindertentoilette nebenan – die ist abgeschlossen, er hat den Schlüssel. „Leider ist es hier in drei Stunden schon wieder verdreckt“, sagt ein Passant noch, als wir wieder ins FES-Auto steigen.

Zwei Stationen trennen Dittel noch vom Feierabend. Bornheim Mitte: „Hier waren heute bestimmt schon 100 Leute drauf, weil Markt ist“, sagt Dittel beim ersten Blick in den Raum. Ob er auch manchmal an seine Grenzen komme? „Motivation ist alles“, antwortet er. In seinen zehn Jahren bei der Reinigung habe er nie etwas nicht gemacht. Allein, wenn Drogenbesteck in den Abfluss des Waschbeckens geworfen wird und es deshalb verstopft, wenn er Menschen mit dem Mopp rausjagen muss, oder wenn jemand das Pissoir in Bornheim Mitte anders nutzt als vorgesehen, weil es umsonst ist und keine 50 Cent wie die Toiletten kostet – das sind weniger schöne Seiten seiner Tätigkeit.

Beim letzten Stopp im Ostpark hält sich die Arbeit in Grenzen. Ein Kollege war schon morgens da, außer einer Flasche Wodka und kleineren Verunreinigungen ist nichts hinzugekommen. Geschrei vom Eingang der Obdachlosenunterkunft nebenan schallt herüber, es klingt nach einem Beziehungsproblem. „Da muss man Nerven haben“, lächelt Dittel. Es geht zurück zur FES in die Weidenbornstraße. Auf der Fußmatte des Elektro-Autos liegen Dittels Handschuhe, in die er Küchenpapier gestopft hat. „Nasse Handschuhe kann ich überhaupt nicht haben“, sagt er. Bevor er zu Hause in seine Wohnung tritt, zieht er immer die Schuhe aus.

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