Das Alfa-Team (v.l.): Ute Schlagehan (VHS), Dan Mohr, Sabine Matern (Leiterin Stadtteilbücherei) und Adrian Eppel. FOTO: rüffer
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Das Alfa-Team (v.l.): Ute Schlagehan (VHS), Dan Mohr, Sabine Matern (Leiterin Stadtteilbücherei) und Adrian Eppel.

Nordweststadt: Frankfurt hilft

Wenn den Worten die Buchstaben fehlen

  • VonSabine Schramek
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Alphabetisierungsbus macht Mut - Lesen und Schreiben kann man sein Leben lang lernen

Deutschlandweit können mehr als sechs Millionen Männer und Frauen kaum oder gar nicht lesen und schreiben. In Frankfurt sind es fast 58 000 Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen zu den Analphabeten zählen. Die meisten schämen sich und versuchen alles, damit es niemand erfährt. Hilfe gibt es. Im Nordwestzentrum haben das Alfa-Mobil, die VHS und die Stadtbibliothek jetzt Mut gemacht und aufgeklärt.

In der Schule an den Rand gedrängt

Dan Mohr (63) war 40 Jahre lang Dachdecker. Heute ist er Lernbotschafter aus Überzeugung. "Es ist meist ganz anders, als die Leute denken", sagt er und erzählt, dass er bis vor wenigen Jahren weder schreiben noch rechnen konnte. "Ich hatte einen Sprachfehler und in der Schule haben mich Lehrer und Mitschüler einfach so sehr an die Seite gedrängt, dass ich gar nichts mehr gesagt habe", berichtetet er ohne Verbitterung. Nach der siebten Klasse hat er die Schule verlassen und fand einen Ausbilder, bei dem er Dachdecker-Geselle werden konnte. "Ich konnte weder lesen noch schreiben. Das haben meine Kollegen für mich übernommen. Und später auch meine Frau, die auch erst acht Jahre nach unserer Hochzeit gemerkt hat, dass ich es nicht kann." Das ging so lange mehr oder weniger gut, bis die Fima nach 40 Jahren Bankrott ging und "ich jede Menge Personalbögen ausfüllen" musste. "Da haben mich meine beiden Kollegen und meine Frau zu einem Spaziergang mitgenommen. In die Volkhochschule. Als wir dort waren, sagten sie, entweder Du machst jetzt einen Kurs, oder wir helfen Dir nicht mehr. Dann gab es kein Zurück mehr und das ist verdammt gut so. Ich habe sogar den Motorradführerschein gemacht", sagt Mohr.

Die ersten Male fiel es ihm schwer, zum Lernen zu gehen und offen damit umzugehen, dass er zwar Buchstaben kennt, aber keine Worte daraus formen konnte. Zweimal pro Woche hat er in einer kleinen Klasse gelernt, zu Hause noch zweimal in der Woche mit seiner Frau und den Kollegen. "Mein Leben lang habe ich mich durchgewurstelt, konnte mit alles merken und brauchte keine Einkaufslisten. Selbst auf Montage sei es nie aufgefallen. Drei Jahre hat es gedauert, bis er das Lesen und Schreiben so drauf hatte, wie jeder andere auch. "Jetzt helfe ich anderen, den Weg zu gehen, der nach der ersten Überwindung so unglaublich viel Lebensqualität gibt." Für ihn war es Alltag, Techniken zu entwickeln, auch ohne Lesen und Schreiben durchs Leben zu gehen.

Seit zehn Jahren im Land unterwegs

Am Dienstag stand er mit dem Alfa-Mobil am Nordwestzentrum. Mit einem Glücksrad und Schaumstoffwürfeln voller Buchstaben, offenem Blick und unendlicher Geduld. Seit zehn Jahren ist der Bus in ganz Deutschland unterwegs, um aufzuklären und zu helfen. "Die meisten Leute glauben nicht, wie viele Menschen nicht lesen und schreiben können", so Adrian Eppel, der den Bus begleitet. "Dabei leben sie mitten unter uns und leiden. Das geht so weit, dass sich einige die rechte Hand mit Absicht verbrennen oder an die Wand schlagen, damit sie erklären können, warum sie gerade nicht schreiben können", weiß der wissenschaftliche Mitarbeiter.

Um dem entgegenzuwirken, sind sie überall dort unterwegs, wo es VHS-Kurse für die Betroffenen gibt. Ute Schlagehan von der VHS hilft diesen Menschen. "Es ist immer wieder anders, warum es Probleme gibt. Darum sind es auch nur ganz kleine Gruppen, in denen gelernt wird. Mehr als sechs Teilnehmer pro Kurs gibt es nicht, damit jeder ganz individuell betreut werden kann. Das muss nicht ablaufen, wie in der Schule, sondern so, wie es nötig ist", sagt die Frau mit sanftem Blick.

Es sind momentan Frauen und Männer zwischen 35 und 68 Jahren, die kämen. Einige seien sofort bei der Sache, weil sie ihren Kindern helfen wollen, andere seien zögerlich und wollen erst einmal gucken. Es gibt viele, die trotz Schule nie lesen gelernt haben und andere, die in anderen Sprachen schreiben können, Deutsch sehr gut sprechen, aber eben nicht schreiben.

Jedem kann geholfen werden

"Für alle gibt es Hilfe. Dazu gehören auch Ausflüge in die Stadtteilbibliothek, um Hemmungen abzubauen", so Schlagehan. Sabine Matern vom Bibliothekszentrum Nordweststadt nickt. "Ab September ist wieder regulär offen und jeder kann erfahren, was man mit Lesen und Schreiben alles erleben kann." Das Schwierige sei, diese Menschen auch zu finden und davon zu überzeugen, sich etwas helfen zu lassen. Das bestätigt auch Mohr. "Die Scham ist riesig. Man fühlt sich ausgeschlossen und traut sich kaum, darüber zu reden. Dabei ist das Unsinn. Niemand wird an der VHS ausgegrenzt. Alle haben das gleiche Problem. Ich brauchte leider den ganz harten Weg. Dabei ist es ein tolles Gefühl, Schrift zu erleben und jede Woche Fortschritte zu machen. Ich kann es nur empfehlen." Sabine Schramek

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