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Der Feldhamster lebt auch in Frankfurts Feldern. Nur, wenn es ihm gut geht, geht es auch Natur und Menschen gut.

Klimawandel

Für mehr Artenschutz: Experten fordern Wende in der Frankfurter Stadtplanung und Verkehrspolitik

Artenschutz tut not, besonders in einer Großstadt wie Frankfurt. Fachleute fordern jetzt eine Wende in Stadtplanung und Verkehrspolitik, die letztlich dem Mensch zugute kommt.

Frankfurt - Im Frühjahr 2020 soll das Frankfurter Artenschutzkonzept vorliegen, an dem die Fachleute arbeiten. Es wird den Weg weisen, hin zu einer veränderten Stadtplanung, die alles, was neu gebaut wird, noch stärker „vom Grün her denkt“. Das hat eine Expertenrunde aus Wissenschaft, Politik, Umwelt- und Grünflächenmanagement gestern in einer Zusammenkunft skizziert. Ihre Warnung: Die Menschen wissen jetzt, dass etwas geschehen muss – aber es muss auch tatsächlich etwas geschehen.

„Das Thema überrollt uns“, schlägt Heike Appel, stellvertretende Leiterin des Grünflächenamts, Alarm: „Die heimischen Bäume gehen uns alle kaputt, wir müssen Unmengen fällen.“ Es sei „eine große und traurige Aufgabe“ zu erkunden, welche Baumarten in Frankfurt noch eine Zukunft hätten. Amber-, Eisenholz- und Zürgelbaum zählt sie als Kandidaten auf. „Aber das macht es unschön“, sagt Appel, all diese Bäume stammen aus entfernten Weltregionen. „Die Frage ist: Welche Auswirkungen hat das auf unsere Tiere?“

Große Beunruhigung

„Wir dachten, wir können viele Baumarten probieren“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). „Aber es geht ja so schnell – wir können nur noch reagieren.“

Was alle beunruhigt: Der Klimawandel ändert die Grundvoraussetzungen unseres Lebens. Und die Wissenschaft trommelt längst: Als zweiter Faktor kommt die Bedrohung der Artenvielfalt hinzu. „Geschwindigkeit und Umfang des Artenverlustes sind außergewöhnlich“, sagt Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger. „Es geht zurzeit um den Faktor 100 bis 1000 schneller als das, was wir normal nennen.“ So etwas habe es in der Erdhistorie nur fünf Mal gegeben, und der „Fußabdruck“ der derzeitigen Ereignisse reiche drei Millionen Jahre in die Zukunft. Handeln könne der Mensch nur lokal.

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Und auf ihn kommt es an, den Menschen. Der fühle sich letztlich dort wohl und gesund, wo sich auch der Feldhamster wohlfühle, sagt Volker Rothenburger, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde. Das Tier steht beispielhaft für das „Riesenpotenzial an biologischer Vielfalt“, das Frankfurt habe. Und genau deshalb sei es so wichtig, den Feldhamster zu schützen. „Ein Leben als Frankfurter ohne Feldhamster ist möglich – aber es würde zu viel verloren gehen.“

„Was hat das mit dem Menschen zu tun?“, die Frage stellt sich auch Katja Heubach stets, die Palmengartendirektorin. Dort, in der Westend-Pflanzenoase, gehe es mitnichten nur um die Schönheit der Kulturpflanzen: „Wir haben hier auch die botanischen Sammlungen, wir sind das Versuchslabor: Was können wir noch im Freiland kultivieren, welche Arten können langfristig bestehen?“

Autofreie Stadtteile

Artenschutz sei als Stadtthema angekommen, sagt Dezernentin Heilig. Wie es umzusetzen ist, muss verhandelt werden, da spielt auch der Straßenverkehr eine Rolle. „Warum nicht mal einen Stadtteil autofrei planen?“, fragt sie. „Warum nicht mal mutig sein? Ich könnte mir eine komplett autofreie Innenstadt vorstellen.“ Aber kaum schlage jemand vor, nach einem tödlichen Fahrradunfall den Autos eine Fahrspur wegzunehmen: „Untergang des Abendlandes.“

Fazit: Veränderung ist ein zäher Prozess, für den wir keine Zeit haben. Der Prozess wird fortgesetzt.

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