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Fehlanzeige ? beim Grußkartenstand auf dem Römerberg kommt Reporterin Stefanie Wehr mit Hand und Kreditkarte nicht weiter.

Selbstversuch

Wie weit kommen Touristen und Einheimische ohne einen Cent Bargeld?

Die deutschen Verbraucher bezahlen ihre Einkäufe noch immer am liebsten in bar – zumindest, wenn es um kleinere Beträge geht. Das ist das Ergebnis einer Studie des Kölner Handelsforschungsinstitut EHI. Aber ginge es auch ohne? Ein Selbstversuch mit ernüchternder Bilanz.

In den USA ist das Zahlen per Kreditkarte selbst bei Kleinstbeträgen längst selbstverständlich, auch das Bezahlen per Smartphone-App ist in den Staaten auf dem Vormarsch. Doch wie ist das in der Weltstadt Frankfurt? Wie weit kommen Touristen und Einheimische in der Mainmetropole ohne einen Cent Bares in der Tasche? Nicht besonders weit, das zeigt sich schnell.

Im Frühstückscafé ums Eck ist Kartenzahlung gar nicht drin. Also muss mir eine Bekannte aushelfen, man kennt sich ja zum Glück. Immerhin: Beim Kiosk nebenan kann ich eine Zeitung kaufen: Allerdings fallen bei Käufen mit EC-Karte unter 10 Euro glatt 30 Cent Gebühr an.

Bei der Bäckerei, einer großen Frankfurter Kette, wiegelt die Verkäuferin ab: „Nein, bei uns geht nur Cash!“ Sie macht mit dem Zeigefinger eine energische Nein-Bewegung. Ähnliche Erfahrungen werde ich heute noch öfter machen. Immerhin, im Bio-Supermarkt kriege ich ein Croissant für 1,50 mit EC-Karte. „Ist kein Problem“, sagt die Dame an der Theke.

Gut, dass die U-Bahn inzwischen bargeldlos funktioniert. In der RMV-App auf dem Handy gebe ich mein Fahrtziel ein und kann die 2,75 Euro für die Einzelfahrkarte mittels Lastschrifteinzug bezahlen. Fahrtziel ist der Zoo. Kann ich den Eintritt mit Karte zahlen? „Mit EC-Karte und Geldkarte“ heißt es an der Kasse. Super, ich bin drin. Nach einem Rundgang zu den Zebras und Giraffen möchte ich ein Eis essen. An der Eisbude geht aber nichts ohne Bargeld.

Draußen vor dem Zoo-Eingang warten unzählige Leihfahrräder auf Kundschaft. Die App für die türkisfarbenen Räder habe ich schon heruntergeladen. Hier geht freilich gar nichts mit Bargeld, nur mit Kreditkarte oder dem Online-Bezahldienst Paypal. Die erste Fahrt ist gratis! Der Drahtesel ist leicht entsperrt mit Hilfe der Scan-Funktion. Ich stelle den Sattel ein und schwinge mich aufs Rad. Ziel: der Römerberg. Ich parke auf dem Paulsplatz und schließe das Fahrrad ab. „Schnupperfahrt beendet“, teilt mir die App mit.

Nun mache ich mich auf die Suche nach Mittagessen. Im ersten Restaurant schüttelt der Barmann erst mit dem Kopf, sagt dann: „Mit EC-Karte ab 15 Euro.“ Beim Wurst-Imbiss gegenüber heißt es ebenfalls: „Bei uns nicht!“ Im zweiten und dritten Restaurant immer noch kein Erfolg.

Hunger und Frust

werden größer. Erst im Schirn-Café sagt der Kellner freundlich: „Ja sicher, Sie können mit EC-Karte zahlen, setzen Sie sich doch.“

Nach dem Essen spaziere ich über den Römerberg. Den Straßenkünstlern hätte ich gern einen Euro geschenkt, aber ich habe ja keinen dabei. Am Souvenirshop stehen Postkartenständer, ich brauche noch eine Glückwunschkarte. Doch drinnen schüttelt der Verkäufer bedauernd mit dem Kopf: „Erst ab 10 Euro Kartenzahlung – sonst macht mich mein Chef rund. Wir müssen das ja selbst bezahlen.“

Jetzt brauche ich dringend einen Kaffee. Beim Konditor am Eck mit dem leckeren Frankfurter Kranz kriege ich dieselbe Antwort wie zuvor: „Erst ab 10 Euro!“

Vielleicht werde ich auf der anderen Mainseite fündig. Auf dem Smartphone aktiviere ich die App „My Taxi“, bei der ich mich schon zuvor mit Name, Adresse und Kreditkartendaten registriert habe. Die App ortet meinen Standort am Fahrtor und fragt nach meinem Fahrtziel. Ich tippe „Städel-Museum“ ein. Die App findet sogleich einen Fahrer, den ich nur noch verbindlich buchen muss, dann sehe ich auf der Karte, dass er gerade über die Brücke fährt und in sieben Minuten da ist. Wie in einem Computerspiel fährt das Auto in der App-Karte immer näher, dann sehe ich es auch schon. Auf der anderen Straßenseite hält das Taxi, ich springe hinein. „Wie kann ich zahlen?“ „Wie Sie wollen“, sagt der Fahrer. Meine eingegebenen Kreditkartendaten hat er aber nicht auf dem Bildschirm. „Sie können die Daten auf der Fahrt in ihr Handy eingeben oder bei mir mit Karte oder Bargeld zahlen“, bietet er an. Ich zahle direkt beim Fahrer mit Kreditkarte. Irgendwie wirkt er nicht begeistert. „Jetzt muss ich die Gebühr für die App und für die Kreditkarte zahlen“, beschwert er sich.

Auch im Städel kann ich keinen Kaffee trinken, der Mindestverzehr im Café für die Bezahlung mit EC-Karte beträgt 7,50 Euro. Den Eintritt ins Museum kann ich aber zahlen, wie bei allen Frankfurter Museen. Dann wandere ich über den Holbeinsteg ins Bahnhofsviertel. Ein Kaffee muss her – bei der amerikanischen Kette Starbucks müsste es doch bargeldlos möglich sein. Die App habe ich auch. Aber oh weh – wie umständlich ist das denn? An der Kasse gibt mir ein Mitarbeiter eine Starbucks-Karte. „Den Code darauf müssen Sie freirubbeln und in der App eingeben.“ Das dauert mir alles zu lange – da zahle ich die 3 Euro für meinen hart erkämpften Latte Macchiato lieber mit EC-Karte.

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