Etwa ein Dutzend Mitglieder der Sängervereinigung Nieder-Erlenbach probt mittlerweile über das Internet. foto: privat
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Etwa ein Dutzend Mitglieder der Sängervereinigung Nieder-Erlenbach probt mittlerweile über das Internet.

Nieder-Erlenbach: Alte Lieder, neue Wege

Wenn der Chorleiter die Stimmen nicht hört

  • vonFriedrich Reinhardt
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In der Pandemie singt die Sängervereinigung in der Videokonferenz

Weil in der Pandemie Chören das gemeinsame Singen untersagt ist, müssen sie sich Alternativen suchen. Die Sängervereinigung Nieder-Erlenbach hatte sich im vergangenen Spätsommer daher auf der Wiese hinter der Kirche getroffen und mit drei Metern Abstand geprobt. Als es dafür zu kalt wurde, war auch damit Schluss. Nun treffen sich knapp ein Dutzend Sänger im Internet mit einem Video-Konferenz-Programm. Aber kann das ein Ersatz für das Singen Seite an Seite sein?

Eine wichtige Notlösung

Es sei eine Notlösung mit allerlei Nachteilen, sagt Jan-Hinrich Fischer, der Vorsitzende der Sängervereinigung. Die sei aber wichtig. "Wir versuchen alles, dass uns der Laden nicht auseinander fliegt. Wenn Sänger durch die lange Pause einmal den Bezug zum Chor verloren haben", vermutet er, "wird es schwierig, sie danach wieder neu zu motivieren."

Natürlich gebe es Einschränkungen. So können sich die Sänger gegenseitig gar nicht hören. Sobald die eigentliche Probe beginnt, schaltet Chorleiter Maarten van Leer die Teilnehmer auf stumm. Sie hören nur die eigene Stimme und den Chorleiter, der den Gesang am Klavier begleitet. "Sonst würde man nur den Sänger hören, der am lautesten singt", erklärt van Leer. "Mehrere Tonspuren zusammen wiederzugeben, das kann das verwendete Programm nicht."

Überraschendes Gemeinschaftsgefühl

Dabei macht doch das den Reiz aus, das erhebende Gefühl, wenn die eigene Stimme im mächtigen Beben des Chorgesangs aufgeht, oder? So sieht das auch Fischer, aber ein Teil dieses Gefühls erlebe man auch bei den Internettreffen. Er scheint selbst überrascht, dass durch das gemeinsam eingeübte Repertoire und die vertrauten Gesichter auf dem Bildschirm das Gemeinschaftsgefühl entsteht. Skeptisch sei er vorher gewesen, auch weil viele ältere Mitglieder Schwierigkeiten mit der Technik haben könnten. "Aber als ich den ersten 87-Jährigen sah, wie er aus voller Kehle sang, ahnte ich, dass das gut wird."

Während die Teilnehmer nur den Chorleiter hören, hört der Chorleiter keinen. "Ich kann nicht kontrollieren, ob die Sänger die Passagen sauber gesungen haben", sagt van Leer. Dennoch seien die Proben sinnvoll. "Was wir da machen, ist ein gutes Einsingen, das den Atem, die Stimme und die Resonanzräume öffnet." Er vergleicht es mit Sport. Muskeln und Körperhaltung werden trainiert und wer nicht trainiert, bei dem verflacht das Können.

Nach van Leers Auffassung haben die Chöre noch eine wichtigere Funktion. Sie "sind überlebenswichtig für ältere Menschen, die nur noch die wöchentlichen Chorproben haben." Darum hat van Leer in der vergangenen Woche einen offenen Brief an den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) unterschrieben. Der Brief richtet sich gegen die Corona-Verordnungen für Chöre und kritisiert, dass Chorproben als "Zusammenkünfte und Veranstaltungen mit geselligem Charakter" verstanden werden, denen ein "besonderes Öffentliches Interesse" abgesprochen werde.

Auch der Vorsitzende der Sängervereinigung teilt diese Kritik. "Über eine Million Sänger sind in Hessen in Chören organisiert. Die Menschen würden doch nicht in die Chöre strömen, wenn es nicht seelisch gut für sie wäre." Gesang sei auch eine Frage der Gesundheit, weil es "sehr viel Schwung in die Stimmung und den Körper bringt".

Anderseits seien den Proben auf der Wiese hinter der Kirche viele ferngeblieben, um sich vor möglichen Infektionen zu schützen. Diese Gefahr besteht bei den Internet-Proben jedenfalls nicht. "Das ist ihr wichtigster Vorteil", sagt van Leer. Friedrich Reinhardt

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