Ein Buntspecht haut auf den Putz - beziehungsweise hackt mit seinem Schnabel ein Loch in die Dämmung eines Hauses. foto: Soeren Stache/dpa
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Ein Buntspecht haut auf den Putz - beziehungsweise hackt mit seinem Schnabel ein Loch in die Dämmung eines Hauses.

Selbsterfahrungsbericht

Wenn der Spechtauf deinen Putz haut

  • vonMark-Joachim Obert
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Immer häufiger hinterlassen Buntspechte Löcher in gedämmten Häusern. Sie zu stopfen, ist teuer. Und mit legalen Mitteln kommt man den Vögeln kaum bei. Ein Selbsterfahrungsbericht.

Frankfurt -Der Feind kam im Spätsommer wie aus heiterem Himmel. Und anfangs gab er Rätsel auf. Tock-tock-tock. Unentwegt war da plötzlich überall im Haus dieses Tocken zu hören, rhythmisch, nervig - und beunruhigend, weil sich die Ursache nicht finden ließ.

Wir suchten im Keller, im Parterre, wir suchten in den beiden Obergeschossen. Wir hörten die Fußbodenheizung ab, wir lauschten an den Wänden. Die Sorgen wuchsen. Wir hatten unser Haus erst wenige Wochen zuvor bezogen. Sollten tatsächlich irgendwo Elektroleitungen spinnen, Wasserleitungen sich gefährlich ausdehnen? Auch von außen: Nichts war zu sehen - bis wir plötzlich dieses Loch entdeckten. Einen Meter unter dem Flachdach, weit entfernt von jedem Fenster. Ein Loch in der Fassadendämmung, groß genug für eine Kinderfaust. Woher kam dieses Loch, das am Tag zuvor noch nicht da war? Unser Verdacht sollte sich am nächsten Morgen bestätigen.

Alles Rufen und Fuchteln half nichts

Denn da war es wieder, tock-tock-tock. Auf Zehenspitzen schlichen wir zur Terrassentür hinaus, hoben den Blick und erspähten ihn, den Feind: Ein Buntspecht hing an unserem Haus und hämmerte wie wild auf die Fassadendämmung ein. Dass wir Luftlinie zehn Meter entfernt von ihm hüpften und riefen und mit den Armen ruderten, als müssten wir uns eines Bienenschwarms erwehren, störte ihn nicht. Es heißt, Spechte seien intelligent.

Was macht der moderne Mensch gegen die feindliche Natur? Er sucht im Internet. Und wird in diesem Fall schnell fündig. Man muss nur "Haus" und "Specht" eingeben, schon spuckt die Suchmaschine jede Menge Seiten aus über Spechte, die auf den Putz hauen. Sie tun das überall und immer häufiger, auch in Großstädten.

Der Specht liebt gedämmte Häuser

Am Bonameser Mietshaus von Werner Eicke-Hennig, seines Zeichens Ingenieur und Hessens renommiertester Dämm- und Energiesparexperte, haben Spechte zahllose Löcher hinterlassen. Der Grund ist einfach: Zum einen rückt der Mensch mit seinen Neubaugebieten immer näher an Wiesen, Felder und Wälder heran. Zum anderen präsentiert er sich beziehungsweise sein gedämmtes Haus dem Specht damit auf dem Präsentierteller. Der Specht nämlich liebt gedämmte Häuser. An ihrer zumeist rauen Fassade findet er leicht Halt, und was das Tollste ist: Die Dämmung ist ein grandioser Resonanzkörper. Ein Specht macht da weithin hörbar mächtig Geräusch. Kein Baum kann es damit aufnehmen. Und um Lärm geht es dem Specht. Einige Male im Jahr ist er richtig heiß, da buhlt er um Weibchen, und um ihnen zu imponieren, will er Kraft und Energie beweisen.

Ärgerlich für den Mensch, dass ihm oder besser seinem Haus damit Energie verloren geht. Das Problem, so meinen die einen Experten im Internet, sei kein geringes. Manche Häuser seien von Spechten dermaßen durchlöchert worden, dass reichlich Kältebrücken die Isolation beeinträchtigen. Und ist es windig und der Regen platscht horizontal gegen das Haus, entsteht Feuchtigkeit zwischen Dämmung und Mauerwerk.

