Weggeworfene Masken liegen auf einer Bank auf der Zeil, während viele Passanten ohne Mundschutz unterwegs sind. Je später der Abend, desto unnötiger die Maske? Ein Trugschluss, denn: Corona schläft nie.
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Weggeworfene Masken liegen auf einer Bank auf der Zeil, während viele Passanten ohne Mundschutz unterwegs sind. Je später der Abend, desto unnötiger die Maske? Ein Trugschluss, denn: Corona schläft nie.

Corona-Sorglosigkeit in Frankfurt

Wenn des Nachts die Masken fallen

  • vonSabine Schramek
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Sobald es dunkel wird, scheint es zwischen Zeil und Alter Oper, als machte die Pandemie Pause. Viele Menschen sind dort dann ohne Mund-Nasen-Schutz unterwegs.

Frankfurt -Die große Frau aus Naxos-Marmor liegt seit 49 Jahren nackt auf der Freßgass'. Der Bildhauer Willi Schmidt hatte die "Fett Gret" ungeachtet von Außentemperaturen und Corona geschaffen. Dennoch hat jemand an ihr ein Zeichen gesetzt und ihr einen dicken rosa-blauen Schal um Mund und Nase gebunden. "Es ist heute wichtiger, Mund und Nase zu bedecken, als den Po", sagt eine Frau mit grüner Stoffmaske lachend im Vorbeigehen. Es ist fast dunkel in Frankfurts Gourmetstraße. Die meisten Lokale haben zu und wirken trostlos. Hier und da gibt es Kaffee, Würstchen und Brote To-Go. An einem Bratwurststand arbeiten zwei Frauen, die ihre Maske unter der Nase tragen. "Man muss ja auch mal atmen", sagt eine von ihnen zu einem Kunden, der die Maske unter dem Kinn hängen hat. "Ist eh alles sinnlos. Es wird uns sowieso alle erwischen", stimmt er zu.

Denn sie wissen, was sie tun

Je dunkler es wird, desto mehr Leute zeigen Gesicht. Pärchen schlendern Hand in Hand ohne Maske und betrachten sich die Schaufenster der geschlossenen Geschäfte, lesen "Sale" auf den Scheiben. Radler rasen mit offenem Mund nah an Fußgängern vorbei. Ihr Atem ist wegen der Kälte sichtbar und verteilt sich weiß über die Bummler.

An der Alten Oper stehen Englisch sprechende Frauen und Männer in Grüppchen, trinken Kaffee aus Pappbechern und Bier aus Flaschen. Sie lachen laut und fröhlich. "Wir arbeiten ohnehin den ganzen Tag zusammen. Dann ist es doch ok, wenn wir nach Feierabend auch zusammen abschalten", erklärt ein Mann in Anzug, Mantel und Hochglanz polierten Schuhen. "Wir treffen ja nur die, die wir ohnehin den ganzen Tag um uns herum haben." Sie stehen auf Abstand und erzählen sich Witze mit britischem schwarzem Humor. Immer wieder schweifen ihre Blicke über den Platz, ob Polizei zu sehen ist. Sie wissen, dass sie Stress bekommen, wenn sie erwischt werden. Dennoch verzichten sie auf Mundschutz.

"Kümmert Euch lieber um Falschparker"

Ebenso wie ein paar Jugendliche auf der Zeil. Sie haben Pech. An der Ecke Liebfrauenstraße warten bereits Polizei und Ordnungsamt. Zu Acht halten die Ordnungshüter Fußgänger an, die ohne Maske unterwegs sind. Sie nehmen Personalien auf, werden als "Pack" beschimpft und angeschnauzt, dass sie sich "lieber um Falschparker kümmern sollen". Die Frauen und Männer in Uniform bleiben ruhig, lassen sich nicht provozieren und verteilen Knöllchen. "Wir sind jeden Tag unterwegs", sagt einer der Ordnungshüter. "Es halten sich mittlerweile zwar mehr Leute an die Maskenpflicht als vor Weihnachten, aber wir haben trotzdem alle Hände voll zu tun", sagt er.

Vor der geschlossenen Galeria Kaufhof steht ein Mann mit Gitarre ohne Maske und singt "The Sun Ain't Gonna Shine Anymore" von den Walker Brothers. Nicht weit entfernt versucht sich eine Frau mit Maske und Gitarre an "Hallelujah" von Leonhard Cohen. Münzen fallen kaum in die aufgestellten Kästen. Die Zeil wirkt trist und traurig. Auf dem Boden und auf Sitzbänken unter den kahlen Platanen liegen achtlos weggeworfene Einmal-Masken. Sie sind verdreckt, verknautscht und sehen aus wie Corona zum Anfassen. Achtlos gehen Leute daran vorbei. Einer der wenigen Männer, die Maske tragen, sieht die Masken, zieht eine Serviette aus seiner Jacke. Er greift damit die versifften Einmalmasken und wirft sie mitsamt der Serviette in einen Papierkorb, der wenige Meter weiter weg steht. "So eine Sauerei", schimpft er. "Das ist so was von eklig und völlig unzumutbar. Die Leute werden von Tag zu Tag rücksichtsloser." Der Mann mag es sauber. "Ich hebe oft Müll auf. Die FES kann ja nicht immer überall sein. Und Masken, die getragen rumliegen, finde ich echt gefährlich", kommentiert er und desinfiziert sich seine Hände mit einer Flüssigkeit, die er an seiner Tasche außen trägt.

Es ist kalt und dunkel. Nur aus dem MyZeil strahlt noch Licht. Leute gehen hinein und hinaus. Mit Maske auf der Nase, weil Sicherheitsmitarbeiter niemanden reinlassen, der ohne Maske unterwegs ist. Auch sie werden angepöbelt. Stoisch bauen sich die Männer vor diesen Leuten auf und verwehren ihnen den Eintritt. Wer bummelt, oder sich auf einem der wenigen Sitze ausruht, trägt Maske. Auch eines der riesigen Glitzerrehe im Einkaufszentrum, das noch von Weihnachten übrig ist. Es leuchtet und funkelt in Gold und Weiß - mit einer blauen Einmalmaske über der Schnauze.

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