An eine Wolke erinnert die Skulptur des Künstlers und Architekten Saakib Sait, die noch bis zum kommenden Sonntag im Jaffna Basar in der Kaiserstraße 49 hängt.
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An eine Wolke erinnert die Skulptur des Künstlers und Architekten Saakib Sait, die noch bis zum kommenden Sonntag im Jaffna Basar in der Kaiserstraße 49 hängt.

Bahnhofsviertel: Ungewohnte Ausstellungsorte

Wenn im Supermarkt Kunst von der Decke hängt

  • vonAlexandra Flieth
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BAHNHOFSVIERTEL Kreativ-Kollektiv beschäftigt sich mit dem Wandel im Viertels

Die Last des Himmelsgewölbes, das der griechische Titan Atlas auf seinen Schultern trägt, scheint von Corona noch schwerer zu wiegen. Die sechseinhalb Meter hohe Figurengruppe des Schweizer Bildhauers Gustav Herold (1839 - 1927), die seit 1889 auf dem Dach des Frankfurter Hauptbahnhofes steht, spiegelt die gegenwärtige gesellschaftliche Situation mit ihren Herausforderungen mehr denn je. In Frankfurt werden diese aktuell besonders im Bahnhofsviertel sichtbar.

Bild, Ton und Installation

Dem Prozess des Wandels im Bahnhofsviertel, der mit dem ersten Lockdown im März 2020 eingeleitet wurde, sind zwölf Kunstschaffende und Kreative nachgegangen und haben ihn erfahrbar gemacht - in Bild, Ton und Installationen. "Liminal" nennt sich das Künstlerkollektiv, das sich vor einem Jahr gründete und unter anderem Musiker, Filmemacher, Fotografen und Soziologen vereint. Der Name, so erzählt es Sina Herrmann, Kunsthistorikerin und Mitglied der Gruppe, sei bewusst ausgewählt worden und beziehe sich auf den Begriff "Liminalität" des Ethnologen Victor Turner (1920- 1983). Mit diesem werde ein bestimmter Prozess der Transformation beschrieben. Deren Ergebnisse werden in drei Supermärkten des Viertels ausgestellt und können so, ganz nebenbei beim Einkaufen betrachtet und auch gehört werden.

"Rauschgedicht" hat Luis Xavier Núnez seine Audio-Installation genannt und einen Tag im Bahnhofsviertel in Zeiten der Corona-Pandemie als Ton-Aufzeichnung nachgezeichnet. Núnez wohnt im Viertel und nimmt die Veränderungen besonders stark wahr. So kam der junge Orchesterdirigent auf die Idee zu seiner Soundinstallation, die im oberen Stockwerk des Jaffna Basar in der Kaiserstraße 49 zu hören ist.

Ein Aufkleber auf dem Fußboden weist den Weg zu der Stelle, von der aus die Arbeit am besten akustisch wahrgenommen werden kann - zwischen Regalen mit Fertiggerichten der indischen Küche und Deko-Artikeln, erklingt zunächst das Rauschen der Reinigungsfahrzeuge, das jedoch fast übertönt wird von den Stimmen der Rabenvögel, die sich zu einem morgendlichen Treffen zusammenfinden - so scheint es jedenfalls. Durch den Auto- und Straßenverkehr kommt ein wenig Leben ins Bahnhofsviertel - doch die Stunden drehen sich weiter bis in den Abend hinein - zu hören ist da nur noch Stille.

Was diese Veränderungen für die Menschen bedeuten, verdeutlicht der rund 13-minütige Film "Web of Thoughts", der auf einem großen Bildschirm in der Münchner Straße 24, aber auch im Online angeschaut werden kann. Gesichter des Bahnhofsviertels, darunter Geschäftsleute, Wohnungslose, Sozialarbeiter, Drogenkranke, Vermieter erzählen von den Veränderungen im Alltag, davon, was die Pandemie für jeden von bedeutet. Zwischen den Sequenzen sind Bilder des Bahnhofsviertels eingeschnitten - so, wie es sich gegenwärtig zeigt.

Soziologin Annika Troitzsch und Filmemacher Jonas Reuter sind Teil des Teams, das den filmischen Beitrag realisiert hat. Sie erzählen, dass sie für die Umsetzung des Films sowohl Menschen ganz spontan auf den Straßen angesprochen, aber zum Beispiel auch Kontakt zum Gewerbeverein aufgenommen haben. Aufgenommen worden seien die Sequenzen in den Räumen der Tanzschule Monika Bauer. "Dort hatten wir die Möglichkeit, ein Set zu installieren", sagt Jonas Reuter. Mehrere Monate habe die Realisierung des Films gedauert.

Mülleimer und Urinal

Die Anfangsszene zeigt einen Müllwerker, der einen Eimer leeren möchte, ohne dass wirklich viel Müll drin ist. Die Zeit der überfüllten Mülleimer im Viertel scheint vorbei zu sein und auch das spiegelt den gegenwärtigen Wandel. Das inspirierte den Architekten Saakib Sait zu seinem Werk, bei der die Form eines Mülleimers die Basis für das Objekt "Dirty Matter" bildet, das im Jaffna Basar ausgestellt ist und nun an die Form einer Wolke erinnert. Das Objekt "Fountain 2020" von Sebastian Mast, ein sprudelndes Urinal, das im Alim Market in der Münchner Straße 37 ausgestellt ist, spielt auf den in Corona-Zeiten so wichtigen Aspekt der Hygiene und Sauberkeit an. Alexandra Flieth

Hier ein Stichwort, bitte

Zu sehen sind die Werke in den Supermärkten noch bis zum 28. März zu den Öffnungzeiten montags bis samstags von 9 bis 20 Uhr Jaffna Basar, Ehsan Markt) beziehungsweise von 8 bis 20 Uhr (Alim Market) und sonntags von 14 bis 22 Uhr (Jaffna Basar). Führungen unter Einhaltung der vorgeschrieben Hygieneregeln können per E-Mail unter contact@lmnl.net vereinbart werden. Den Film Web of Thoughts gibt es unter: https://vimeo.com/525823234 auch Online zur Verfügung.

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