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Weit mehr als nur ein begnadeter Koch

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Von: Gernot Gottwals

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Kocht regelmäßig für das Begegnungszentrum in der Aßlarer Straße und andere Einrichtungen: Hamidul Khan. Dafür wurde er mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. An seiner Seite Mohammad Nazari (links)
Kocht regelmäßig für das Begegnungszentrum in der Aßlarer Straße und andere Einrichtungen: Hamidul Khan. Dafür wurde er mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. An seiner Seite Mohammad Nazari (links) © sauda

Vor 40 Jahren ist Hamidul Khan an den Main geflohen. Der Gründer des Deutsch-Bengalischen Vereins kocht regelmäßig im Stadtteil und hat die Römerplakette in Gold erhalten.

Dass die Zubereitung von Lebensmitteln Hamidul Khans große Leidenschaft ist, sieht man sofort, wenn man ihm über die Schulter schaut, wie er bengalische Fisch-, Fleisch- und Gemüsegerichte in allen Variationen für deutsche Münder zaubert. „Denn ich liebe Deutschland und die multikulturelle Lebensart in Frankfurt, aber viele Einheimische mögen es trotzdem nicht so scharf“, stellt er schmunzelnd fest.

Zweimal pro Woche am Herd

Seit gut einem Jahr kocht Khan in der Regel zweimal im Monat bengalisch und international: Und zwar dienstags im Begegnungszentrum des Frankfurter Verbands für Senioren in der Aßlarer Straße, wo er bereits seinen Fanclub mit Lieblingsgerichten hat: „Lachs geht immer besonders schnell weg, den muss man vorbestellen“, sagt Abdulaziz Zähter, der mit seiner Frau Monika gerne hier isst.

Da Hamidul Khan nicht nur leidenschaftlich gerne kocht, sondern seit Jahrzehnten Kultur- und Nachbarschaftsfeste sowie Messen und soziale Projekte organisiert, wurde er im Frühjahr mit der Ehrenurkunde für Kunst und Kultur des Landes Hessen und kürzlich mit der Römerplakette in Gold ausgezeichnet.

Damit Khan zur Feier des Tages seine Zutaten den neugierigen Besuchern auch mal zeigen kann, hat er in gewohnter Manier am Vortag bereits einige Kilo Gemüse, Reis, Kartoffeln, Hühnchen und Fisch eingekauft und vorbereitet, um neben Chicken Curry, frittierten Brokkoli und Frühlingsrollen auch Fischfrikadellen mit Thunfisch als neue Kreation zu kredenzen. „Ich habe immerhin 33 Jahre im Lebensmittelservice der Lufthansa gearbeitet“, erklärt er.

Neben dem Kochen zählen Musik, Tanz und Literatur zu Khans Leidenschaften, die er jedoch im Mutterland nur in jungen Jahren ausleben konnte: 1958 in Rangpur im Norden Bangladeschs geboren, kam er 1982 auf der Flucht vor dortigen politischen Unruhen nach Frankfurt. „Ich besuchte hier zunächst das Abendgymnasium, doch dann blieb neben der Arbeit immer weniger Zeit“, berichtet er. 1996 gründete er selbst eine Familie mit drei Kindern, entschloss sich 2015 in Erinnerung an seine eigene Situation zur Adoption eines afghanischen Flüchtlingskinds.

Bereits 1983 hatte Khan an der Goethe-Universität das Musik- und Literaturfest „Hermann Hesse: Reise nach Indien“ organisiert. Ab 1992 etablierte sich das Bengalische Neujahrsfest im Großen Saal des Nordwestzentrums, hinzu kamen weitere Nachbarschaftsfeste in der Aßlarer Straße, wo Khan ein Reihenhaus bezog. 1997 gründete er mit Gleichgesinnten die Deutsch-Bengalische Gesellschaft.

Als Khan 2012 den Wunsch nach einer Buchmesse für Migranten äußerte, wurde der Ball schnell an ihn zurückgespielt: „Ich kannte natürlich viele Schriftsteller und Verlage, und schon ein Jahr später konnte die erste Immigrationsbuchmesse im Nordwestzentrum stattfinden.“ Der zunächst mietkostenbedingte Umzug ins Historische Museum ist für beide Seiten ein Zugewinn, da die Messe seitdem bekannter wird, gut zum Thema Einwanderung des Museums passt und deshalb auch öffentlich gefördert wird.

Völlig neue Herausforderungen brachte die Corona-Pandemie: Da die Lockdowns öffentliche Feierlichkeiten fast unmöglich machten, funktionierte Khan im Dezember 2020 sein eigenes Küchenfenster zum Essensschalter um und verkaufte warme Gerichte zugunsten der Aktion „Not gemeinsam lindern“.

Er unterstützte ehrenamtlich die benachbarte Pizzeria „Al Camino“ mit bengalischem Essen und startete nach der Flutkatastrophe im Ahrtal vergangenen Sommer eine Spendenaktion. Geht noch mehr? Mit Verwandten in seinem Heimatland engagierte sich Khan für die Gründung eines Kindergartens, benannt nach dem Pädagogen Friedrich Fröbel. Inzwischen schaut der 73-Jährige, dass er fleißige Helfer für die Zukunft seiner Projekte findet, etwa den Afghanen Mohammed Nazari, der ihm auch beim Kochen im Heddernheimer Begegnungszentrum hilft.

Doch hat der Initiator so vieler Sozial- und Integrationsprojekte bei aller Freude und Dankbarkeit auch mal Fremdenfeindlichkeit erlebt? Er zuckt mit der Schulter: „Nun ja, das kommt auch manchmal vor. Aber das geht da rein und da wieder raus.“ Denn Khan blickt stets nach vorne.

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