Den Street Angeln sei Dank: Gebäck, Geschenke und ein Stück Normalität gab es jetzt auf dem Karlsplatz für Bedürftige und Obdachlose.
+
Den Street Angeln sei Dank: Gebäck, Geschenke und ein Stück Normalität gab es jetzt auf dem Karlsplatz für Bedürftige und Obdachlose.

Obdachlosen-Hilfe

Weihnachten für Frankfurter, die sonst nichts zu feiern haben

  • VonSabine Schramek
    schließen

Street Angel bescheren auf dem Karlsplatz Bedürftige mit Essen, Getränken, Geschenken und Live-Musik

Fast 300 Bedürftige hat der Verein Stree Angel mit einem ungewöhnlichen Weihnachtsmarkt auf dem Karlsplatz im Bahnhofsviertel überrascht. Jede Menge Essen, Getränke und Geschenke gab es für alle bei Live-Musik und Weihnachtsbaum.

Winterliches Wunderland

Mona (54) steht ungläubig vor dem rot-weißen Absperrband, hinter dem sich der Karlsplatz in ein Winter-Wunderland verwandelt. "Ist das für uns?", fragt die Frau in dünnen Schuhen schüchtern. Seit zwei Jahren lebt sie auf der Straße. "Schicksalsschläge", sagt sie knapp und Tränen steigen in ihre Augen.

Lange Tische sind mit Tischdecken und Weihnachtsdekoration geschmückt, ein Weihnachtsbaum mitten auf dem sonst so trostlosen Platz funkelt und glitzert. Es duftet nach Gewürzen und Essen, Hunderte weihnachtlich eingepackte Geschenkkartons stapeln sich zwischen Plätzchen, Kuchen und Kakao. Es weht eisiger Wind. Aus einem Pavillon klingt "Dust in The Wind" auf Gitarre und mit Gesang von Peter Dill aus Aschaffenburg. Mona schluckt. "Ist das schön", sagt sie und blickt fasziniert auf die mehr als 30 ehrenamtlichen Frauen und Männer vom Verein Street Angel, die mit Nikolausmützen und Elchgeweihen auf dem Kopf gut gelaunt Essen, Getränke und Geschenke verteilen.

"Wir hätten lieber ein richtiges Weihnachtsfest gemacht, aber wegen Corona haben wir uns zum zweiten Mal für den Weihnachtsmarkt auf dem Karlsplatz entschieden", so Sabi Uskhi, der seit fast 25 Jahren in Frankfurt unterwegs ist und Obdachlosen hilft.

Vor knapp acht Jahren hat er den Verein Street Angel gegründet und kommt jede Woche mit einem Foodtruck ins Viertel, um Bedürftige zu verpflegen und mit Kleidung auszustatten. Damit auch die Stimmung passt, haben seine Engel mehr als zwei Stunden lang den Platz geschmückt. Die Bäckerei Huck spendet 300 Brötchen und jede Menge Kuchen, die Restaurants Pino's, Chicago Williams, Vaivai und Papa Casa haben Pasta, Chili con Carne, Curry und orientalische Suppe für alle vorbereitet, der Barmixer-Europameister Ilias Kousis von Barphilosophie mixt mit seinem Mitarbeiter Adrian eiskalten alkoholfreien Weihnachtspunsch mit Orange, Maracuja, Limone und Erdbeer für die fast 300 Bedürftigen, die geduldig mit leuchtenden Augen anstehen. Jeder bekommt am Eingang eine große blaue Einkaufstüte, die an jeder Station immer weiter gefüllt werden kann. Mit warmem Essen, Obst, prall gefüllten Nikolausstiefeln, Schokolade, Kakao, Zitronentee, Kuchen, Mützen und Handschuhen. Am Ende des Weges gibt es für jeden ein Geschenkpaket dazu und einen Becher Weihnachtspunsch.

Als das Leben noch intakt war

Die Besucher sind überwältigt. "Ihr seid so toll", werden die Street Angel immer wieder gelobt. "Wenn es Euch nicht gäbe, wäre die Welt noch dunkler", sagt ein alter Mann. Manche wiegen sich im Rhythmus der Live-Musik. Sie scheinen den harten Straßenalltag für eine kurze Weile zu vergessen und bewundern die weihnachtlich verpackten Geschenke, lesen die Briefe und Karten, die auf ihnen aufgeklebt sind. Die weihnachtliche Dekoration erinnert viele an Zeiten, in denen auch ihr Leben noch in Ordnung war. An Zeiten, in denen sie mit der Familie die Weihnachtszeit verbracht haben. Jeder hat eine ganz eigene Geschichte, warum er auf der Straße gelandet ist. Todesfälle, Krankheiten, Jobverlust, zerbrochene Beziehungen, Drogensucht, Alkoholsucht oder völlig andere Gründe. Die Männer und Frauen sind zu erschöpft und durchgefroren, um davon zu erzählen. Im Moment zählt für sie nur der Augenblick, das kurze Abtauchen in schöne Erinnerung, in die Wärme von freundlichen Worten und das Gefühl, ganz normal behandelt zu werden. Ohne Vorwürfe, ohne misstrauische Blicke, ohne Vorurteile. Mona nippt an einem Becher voller heißem Kakao und lächelt nachdenklich. "Heute ist ein schöner Tag. Es fühlt sich an wie Weihnachten."

SABINE SCHRAMEK

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare