Wenn Licht krank macht

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Zu wenig Licht kann depressiv machen. Zu viel jedoch und falsches Licht fördert unter anderem ADHS.

„Bei ADHS haben iPhone & Co nachts Pause!“ fordert Prof. Andreas Reif, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Uniklinikums. Der Grund: Die Bildschirme der Smartphones geben viel blaues Licht ab. Dieses jedoch kann abends die innere Uhr verstellen, zu Schlaflosigkeit führen. Das Aufmerksamkeits-Defizit-/ Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) kann sich dadurch verschlimmern. Nicht nur das: ADHS-Patienten haben wahrscheinlich eine genetische Veranlagung, welche ihre molekulare Uhr leicht verändert. „Wird diese dann noch zusätzlich durch Beleuchtungsmuster – wie das blaue Licht – desynchronisiert“, so Reif, könne dies vielleicht sogar dazu beitragen, dass ADHS überhaupt erst spürbar wird.

Gemeinsam mit dem Neurobiologen Prof. Horst-Werner Korf und der Psychiaterin Dr. Christine Reif-Leonhard stellt Reif die Zusammenhänge zwischen Licht und seelischen Erkrankungen in zwei Beiträgen im aktuellen Magazin von „Forschung Frankfurt“ der Goethe-Universität dar. (Download unter .)

Die biologische Uhr muss demnach täglich neu gestellt werden, um den inneren Rhythmus von ungefähr 24 Stunden mit dem Rhythmus der Außenwelt zu synchronisieren. Licht spielt dabei eine besondere Rolle. Ist die Innere Uhr falsch getaktet, kann dies gravierende Folgen haben: Schlaf- und Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen, auch Veränderungen des Immunsystems.

Lichtreize, welche die innere Uhr takten, werden in erster Linie von circadianen Photorezeptoren wahrgenommen, die den Sehfarbstoff Melanopsin enthalten; sie wurden erst vor 20 Jahren entdeckt. Während die klassischen Photorezeptoren der Netzhaut, die Stäbchen und Zapfen, uns die Orientierung im Raum ermöglichen, dienen die circadianen Photorezeptoren der Orientierung in der Zeit. Sie liegen in der Tiefe der Netzhaut und vermitteln Informationen über die Umgebungshelligkeit an die Hauptuhr im Gehirn. Hier tickt ein molekulares Uhrwerk: „Im Zentrum steht ein Ensemble von Uhrengenen, die in sogenannten transkriptional-translationalen Rückkopplungsschleifen interagieren. Ihre Proteinprodukte sind hemmende oder aktivierende Transkriptionsfaktoren, die Gene an- oder abschalten“, erläutert Korf, Direktor der Dr. Senckenbergischen Anatomie und des Chronomedizinschen Instituts der Uniklinik. Inzwischen konnten mehr als 3000 Gene identifiziert werden, die unter Kontrolle dieses Uhrwerks stehen.

Besonders sensibel reagieren die circadianen Photorezeptoren übrigens auf das Licht im blauen Bereich des sichtbaren Spektrums. „Deshalb können Menschen, die spät am Abend vor Smartphone, Tablet oder Laptop sitzen, häufig schlecht schlafen“, ergänzt Reif. Und, wie gesagt: Womöglich trägt es bei bestimmten Menschen sogar dazu bei, dass ADHS symptomatisch wird.

Dennoch: Licht ist gut für die Seele, dies ist die gängige Auffassung. Saisonale Stimmungsschwankungen werden häufig als „Winterdepression“ bezeichnet. Es lässt sich ein eindeutiges Nord-Süd-Gefälle erkennen: So leiden fast zehn Prozent der in Alaska Lebenden an dieser Depression, in Florida sind es dagegen nur 1,5 Prozent. Andererseits: Vielleicht kann bei Menschen mit einer genetischen Veranlagung für Stimmungsschwankungen das fehlende Licht nun mal eher zu einer Depression führen. Untersuchungen, an denen auch das Team von Prof. Reif beteiligt war, belegen beispielsweise auch die These, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Erst-Erkrankungsalter bei bipolaren Störungen und auch ADHS und der regionalen Sonneneinstrahlung gibt.

Die aufhellende Wirkung des Lichts zeigt bei saisonaler Depression gute Wirkung: Als „therapeutisches Licht“ wird eine helle Lichtquelle (10 000 Lux) circa 30 Minuten bei offenen Augen angewendet. „Auch bei nichtsaisonaler Depression zeigt die ’Bright Light Therapy’ eine gute Wirkung. Allerdings gibt es hier noch zu wenige Studien“, sagt die Psychiaterin und Neurologin Dr. Christine Reif-Leonhard.

(tjs)

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