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Wem gehört der Bürgersteig? Für Fußgänger in Frankfurt ist die Unfallgefahr besonders hoch

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Von: Dennis Pfeiffer-Goldmann

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Hier ein E-Scooter, da ein Werbeaufsteller, dort ein Fahrrad: Für Fußgänger wie Angelika und Bernd Schneider gerät der Gang in der Stadt schnell zum Hindernislauf. Bei der Verkehrswende werden die Interessen von Fußgängern oft vergessen, kritisieren sie.
Hier ein E-Scooter, da ein Werbeaufsteller, dort ein Fahrrad: Für Fußgänger wie Angelika und Bernd Schneider gerät der Gang in der Stadt schnell zum Hindernislauf. Bei der Verkehrswende werden die Interessen von Fußgängern oft vergessen, kritisieren sie. © Hamerski

Die Mobilitätswende führt zu Problemen in Frankfurt. Fußgänger fühlen sich auf den Wegen nicht mehr sicher – jetzt wählt die Stadt ungewöhnliche Auswege.

Frankfurt – Auf den Straßen in Frankfurt ist es insgesamt sicherer geworden. Dennoch kein Anlass für Entwarnung: Für Fahrradfahrer und Fußgänger ist es ungleich gefährlicher auf den Straßen als für Autofahrer. Da die Stadt die Mobilitätswende bisher stark auf den Fahrradausbau ausrichtet, fürchten nun Fußgänger, auf der Strecke zu bleiben.

Immerhin haben sich die Unfallzahlen seit dem Jahr 2000 positiv entwickelt: Die Zahl der Verunglückten sank von 4346 auf 3071 Menschen im Jahr 2019. 2020 sanken sie wegen der Corona-Lockdowns auf 2292 Verunglückte. Doch ist laut Zahlen der Stadt die Gefahr, als Fußgänger bei einem Unfall schwer verletzt zu werden, achtmal so hoch wie für einen Autofahrer – und für einen Radfahrer mehr als fünfmal.

Angelika und Bernd Schneider wundert das nicht. Die beiden wohnen im Westend, sind täglich auf dem Grüneburgweg unterwegs – und erleben, wie Fußgänger sprichwörtlich unter die Räder kommen. „Der Gehweg wird in Frankfurt nicht als Verkehrsweg anerkannt“, sagt Bernd Schneider, „sondern als Abstellfläche für alles Mögliche.“

Fußgänger kommen in Frankfurt unter die Räder

Auf nur wenigen Metern entlang der Straße zeigt sich das. Die Schneiders müssen erst um zwei recht mittig auf dem Fußweg geparkte E-Scooter herumlaufen. Dann verstellen unzulässig halb auf dem Gehweg geparkte Autos den Durchgang, als ihnen andere Passanten entgegenkommen. An einer Ecke drängelt sich eine Mutter mit einem großen Lastenfahrrad über den Gehweg. Auf der Ecke gegenüber sind geparkte Fahrräder und E-Scooter so abgestellt, dass gerade so eine Person noch hindurch kommt. Ein Rollstuhlfahrer nicht mehr.

Ein Supermarkt nutzt den Gehweg als Stellfläche fürs Warenangebot. „Man kommt hier immerhin noch durch“, sagt Angelika Schneider, Sarkasmus schwingt in ihrer Stimme mit. „Das summiert sich halt“, seufzt ihr Mann. Ein Café hat Tische so weit auf den Gehweg herausgestellt und zudem noch einen Werbeaufsteller, dass eine Mutter mit Kinderwagen steckenbleibt und Stühle beiseite schieben muss. Ein Radfahrer schießt plötzlich knapp vor ihr über den Gehweg, um nicht hinter einem wartenden Linksabbieger bremsen zu müssen. Nicht wenige Radler hielten sich an gar keine Regeln, seufzt Bernd Schneider. Warum sie sich dabei sogar selbst oft in große Gefahr bringen, versteht er nicht.

Fußgängerfreundliche Konzepte in Frankfurt: Fahrradparkplätze und Außengastronomie auf Parkplätzen

Die Schneiders engagieren sich in ihrer „Bürgerinitiative für sichere Gehwege“. Durch Corona ausgebremst, soll der Zusammenschluss vor allem vieler älterer Menschen in den nächsten Monaten gestärkt werden. Dass die Stadt bereits anfängt mit dem Umgestalten von Straßen, finden sie richtig. „Der Oeder Weg entwickelt sich gut“, sagt Angelika Schneider. Dort hat die Stadt Fahrradparkplätze und Außengastronomie auf Autoparkplätze versetzt und von den Gehwegen verbannt. Radwege wurden aufgemalt, Durchgangsverkehr wird blockiert.

Vom Eschenheimer Tor gibt es eine Schranke, demnächst soll eine „Diagonalsperre“ an der Holzhausenstraße folgen. Während Radfahrer diese Veränderungen loben, kommt Kritik von Einzelhändlern und Autofahrern. Radfahrer und ÖPNV-Nutzer seien zahlungskräftige Kunden, hält die Stadt stets dagegen. Davon ist Hendrik Gienow nicht überzeugt, der Vorsitzende des neuen Vereins „Vorfahrt Frankfurt“: „Wir freuen uns alle über weniger Autoverkehr, aber wir machen uns Sorgen, was aus Frankfurt als Wirtschaftsstandort wird.“

Denn nach dem Oeder Weg will die Stadt weitere Straßen umbauen. Und selbst auf großen Achsen weichen Autospuren neuen, rot markierten Fahrradspuren: Auf Friedberger Landstraße, Kurt-Schumacher- und Konrad-Adenauer-Straße folgen aktuell Berliner und Battonnstraße, dann Mainzer und Hanauer Landstraße.

Vorsitzender des Vereins „Vorfahrt Frankfurt“ warnt vor einseitiger Verkehrspolitik

Die Stadt schade mit ihrer „so einseitigen und auf eine Minderheit ausgerichtete Verkehrspolitik“ der Mehrheit der Bürger, sagt Gienows Vorstandskollegin Annette Oboth. Sie kann es nicht mehr hören, wenn die Stadt fordert, mit dem Nahverkehr zu fahren: „Der ist zwar schlecht ausgebaut, ungepflegt und teuer, aber Umweltschutz ist wichtiger als Arbeiten und Einkaufen.“

Tatsächlich geht es seit Jahren bei großen Ausbau-Ideen wie dem U4-Lückenschluss von Bockenheim bis Ginnheim, der U5-Verlängerung zum Frankfurter Berg oder der Ringstraßenbahn nicht voran. Ende 2014 ging letztmals eine neue Strecke in Betrieb: 1100 Meter kurz in der Stresemannallee. Die Stadt müsse „erst einmal die Voraussetzungen für die notwendige Verkehrswende schaffen“, findet Oboth. „Kaum jemand fährt zu seinem Vergnügen mit dem Auto, sondern weil es gar nicht anders geht.“

Fußgängerlobbyistin Angelika Schneider versteht das zwar, findet es aber notwendig, dass in der Verkehrspolitik „umgedacht“ wird: „Das Denken in Frankfurt geht oft nur übers Auto“, sagt sie. „Der Fußgänger steht immer ganz hinten.“ (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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