Lohrberg bis Rheintal

Weinselig mit dem Stadtoberhaupt bei unserer Leser-Tour

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In vino veritas, im Wein liegt Wahrheit. Schon Goethe schätzte den Rebensaft. Peter Feldmann tut es auch. Frankfurts Oberbürgermeister begleitete 30 Leser dieser Zeitung, die eine ganztägige „Wein-Tour“ mit ihm gewonnen hatten. Seine kenntnisreiche Moderation kam bestens an.

Dass Frankfurt eine „echte“ Weinstadt ist, stellen die Leser dieser Zeitung am Freitagmorgen um 9.30 Uhr gleich bei der ersten Station auf dem Lohrberg fest, eine Sektflöte in der Hand über die Rebstöcke hinunter auf Frankfurt blickend. Was da in den Gläsern fein moussiert ist der extra-trockene Riesling-Sekt „Frankfurter Lohrberger Hang“. Eine Leserin lobt: „Was, den gibt’s im Laden am Römer in der Limpurgergasse 2 zu kaufe? Hol isch sofort!“

Oberbürgermeister Peter Feldmann stellt Winzermeister und Pächter Jürgen Rupp vor, der zu einem kurzweilen Parforce-Ritt über den Lohrberger Hang, Öchsle-Grade und die in etwa vier Wochen bevorstehende Lese ausholt und sagt, dass der kleine Lohrberg mit 1,3 Hektar Anbaufläche rund 10 000 Flaschen Ertrag pro Jahr bringt. „Alles in mühsamer Handarbeit, hier ist es zu eng für die maschinelle Lese.“ Da hat Feldmann längst vom Weindenkmal in Nieder-Eschbach erzählt. Dass Frankfurt mit seinem „Lohrberger Hang“ sogar ein offizielles Stück des berühmten Anbaugebiets Rheingau innerhalb seiner Stadtgrenzen aufweist. Seit 1803 kann die Stadt ein Weingut ihr Eigen nennen. Das hat sie Napoleon und der Säkularisation zu verdanken: So fielen die Weinberge am Lohrberg und im Rheingau mitsamt den dazugehörigen Wirtshäusern in den Besitz Frankfurts.

Feldmann erzählt, dass der Wein sehr früh Frankfurts wichtigstes Handelsprodukt war, was an den Römern gelegen habe: „Diese waren gesetzlich verpflichtet, täglich mindestens drei Liter zu trinken!“ Wein war aufgrund der Gärung und des Alkoholgehalts reiner als das oft verschmutzte Wasser. Der OB: „Jeder bürgerliche Haushalt hatte seinen Hauswein, also eigene Rebstöcke. Anno 1484 wurden rund 1,5 Millionen Liter Wein in Frankfurt gekeltert“. Und für den Kriegsfall war festgelegt, dass neben der Einlagerung von Korn und Getreide für alle Bewohner auch zwei Fuder Wein pro Tag für die Dauer von zehn Jahren zu garantieren waren. „Drei Liter Wein pro Tag für zehn Jahre und für jeden“, sagt Feldmann. Und stellt Städteführerin Marion Schönherr aus Eltville vor, die wie ihr Kollege Edwin Schneider aus Lorch am Nachmittag die Teilnehmer mit Wissen und Charme begeistert.

Sanft schaukelt der Bus gen Hochheim. 350 000 Liter Wein lagern im Kellergewölbe des schmucken Weinguts der Stadt Frankfurt in der Aichgasse. 25 Hektar umfasst die Anbaufläche.

Beschwingt inmitten eines Weinbergs auszusteigen ist nicht das Schlechteste. Zwetschgenkuchen, Laugenbrezeln und ein Weinglas in die Hand gedrückt zu bekommen und eine steile Treppe in einen Weinkeller hinabzusteigen, ebenso. Erst zapft Rupp aus einem 8000-Liter-Stahlfass die 2017er „

Hochheimer Hölle

“, einen Riesling Kabinett trocken, mit Silbermedaille prämiert. Dann steigt er auf eine Leiter und holt einen famosen Roten per Schlauch aus einem gewaltigen Holzfass. Da steht der OB längst vorm prächtig geschnitzten „Frankfurter Fass“, denn einige Damen bitten um ein Erinnerungsfoto.

Die automatische Abfüll- und Etikettieranlage rumpelt und zischt, jeder darf eine leere Flasche aufs Band stellen und weinbefüllt mitnehmen. Alles gerät in Wallung, so ein Souvenir will jeder.

Weiter geht’s auf den Neroberg in Wiesbaden. An der prächtigen Russischen Kapelle sagt Feldmann seinem Amts- und Parteikollegen Sven Gerich Guten Tag, dieser begrüßt die Gäste, hat aber einen dringenden Termin. Egal, die Leser fühlen sich geehrt, laufen parlierend durch den Weinberg unterhalb des Opel-Freibades, genießen die Sonne und die fantastische Aussicht auf die hessische Landeshauptstadt. Die Städteführerin zaubert Wein und Brezeln herbei, die Nerobergbahn rumpelt vorüber. Die Stimmung ist prächtig, Schönherr erklärt fröhlich, wie man einen Wein professionell genießen sollte: „Er ist ein lebendiges Wesen“. Dieser „Unterricht“ gefällt. Feldmann wandelt derweil telefonierend durch den Weinberg. Das Tagesgeschäft ruft.

Weiter geht’s nach Oestrich-Winkel ins prächtige Brentanohaus, wo Goethe anno 1814 den Sommer verbrachte. Feldmann erweist sich als Kenner deutscher Geschichte, erinnert an die Zeit der (Rhein-)Romantik, streift die Raubritter, die Frankfurter Schule, die sozialistischen Utopisten. Die Geschichte des Brentanohauses, das gerade saniert wird, bringt die Nachfahrin, Baronin Angela von Brentano, derart liebenswert und kurzweilig näher, dass aus der kurzen Führung eine längere Zeitreise wird. Wer weiß schon, dass Goethe – damals bereits berühmt – meist blasiert und arrogant auftrat? „Sein Essen türmte er auf den Teller, ließ es aber stehen, was die Dame des Hauses nervte. Heute weiß man, dass er sehr schlechte Zähne hatte und darum lieber dem Wein zusprach“, sagt die Baronin. Und dass Bettine Brentano dem mehr als 30 Jahre älteren Gothe derart heftig schwärmerisch nachstellte, dass er sie „lästige Wespe“ nannte. Sie soll sich sogar mit seiner Frau Christiane um ihn geprügelt haben. Wo die Liebe hinfällt... Um derlei Wissen bereichert munden im idyllischen Garten-Restaurant die feinen Allendorf-Weine umso besser.

Endpunkt ist das geschichtsträchtige, rund 450 Jahre alte Hotel „Krone“ in Rüdesheim-Assmannshausen, Teil des Weltkulturerbes Oberes Mittelrheintal und ein grandioses 19.-Jahrhundert-Gebirge aus Türmchen und Erkern. Hier vollendete der Dichter Ferdinand Freiligrath sein „Glaubensbekenntnis“, hier tagten im Juni 1990 Helmut Kohl und François Mitterrand, es gab Kalbsfilet im Morchelmantel. Der OB erzählt, dann muss er los, den neuen Stadtschreiber von Bergen-Enkheim begrüßen. Zurück in Frankfurt (statt 17 ist es fast 20.30 Uhr geworden, was niemanden stört), klettern die Leser am Römerberg aus dem Bus, loben die Tour als „grandios“, ja „gigantisch“. Feldmann wird sich freuen.

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