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Die dunkle Jahreszeit macht vielen Menschen zu schaffen. Aber nicht jede Niedergeschlagenheit ist gleich eine Depression.

Psychische Erkrankung

Wenn die Seele dringend Hilfe braucht

Seelische Störungen stehen als Grund für eine Krankmeldung bereits an zweiter Stelle. Dennoch sind die Wartezeiten für eine Psychotherapie enorm lange.

Frankfurt. Mindestens sechs Monate Wartezeit für eine Psychotherapie. In Frankfurt. So schwierig ist die Lage psychisch Kranker, wenn man dem Zentrum für Psychotherapie der Goethe-Universität glauben mag. Mit diesem Hinweis auf überlange Wartezeit werben die dort tätigen Psychologen für die Teilnahme an einer Patientenstudie. Die Aussichten für Teilnehmer scheinen attraktiv zu sein: „Aktuell bieten wir 25 Einzeltherapiesitzungen, die in der Regel kostenlos sind“, teilt dazu Marie-Sophie Bernzen von der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Frankfurter Universität mit. „Die Therapie wird im Rahmen einer Studie durchgeführt und ist spezifisch auf Menschen, die an einer Sozialen Phobie leiden, ausgelegt.“

Ein Lichtblick

Während sich hier also für eine begrenzte Zahl Behandlungsbedürftiger ein Lichtblick auftut, nämlich jenen, die als Studienteilnehmer in Betracht kommen (nähere Informationen siehe Kasten) und mit der sehr speziellen Diagnose „Sozialphobie“, bleibt die Lage für die zahlreichen Patienten mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depression und Sucht, Verhaltens- und posttraumatischer Belastungsstörung offenbar kompliziert. Auch, weil es nicht ausreicht, die Überweisung des Hausarztes vorzuweisen, um auf der Psychotherapeuten-Couch Platz nehmen zu können, sondern weil für jede Therapie ein Antrag auf Kostenübernahme auch bei der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu stellen ist. Nicht selten warten Patienten wochenlang auf einen Bescheid.

In Frankfurt sind derzeit 667 approbierte Psychotherapeuten tätig. 507 von ihnen haben eine Kassenzulassung, 160 behandeln Privatversicherte – oder Kassenpatienten auf Basis der Kostenerstattung.

Übernahme der Kosten

Dieser spröde Begriff wirkt auf den ersten Blick technisch und abschreckend. Auf den zweiten Blick, wenn dieser dem Sozialgesetzbuch (SGB) zugewendet wird, könnte sich freilich eine Möglichkeit für eine Abkürzung überlanger Wartezeiten auf den Therapieplatz auftun. Theoretisch jedenfalls. Das SGB verpflichtet die gesetzlichen Krankenversicherungen zur Übernahme von Therapiekosten auch bei approbierten Therapeuten ohne Kassenzulassung (.

Praktisch passiere aber das Gegenteil, beklagt Else Döring (Frankfurt), Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. Die Gesundheitsversorgung psychisch Kranker werde eher schlechter, mitverursacht von Krankenkassen, die ihre Versicherten bewusst falsch informierten.

„Viele gesetzliche Krankenkassen lehnen Anträge auf Kostenerstattung von Psychotherapien ab. Diese Kassen nutzen die komplizierten Regelungen aus, um psychisch kranken Menschen den Zugang zu psychotherapeutischen Leistungen zu erschweren. So sparen die Kassen Kosten, statt ihren Patientinnen und Patienten Wege zur Therapie zu zeigen und ihnen zu helfen“, kritisiert Else Döring. Sie stützt sich dabei auf eine Versorgungsstudie, die belegt, dass viele Ablehnungen von den Krankenkassen falsch begründet würden: So zum Beispiel mit der Behauptung, Kostenerstattung sei nicht mehr erlaubt. 82 Prozent der befragten Psychotherapeuten hätten von Ablehnungen berichtet, die mit der Einführung von Terminservicestellen begründet worden seien, durch die nun alle Patienten versorgt wären. „Tatsächlich vermitteln diese Stellen Patienten aber nur einen Termin für die Sprechstunde, jedoch keine Therapieplätze“, erklärt Else Döring. Sie ermutigt betroffene Patienten, gegen Ablehnungsbescheide vorzugehen.

