Blättern im Budge-Heim im Geschichte(n)buch: (v.l.) Eberhard Poletnik, Manfred Fischer und Bert Max Silbermann.
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Blättern im Budge-Heim im Geschichte(n)buch: (v.l.) Eberhard Poletnik, Manfred Fischer und Bert Max Silbermann.

Der eine ist Jude, der andere war Nazi

Wenn Feinde Freunde werden

  • Andreas Haupt
    VonAndreas Haupt
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Ein ehemaliger Wehrmachtssoldat und ein Holocaust-Überlebender freunden sich 70 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft im Henry und Emma-Budge-Heim. Ein Film zeigt ihre ungewöhnliche Beziehung.

Carlo Lietz klopft sich aufs Knie. „Tja, Mut. Tja, Mut“, sagt er leise. „Nachdem ich diese Schweinerei gesehen habe, diesen Zug mit den Juden in Polen. Den Mut, mich sofort zu entschließen, dass ich das Hakenkreuz nicht länger trage.“ Der damals 19-Jährige desertierte. Dabei war er lange überzeugter Nazi und NSDAP-Mitglied. Sein Gegenüber, der Holocaust-Überlebende Siegmund Plutnik, denkt kurz nach und nickt. Kurz darauf sind der einstige Juden-Hasser und der Jude per Du und befreundet.

Mehrere Jahre lebten sie gemeinsam im Henry und Emma-Budge-Heim, dem weltweit einzigen christlich-jüdischen Altenheim. Freunde wurden sie erst durch die Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „Auf gute Nachbarschaft“ des 2012 in Düsseldorf gegründeten Vereins „Heimatsucher“ – die eingangs beschreibenen Szene stammt aus dem Film.

Wer zuhört, wird Zeuge

Der Verein sammelt Lebensgeschichten von Menschen, die den Holocaust überlebten, und erzählt sie vor allem Schülern. Nur wenige Zeitzeugen leben noch, mehr als 72 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs. Indem sich die 100 Vereinsmitglieder die Geschichten anhören, werden sie zu „Zweitzeugen“. Den Begriff prägte Vereinsgründerin Sarah Hüttenbehrend, angelehnt an Worte der Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel: „All jene, die zuhören, werden selbst zu Zeugen werden.“

Zu jenen, die der Verein befragte, gehörten auch Lietz und Plutnik, die kurz nach den Dreharbeiten starben. „Bei den Gesprächen entstand die Idee, nicht nur Interviews zu führen. Wir wollten zeigen, wie sich zwei Zeitzeugen über ihre Erlebnisse unterhalten, ohne dass jemand dazwischenfunkt“, sagt die Regisseurin Simone Hüttenberend, die Schwester der Vereinsgründerin.

Sie sprach Plutnik an, und der schlug sofort Lietz als Gesprächspartner vor. „Er sprach von ihm, als seien sie enge Freunde. Dass das nicht so war, merkten wir erst beim drehen“, sagt Simone Hüttenberend. Anfangs sei das Gespräch der beiden eher stockend gewesen. Sie waren unsicher, über was sie sich unterhalten sollten. „Am Ende der ersten Woche begannen sie, einander ihre Lebensgeschichten zu erzählen, und sie wurden Freunde.“ Dabei erzählte Lietz auch, dass er einst Nazi-Lieder sang, Lieder wie ,Wenn das Judenblut vom Messer spritzt’ “, erzählt Lietz Freund, Manfred Fischer (68), der beide Männer gut kannte. Erzählungen, denen Pluznik stets ruhig zuhörte. „Er war ein ruhiger Zuhörer und antworte dann stets sehr bedacht“, erinnert sich Anja Sigesmund.

Aber erträgt ein Holocaust-Überlebender, der einen großen Teil seiner Familie in jener Zeit verlor, derartige Geschichten? Mit einem Witz erklärt Budge-Heim-Bewohner Bert Max Silbermann, der den Holocaust in Uruguay überlebte, das Phänomen: Ein Jude ist mit einem Koffer am Bahnhof. Was hältst du von Juden? Ich mag sie, ich bin mit vielen befreundet. Der Jude fragt den nächsten, der antwortet: Ich mag Juden, feine Menschen. Doch der dritte antwortet: Ich hasse Juden, kann sie nicht leiden. Sie sind ein ehrlicher Mann, sagt der Jude zu ihm. Können Sie kurz auf meinen Koffer aufpassen? Ich muss mal auf die Toilette.

Täter die Hand schütteln

Natürlich sei es nach dem Krieg nicht einfach gewesen, als Jude in Deutschland zu leben, erinnert sich Silbermann. Wenn man jemanden kennenlernte, habe man sich immer gefragt, ob das Gegenüber ein Nazi sei oder nicht. „Es konnte immer sein, dass man gerade einem Täter die Hand schüttelte.“ Selbst als er ins Budge-Heim einzog, habe er damit gerechnet – seien doch mehr als 90 Prozent der Bewohner keine Juden gewesen.

Und doch freundete auch er sich im Budge-Heim mit Deutschen an, etwa mit Eberhard Poletnik (95), der wie Lietz Soldat war, also auf der „anderen Seite“ stand. „Wir hatten nie Probleme miteinander“, sagt Silbermann. Aufmerksam hört er zu, als Poletnik von seinen Kriegserlebnissen in Norditalien erzählte, wo er sich den vorrückenden Britten ergeben wollte.

Über Lietz und Plutnik hat der Verein „Heimatsucher“ nicht nur einen halbstündigen Film gedreht, sondern auch jeweils eine kleine Biografie geschrieben.

Wer Kontakt zum Verein aufnehmen möchte, etwa um sie zu einem Vortrag einzuladen oder zur Vorführung des Films, kann dies unter im Internet.

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