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Ein Stromzähler zeigt in einem Mietshaus die verbrauchten Kilowattstunden an.

Armut in Frankfurt

"Wenn die Mainova den Strom abstellt, ist es dunkel"

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Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen ist rückläufig. Doch säumigen Schuldnern droht weiter Ungemach. Nämlich dann, wenn die Mainova ihre Leistungen einstellt.

Es gibt weniger Verbraucherinsolvenzen – viel weniger. „Das ist absolut auffällig“, sagt Roland Glöckner, Richter im Amtsgericht Frankfurt. Er hat die neuen Zahlen. Demnach wurden im vergangenen Jahr 749 Verfahren beantragt und 638 eröffnet. 2012 waren es 1119 Anträge und 995 Eröffnungen, 2007 noch mehr – 1219 und 1141.

Eine Erklärung für die Bilanz hat Glöckner nicht. Zu vermuten ist jedoch, dass die stabil-gute Wirtschaftslage dazu beiträgt, mit immer weniger Langzeitarbeitslosen. 2008 gab es 12 715, 2012 noch 8706 und 2017 nur 7679 in Frankfurt.

Dennoch, es gibt sie, die Armen in einer reichen Stadt. Rund 2000 Gespräche werden bei der Schuldnerberatung der Caritas pro Jahr geführt. Davon sind 1000 Erstberatungen. „Bei jedem Erstgespräch schärfen wir den Leuten ein: Bestimmte Schulden muss man bezahlen, sonst kann es schmerzhaft werden.“ Das sagt Martina Boll-Arufe, die Leiterin der Caritas-Schuldnerberatung. Zu den wichtigen Schulden zählen Strom, Gas, Wasser. „Wenn die Mainova den Zähler abstellt, dann ist die Wohnung dunkel.“

Dann geht kein Kühlschrank mehr, keine Waschmaschine, keine Herdplatte. Und eben kein Licht mehr. Auch im Winter. Zwar nimmt die Mainova bei säumigen Schuldnern Rücksicht, stellt den Strom nicht zwischen 18. Dezember und 8. Januar ab. Doch danach geht es wieder los. Immerhin rund 6000 Mal hat die Mainova im Jahr 2016 Zähler abgestellt, davon etwa 4200 Stromzähler, 1200 Gaszähler und 600 Wasser- und Wärmezähler. Dies sagt Mainova-Sprecherin Ulrike Schulz. Jedoch kann die Mainova nicht sagen, ob es eine Tendenz gibt, denn wegen einer technischen Umstellung sei der Vergleich zu den Vorjahren nicht möglich.

Die Einzelfälle sind tragisch. Boll-Arufe erinnert sich an einen Mann, der wochenlang ohne Strom lebte, als er zum ersten Mal in die Schuldnerberatung kam. „Sie wollten ihm auch die Heizung abdrehen. Das konnte er abwenden“, sagt die Schuldnerberaterin. „Dann sagte er: Ich habe gar nicht gewusst, dass es beim Strom Hilfe gibt.“ Doch die gibt es. Das Jobcenter vergibt an Hartz-IV-Empfänger im Notfall Kredite, damit die Stromrechnung bezahlt werden kann. Wie oft das geschieht, kann man nur schätzen. Die Summe der Kredite ist eher gering: 133 274 Euro oder 0,38 Prozent seines Haushalts vergab das Jobcenter im Monat September 2017 an Darlehen.

Gar keine Zahlen hat das Sozialamt. „Es kann keine große Anzahl sein“, vermutet Knut Koch vom Grundsatzreferat der Behörde, „sonst würden wir es erheben“. Grundsätzlich zahle das Sozialamt für Senioren, deren Rente nicht ausreicht, für Erwerbsunfähige und für Kinder aus Hartz-IV-Haushalten und gewähre in Notfällen wie der zu begleichenden Jahresabrechnung auch mal einen Kleinkredit.

Es kann schnell geschehen. Das Problem gerade beim Strom sei, dass die Gebühren seit Jahren steigen. „Wenn dann die Jahresabrechnung kommt und man sowieso schon knapp kalkulieren muss, kann das reinhauen“, sagt Boll-Arufe. Wichtig sei jedoch: Die Mainova könne den Strom nicht abschalten, so lange das Defizit unter 100 Euro liege. Das könne man beispielsweise bei einer Nachzahlungsforderung von 150 Euro abwenden, indem man 51 Euro zahle.

Die Mainova verweist darauf, dass sie säumige Zahler erst nach frühestens zwei Monaten den Strom sperre. Zudem informiert sie über Möglichkeiten, Strom einzusparen.

Überdurchschnittlich oft sind laut einer bundesweiten Studie Haushalte von der Sperrung bedroht, die Grundsicherung beziehen. Tatsächlich gesperrt wird häufig bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau sowie in Ein-Personen-Haushalten.

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