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Wenn die Vergesslichkeit das Leben durcheinander bringt

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Von: Michelle Spillner

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Plötzlich wollen einem vertraute Namen nicht mehr einfallen. Ob dahinter mehr steckt als vorübergehende Gedächtnislücken? Menschen, die an sich solche Veränderungen wahrnehmen, sucht die Uniklinik für ihre Studie.
Plötzlich wollen einem vertraute Namen nicht mehr einfallen. Ob dahinter mehr steckt als vorübergehende Gedächtnislücken? Menschen, die an sich solche Veränderungen wahrnehmen, sucht die Uniklinik für ihre Studie. © picture alliance / dpa

Uniklinik Frankfurt sucht für eine Tabletten-Studie zur Demenz Teilnehmer im Alter von 65 bis 85 Jahren

Ich bin so vergesslich geworden. Das ist ein Satz, den sich wohl jeder irgendwann einmal sagt. Aber ab welchem Punkt nimmt Vergesslichkeit bedenkliche Ausmaße an, und was kann man dagegen unternehmen? Mit diesen Fragen befasst sich Dr. med. David Prvulovic, Leiter des Klinischen Studienzentrums der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt. Er sucht mit seinem Team aktuell Probanden für eine Studie.

Vom Gefühl, geistig abzubauen

Doktor Prvulovic gibt Hinweise zur Einordnung des Grades der eigenen Vergesslichkeit. "In einem bestimmten Ausmaß werden wir alle vergesslicher. Das ist normal", betont er. Es passiere auch jungen Menschen, dass sie gelegentlich etwas vergessen oder sich an Details nicht erinnern können. Jemand, der an der Universität des dritten Lebensalters früher 30 Vokabeln am Tag lernen konnte und jetzt nur noch 20 schaffe, der müsse sich nicht unbedingt Sorgen machen. Aber jemand, der bislang sehr gut organisiert gewesen sei, der alles immer parat gehabt habe, jetzt ständig Dinge verlege, regelmäßig seine Schlüssel suche und dessen Bankkarte schon mehrfach eingezogen worden sei, weil er die PIN-Nummer falsch eingegeben hat, der sollte sich kümmern.

Menschen mit solchen Problemen sucht das Studienzentrum für eine Studie. "Das sind Menschen, denen die Veränderung selbst auffällt oder ihrem Umfeld, dem Lebenspartner oder Verwandten", sagt Prvulovic. Interessant ist: "Menschen, bei denen kein pathologischer Befund vorliegt, die aber trotzdem das Gefühl haben, dass sie geistig abgebaut haben, haben ein doppelt so hohes Risiko, in den kommenden Jahren eine Demenz zu entwickeln", so der Mediziner.

Denn ein demenzieller Prozess beginnt Jahrzehnte, bevor die Auswirkungen greifbar werden. Prvulovic: "Das Gehirn kann das sehr lange über redundant vorhandene Schaltkreise kompensieren, aber irgendwann eben nicht mehr, weil die Nervenzellen zu sehr geschädigt sind." Dann beginnt Demenz: Betroffenen fällt der Name von Familienmitgliedern nicht mehr ein oder sie haben den Urlaub des vergangenen Jahres komplett vergessen.

Zu spät behandeln ist fatal

"Es gibt viele Menschen, die bereits eine manifeste Demenz haben, die aber unbehandelt blieb, weil die Beschwerden als Alterssenilität abgetan werden. Dazu muss man sagen, dass dieser Grad an Vergesslichkeit eben nicht normal ist, wenn man alt ist. Es gibt Altersvergesslichkeit und Demenz, das ist ganz klar zu unterscheiden. Die Demenz gehört behandelt. Und wenn man das verpasst, dann ist das nicht gut." In Deutschland leiden etwa 1,6 Millionen Menschen an Demenz-Erkrankungen.

Wie es um die geistigen Fähigkeiten bestellt ist, lässt sich mit Hilfe von Tests feststellen. Beispiel: Man nennt einer Person drei Begriffe, die sie sich merken soll, führt dann das Gespräch weiter, lässt zwischendurch Worte buchstabieren und sorgt so dafür, dass sich das Gehirn auf etwas anderes konzentrieren muss, und fragt dann, nach einigen Minuten, nach den drei Begriffen: "Wenn jemand sie aus dem Stand heraus benennen kann, dann ist das wunderbar" stellt Prvulovic fest. Als Selbstversuch könne man das entertainmentmäßig, "als kleine Spielerei" mal machen. Für ein valides Ergebnis aber gibt es mehr Parameter zu beachten.

17 Tage lang gibt's Placebo oder Substanz

Für die Studie werden Menschen mit erhöhter Vergesslichkeit im Alter von 65 bis 85 Jahren gesucht, die aber nicht im Stadium der Demenz sind. Es geht um die Untersuchung der Wirksamkeit einer Substanz gegen Vergesslichkeit. Die Substanz, die bei einem erfolgreichen Verlauf der Studie und weiterer klinischer Prüfungen in einigen Jahren die Chance hätte, als Medikament zugelassen zu werden, soll die Leitfähigkeit der elektrischen Impulse des Gehirns zwischen den Synapsen verstärken. Für 17 Tage erhalten die Probanden Tabletten - die Hälfte von ihnen erhält nach einem Zufallsprinzip die Substanz und die andere Hälfte ein Placebo. In der Doppelblindstudie weiß niemand, wer was bekommt.

Im Idealfall könnte sich schon nach zwei Wochen bei denen, die die Substanz erhalten haben, eine Veränderung der Hirnaktivität nachweisen lassen, die mit der Gedächtnisleistung in Zusammenhang steht - und bei den anderen eben nicht. "Wir können den Teilnehmern deshalb keinen Effekt versprechen", räumt der Studienleiter ein. Der Nutzen einer Teilnahme aber sei, dass die Teilnehmer eine sehr ausführliche neuropsychologische Untersuchung durchlaufen, unter anderem mit Tests der geistigen Leistungsfähigkeit, der Konzentrationsfähigkeit sowie Untersuchung des Blutes, EKG und MRT-Untersuchungen des Kopfes im Ruhezustand und während geistiger Forderung. Wenn sich dabei ein Befund ergebe, folge ein konkretes Angebot der klinischen Nachverfolgung und die Empfehlung der Vorstellung in der Gedächtnissprechstunde.

Kontakt zur Studie

Wer zwischen 65 und 85 Jahre alt ist und an der Studie teilnehmen möchte, meldet sich im Klinischen Studienzentrum der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik Frankfurt unter (069) 6301-86078 oder per Mail an zpsy.studien@kgu.de.

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