Organtransportflüge

Wenn jede Minute zählt

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Rund 100 Mal war der Frankfurter Flughafen im vergangenen Jahr Dreh- und Angelpunkt für Organtransportflüge. Die kleinen Maschinen mit der kostbaren Fracht an Bord haben stets Vorrang. Denn bei diesen Flügen ist große Eile gefragt.

Wenn Andrea Schapöhler (46) und Irene Hagenguth (25) nachts mit ihrer kleinen zweimotorigen Maschine den Frankfurter Flughafen anfliegen, wird extra für sie das gleißend helle Lichtermeer der Anflugbefeuerung auf der Landebahn angeschaltet. Denn die Pilotin und ihre Co-Pilotin dürfen auch nach 23 Uhr, wenn am Airport eigentlich das Nachtflugverbot gilt, landen. Sie haben kostbare Fracht an Bord: Leben – in Form von Organen, die in nur wenigen Stunden von ihrem Spender zum viele hundert Kilometer entfernten Empfänger gelangen müssen.

Und das hat stets Eile, dürfen etwa ein Herz oder eine Lunge nicht länger als vier Stunden nicht durchblutet werden. Das macht die Planung der Organtransporte nicht leicht. „Zieht man die Entnahme und die Transplantation ab, bleiben für den Transport meist nur noch zwei Stunden Zeit“, weiß André Ebbing zu berichten, der bei der Deutschen Stiftung Organstransplantation (DSO) für die Organisation der Organtransporte in der Region Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) verantwortlich ist. Die DSO ist die zentrale Koordinierungsstelle für Organspenden und damit auch für den Transport der Organe. „Sobald uns die Information über eine sich abzeichnende Spende und einen geeigneten Empfänger vorliegt, übernehmen wir die minutengenaue Planung und die Organisation des Transports“, sagt Ebbing. Dann wird auch der Frankfurter Airport, wenn er als Zielflughafen in Betracht gezogen wird, informiert, sowie das Luftfahrtunternehmen Heli-Flight, das am Flugplatz Reichelsheim in der Wetterau stationiert ist und mit der DSO zusammenarbeitet. Ebbing sagt: „Bei dem Transport darf unterwegs nichts schiefgehen.“

Das wissen auch die Pilotinnen Andrea Schapöhler und Irene Hagenguth, die für Heli-Flight arbeiten. Von Reichelsheim starten die beiden auch stets mit ihren Flügen, um ein Organ abzuholen. „Wenn der entscheidende Anruf kommt, sind wir in einer Stunde startklar“, sagt Schapöhler. Dann müssen nur schnell die Flugrouten und Wetterdaten ausgedruckt werden, das kleine Flugzeug startklar gemacht werden und schon kann es losgehen. In Hektik verfallen sie trotz der Eile aber nicht: „Das wäre nicht förderlich. Wir sind für die Sicherheit des Fluges verantwortlich und können sowieso nicht schneller fliegen, als es unsere Piper Cheyenne zulässt“, so Schapöhler. Bis zu drei Stationen gehören für die Pilotin und ihre Co-Pilotin zu einem Einsatz dazu: Zunächst holen sie das Ärzteteam ab, das die Transplantation durchführen wird, fliegen dieses zum Organspender und schließlich die Spezialisten mitsamt Organ zum Transplantationszentrum des Empfängers. „Der Frankfurter Airport hat für uns dabei den Vorteil, dass dort einerseits immer jemand vor Ort ist und wir ihn auch bei schlechtem Wetter anfliegen können, weil er über ein Instrumentlandesystem verfügt.“

Für Organtransporte werden entweder kleine Maschinen wie von dem Unternehmen Heli-Flight, Linienflüge oder Bodentransporte genutzt. „Wir versuchen immer möglichst nah an die Krankenhäuser heranzukommen, um Zeit zu sparen“, sagt André Ebbing. Deshalb wird auch gerne der Frankfurter Flughafen genutzt, immerhin ist etwa das Klinikum Höchst eine Entnahme, die Uniklinik ein Transplantationskrankenhaus. Rund 100 Mal war der Airport im vergangenen Jahr Dreh- und Angelpunkt eines Organtransports.

Die kleinen Maschinen landen dann am „General Aviation Terminal“, dort, wo auch die Privatjets der Promis starten und landen. Für einen reibungslosen Ablauf sorgt dort Betriebsleiter Kai Kowalewski. „Wir behandeln Organtransportflüge wie einen Rettungswagen, der mit Blaulicht fährt“, sagt Kowalewski. Die Flugzeuge werden bevorzugt behandelt, damit sie möglichst schnell starten und landen können. Dennoch müssten auch bei den Organtransporten die strengen Sicherheitsvorschriften berücksichtigt werden – auch wenn die Transportboxen der Organe das einzige Frachtgut sind, die nicht mit einem Röntgengerät durchleuchtet werden. Aber: „Es muss natürlich alles dokumentiert werden, und wir müssen uns hundertprozentig sicher sein, dass sich in der Box auch wirklich ein Organ befindet.“ Wenn ein Ärzteteam mit an Bord ist, gibt die DSO zuvor schon die Daten der Personalausweise an den Flughafen durch, damit sie nicht zu lange von den Sicherheitskontrollen aufgehalten werden. Das kostet nur kostbare Zeit. Und so hat Kowalewski selbst schon zahlreiche Transportboxen mit Organen zum Flugzeug gebracht oder abgeholt. Das geht am schnellsten. „Ein seltsames Gefühl“ nennt er das. „Das ist zwar nur eine weiße Box, aber man weiß, dass irgendwo jemand sehnsüchtig darauf wartet. Man hält gewissermaßen ein Menschenleben in der Hand.“

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