Und dann das: Insekten entdecken die Löcher als Unterschlupf, manchmal nutzen Stare oder Halsbandsittiche sie als Brutstätte. Der Specht tut das nicht, er schläft ab und zu im Loch, weil's so wohlig warm ist, mehr nicht. Dämmungsexperte Eicke-Hennig gehört zu den anderen Fachleuten, die das Problem zwar nicht kleinreden wollen, ihm aber gelassen begegnen. Der Specht müsste schon reichlich Dämmstoff zerhacken, um einen ernsthaften Schaden anzurichten, sagt er. Mit ein paar Löchern könne man leben. Und so laut sei das Geklopfe nun auch wieder nicht.

Frankfurter Specht entwischte selbst der Hundeleine

Der Mann kennt unseren Specht nicht. Der war im Spätsommer mitunter so laut, dass man ihn schon hörte, wenn man mit dem Hund noch im fernen Feld unterwegs war. Drei Löcher hatte unser Specht binnen einer Woche gemacht. Vom ersten konnten wir ihn noch vertreiben, indem wir mit der Hundeleine vom Balkon des zweiten Stockwerks aus um die Hausecke schlugen. Unnötig zu erwähnen, dass er sich folglich eine sichere Stelle in der Fassadenmitte suchte - und gerade so, als wollte er uns verhöhnen, das rausgepickte Dämmmaterial auf der Dachterrasse verteilte. Was tun?

Tierrechtlich betrachtet darf man dem Specht nämlich nicht zu Leibe rücken. Manche leidgeprüften Hausbesitzer gestehen im Internet anonym, mit der Softgun des Sohnes gezielt und den Vogel tatsächlich abgeschossen zu haben. "Aber erlaubt ist das natürlich nicht", sagt der Ornithologe Martin Hormann von der Frankfurter Vogelschutzwarte. "Man darf nur gewaltfrei vergrämen." Martin Hormann spricht da nicht nur als Experte, sondern auch als Betroffener. Vor zehn Jahren hat die Vogelschutzwarte ihr Domizil am Fechenheimer Wald auf Vordermann gebracht, Dämmung inklusive. Es dauerte nicht lange, und der Specht suchte auch seine obersten Schützer heim.

Martin Hormann hat damals vermutlich auch im Internet Gegenstrategien recherchiert - und die gängigen Methoden ausprobiert: Flatterbänder aufgehängt, eine Art Mobile mit CD-Rohlingen angebracht, weil die Rohlinge in der Sonne glitzern und so den Specht erschrecken. Martin Hormann war damals sogar im Fernsehen, weil die Fernsehleute wohl dachten: Wenn einer weiß, wie man den Specht besiegt, dann bestimmt der Mann von der Frankfurter Vogelschutzwarte, die ideale Schnittmenge von Ornithologe und Opfer. Falsch gedacht...

Seit Oktober ist unser Specht verschwunden, wir haben ein Flatterband aufgehängt. Doch ach: Herr Hormann seufzt dieser Tage ratlos ins Telefon und macht uns wenig Hoffnung. Es naht der Frühling und damit die nächste Attacke, und der Vogelexperte muss zugeben: Auf Dauer nutzt allerlei Gebimmel und Geflatter und Geglitzer am Haus nichts. So bleibt auch Martin Hormann nichts anderes übrig, als die Löcher in der Vogelschutzwarte zu stopfen; der Glückliche kommt mit einer gewöhnlichen Leiter immerhin bis zum Tatort hoch.

Keiner will auf die Leiter

Eine Zehnmeterleiter bis zu unseren Löchern hochzusteigen, wäre Harakiri. Und die Spechtlochhandwerker, jene Dämmungsfachbetriebe, die auf ihren Firmenseiten mit Spechtlochbeseitigung werben, kraxeln auch nicht mit Leitern hohe Fassaden hinauf. Arbeitssicherheit! Es muss ein Gerüst oder eine Hebebühne her. Kosten: 1000 Euro könnten es werden! Vogelfreund Martin Hormann, der wortreich zu erklären weiß, weswegen der gemeine Buntspecht tierschutzgesetzlich Narrenfreiheit genießt, wird angesichts dieser Summe auffallend wortkarg: "Mist!", sagt er. Wir sagen: "Sehr schlecht, Herr Specht!"

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