Servicekraft Josephine und ihr Chef Günter Hehl strahlen im Apfelweinlokal Hehl in Niederrad - dank 2G ohne Mund-Nasen-Schutz und ohne Abstand - , obwohl ihnen das Lachen im Halse stecken bleiben könnte. Nachdem Hehl im Internet angekündigt hat, dass er im Innenraum auf 2G umstellt, muss er übelste Beschimpfungen aushalten.
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Servicekraft Josephine und ihr Chef Günter Hehl strahlen im Apfelweinlokal Hehl in Niederrad - dank 2G ohne Mund-Nasen-Schutz und ohne Abstand - , obwohl ihnen das Lachen im Halse stecken bleiben könnte. Nachdem Hehl im Internet angekündigt hat, dass er im Innenraum auf 2G umstellt, muss er übelste Beschimpfungen aushalten.

Corona

2G in Frankfurt: Wirten schlägt wegen Corona-Regel geballter Hass entgegen

  • VonMichelle Spillner
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Gastronomen in Frankfurt, die nur noch gegen Corona Geimpfte und Genese empfangen, müssen derzeit viel aushalten. Im Netz häufen sich die Hasskommentare.

Frankfurt – Seit Donnerstag (16.09.2021) werden die Gäste des Apfelweinlokals "Ebbelwoi Hehl" wieder mit einem Lächeln begrüßt. Nicht, dass man sie vorher nicht angelächelt hätte, aber hinter dem Mund-Nasen-Schutz war es nicht so gut zu sehen. Seit Lokalbesitzer Günter Hehl die 2G-Regel eingeführt hat und somit nur noch Gäste eingelassen werden, die entweder geimpft oder genesen sind, gibt es keine Masken- und Abstandspflicht in den Innenräumen mehr, und Hehls Mitarbeiterin Josephine strahlt.

Dabei könnte ihr, ihren Kollegen und ihrem Chef das Lachen vergehen. Die Ankündigung der 2G-Regel für den Innenraum in der vergangenen Woche hat im Internet einen wahren Shitstorm (viele Hasskommentare) nach sich gezogen: "Wieder ein Laden mehr auf meiner schwarzen Liste", "Ich hoffe, ihr geht pleite". Und Schlimmeres. Die Berichterstattung unserer Zeitung über Lokale, die 2G einführen, wie die Mainlust in Schwanheim, zog Boykottaufrufe nach sich bis hin zu Verleumdungen. Da habe es eh noch nie geschmeckt, ist noch das Geringste - wobei man sich fragt, warum der Schreiber dieses Kommentars 18 Jahre lang regelmäßiger Gast war, wie er betont, wenn es doch nie geschmeckt hat.

Frankfurt: 2G-Regel in Lokalen – Hasskommentare im Netz

Ihn lasse das kalt, sagt Hehl. Aber er denke schon darüber nach. Das Kommentieren der Kommentare überlässt er seinem Kellner, der sei gelassener, so Hehl, und sachlicher. Der Kellner schaut auch schon mal nach und stellt fest, dass mancher "Kommentator", der ankündigt, "nie wieder einen Schritt in dieses Lokal" zu machen, hunderte Kilometer weit weg wohnt und vermutlich nie bei "Ebbelwoi Hehl" war. Hehl hätte nicht gedacht, dass er von einzelnen für 2G dermaßen angegriffen wird. Man könne ja seine Meinung sagen, aber doch nicht so.

Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands Hessen (Dehoga), ist entsetzt über das, was denjenigen entgegenschlägt, die sich für 2G entscheiden. "Da brauchen Sie ein dickes Fell", sagt er. In Whatsapp-Gruppen tauschen sich Gastwirte und Hoteliers aus, stärken sich den Rücken. "Wir geben auch Tipps, wie man damit umgehen soll", sagt Wagner. Und stellt klar: "2G ist eine unternehmerische Entscheidung und keine emotionale." Durch 2G erhöhen die Wirte ihre Kapazität, können mehr Gäste setzen und die Aussicht auf Umsatz steigern.

Frankfurt: Gastronomen setzen auf 2G-Regel – Furcht vor Umsatz-Einbruch im Winter

Das ist es auch, worum es Günter Hehl geht. Er muss im Herbst und Winter Umsatz machen. Die Einbußen wegen der monatelangen Schließung hat er lange noch nicht aufgeholt. Und er fürchtet einen Umsatz-Einbruch, sobald es kalt wird. "Das werden wir noch sehen, ob die Leute dann reingehen werden", sagt er. Im Moment sei es draußen, in seinem Biergarten, voll, aber drinnen sitze kaum jemand - selbst bei schlechtem Wetter. Er hofft, dass die Leute durch 2G eher reingehen, weil sie sich sicherer fühlen.

Seinen Kumpel Udo Schmidt freut es, "dass Günter das so machen kann". Er selbst gehe unter 2G auch mit einem besseren Gefühl rein, sagt Schmidt, Geschäftsführer von Fitnessstudios und Boxclubs in Frankfurt und Offenbach. Für seinen Kundenkreis könne er 2G nicht umsetzen: "Dann bleiben mir 30 Prozent der Mitglieder weg", fürchtet er. Dabei bräuchte er nach Schließung, Umsatzausfällen und Mehrkosten dringend mehr und verlässliche Einnahmen. Die Auflagen hätten jede Menge gekostet, der Einsatz von Desinfektionsmitteln an den Sportgeräten habe die Gummiteile ruiniert und teure Reparaturen nach sich gezogen, und nach der Erfahrung der Lockdowns schließe niemand mehr einen Vertrag. "Die Kunden kaufen nur noch Zehnerkarten. Da können Sie zusehen, wie ein gesundes Unternehmen in die Knie geht", ist er sorgenvoll. Er würde sich wünschen, dass Deutschland wie Dänemark, Großbritannien und die Niederlande alle Auflagen fallen lassen könne.

Beschimpfungen und Anfeindungen wegen 2G-Regel in Lokalen

Wie viele schließlich die 2G-Regel einführen werden, hat die Dehoga kürzlich abgefragt. 40 Prozent sagten, sie wollten 2G einführen, genauso viele wollen bei 3G bleiben und 20 Prozent sind noch unentschieden. "Wir werden in drei Wochen noch mal fragen", sagt Wagner. Er könne sich vorstellen, dass einige von 2G Abstand nehmen werden, nachdem sie erlebten, was sie an Beschimpfungen und Anfeindungen aushalten müssen. Indes überlegen sich Gastwirte inzwischen gut, ob sie 2G über Facebook, Instagram und Co. ankündigen und sich damit eine Latte meist hässlicher, erschreckender und verletzender Kommentare einhandeln, oder ob sie erst an der Tür darüber informieren.

Manche könnten 2 G vermutlich gar nicht einführen, weil das voraussetzte, dass auch die Mitarbeiter genesen oder geimpft sind, "und das Gastgewerbe kann im Moment auf keine helfende Hand verzichten", weiß Wagner. Er findet die aggressiven Kommentare in Netz "unterirdisch. Aber man sollte das nicht überbewerten. Es ist ein geringer Prozentsatz, der so hart agiert. Man sollte sich von so einem Druck nicht lenken lassen." Auf der anderen Seite gebe es auch Gäste, die nach 2G riefen. "Die meckern aber nicht so bösartig, sondern äußern nur ihr Bedürfnis." Die Dehoga stehe auf jeden Fall zu "tausend Prozent hinter jeder Entscheidung". (Michelle Spillner)

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