Wer sich Arm oder Bein bricht, bekommt vom Hausarzt eine Überweisung zum Unfallarzt, die Praxishelferin nimmt den Verletzten in Empfang, der Facharzt gipst das Bein ein, der Patient bekommt ein Paar Krücken, die Kasse zahlt. Wem das Herz bricht oder schlimme Erlebnisse die Seele krank machen, bekommt vom Hausarzt eine Überweisung zum Psychotherapeuten. Dieser aber hat, damit geht es schon los, in aller Regel kein Praxispersonal. Der Patient muss für eine Terminanfrage selbst anrufen, landet in aller Regel auf einem Anrufbeantworter, weil der Therapeut behandelt, und muss auf Rückruf warten. Und warten muss er auch bis zur erhofften Therapie.

Kein Stigma mehr

„Das ist selbst in Frankfurt so, wo es relativ viele Psychotherapeuten gibt“, bestätigt Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. Eine Vereinbarung für ein Erstgespräch sei oft recht zügig möglich. Bis aber der Therapeut tatsächlich eine Behandlung mit regelmäßigen Terminen anbieten könne, müsse der Patient wiederum warten. „Dabei schneiden sich die Kollegen nicht selten zusätzliche Behandlungszeiten aus den Rippen“, weiß Winter. Der hohe Bedarf an Psychotherapie ist aus ihrer Sicht auch Folge der Entwicklung, dass psychische Erkrankungen inzwischen weniger gesellschaftlich stigmatisiert seien und Betroffene Hilfe suchten, statt ihre Beschwerden zu verheimlichen. Seelische Störungen stünden bei Krankmeldungen bereits an zweiter Stelle.

 

Sylvia A. Menzdorf

 

Info: Lernen, wie man mit der Angst umgeht

 

Benehme ich mich peinlich? Was denkt mein Gegenüber von mir? Wirke ich inkompetent und dumm? Werden solche Gedanken begleitet von Herzklopfen, Schwitzen oder Zittern? Sind diese Ängste so stark, dass sie den Betroffenen daran hindern, seinen Aufgaben nachzugehen, spricht man von einer Sozialen Phobie. Patienten, die daran leiden, macht eine Arbeitsgruppe von Prof. Ulrich Stangier, Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt, ein besonderes Angebot: die Teilnahme an einer kostenfreien Therapie im Rahmen einer Patientenstudie. „Viele Betroffene nehmen keine professionelle Hilfe in Anspruch, weil sie sich für ihre Ängste schämen“, so Prof. Stangier.

Die Diagnose ist klar: Depression steht auf dem Zettelchen. Aber auch: Neu, ohne Termin. Ein häufiger Eintrag.

In vergangenen Studien habe sich die Wirksamkeit der Kognitiven Therapie zur Behandlung sozialer Ängste bewährt. Die Betroffenen lernen in der Therapie ihre Verarbeitungsprozesse zu verändern und dadurch Situationen anders wahrzunehmen.

Die Behandlung für die neue Studie umfasst 25 Einzelsitzungen und ist in der Regel für Betroffene kostenlos. An der Studie teilnehmen können Betroffene zwischen 18 und 70 Jahren, die unter einer Sozialen Phobie leiden.

Weitere Informationen gibt Frau Jihong Lin, M. Sc. Psych., Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe Universität Frankfurt.

Kontaktaufnahme für Betroffene telefonisch unter: (0 69) 79 82 51 02.

Bei Fragen und für weitere Informationen per E-Mail an lin@psych.uni- frankfurt.de oder per Telefon: (0 69) 79 82 53 64.

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