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Dietmar Schlender fühlt sich von einem freien Unitymedia-Handelsvertreter schlecht beraten. Dieser klapperte im Frankfurter Berg unter anderem im Ebereschenweg Telekomkunden ab, um sie zu einem Anbieterwechsel zu bewegen.

Telefon, TV, Internet

Wenn der Telefonmann klingelt: Vorsicht bei Haustürgeschäften - älteres Ehepaar macht schlechte Erfahrung

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Der rasante technische Fortschritt im Bereich Telefonie, TV, Internet und das Angebot verschiedener Anbieter und Tarife stellt Laien – besondere ältere – vor Herausforderungen. Ein Rentnerehepaar fühlte sich jetzt von einem freien Mitarbeiter des Kabelnetzbetreibers Unitymedia nach Vertragsabschluss schlecht informiert.

Frankfurt - „Hier bei uns ist die Telefonie nicht so gut“, sagt Dietmar Schlender. Er ist Kunde der Telekom. „Alte Kabel. Bei Regen wird der Internetempfang schlechter“. Er lebt mit seiner Frau Sigrid am Frankfurter Berg. Als es kürzlich an der Haustür klingelt und Antonio P., freier Mitarbeiter des Kabelnetzbetreibers Unitymedia, ihm die Vorteile eines Wechsels darstellen will, lässt er sich gern beraten und unterzeichnet dann den Auftrag für Telefonie und Internet (Tarif „2play Jump 150, 150/10Mbit/s) für 19,99 Euro monatlich.

„Der Mann hatte Listen mit Namen von Bewohnern unserer Straße dabei, man sah, wer bei der Telekom ist oder nicht, er trug entsprechende Logos an der Kleidung und wusste, dass wir bei der Telekom und die Leitungen schlecht sind. Er sagte, der Telekom-Anschluss werde zum 1. März gekappt, weil neue Kabel gezogen würden“, erzählt Schlender. „Darum – und weil ich statt bisher 44,95 Euro monatlich an die Telekom (Tarif Magenta Zuhause L) nur 19,99 Euro an Unitymedia zahlen wollte – habe ich unterschrieben“. Außerdem gibt es ihm P. schriftlich, dass die Montage des neuen Routers kostenlos erfolge, die Telefonnummer dieselbe bleibe und er keine doppelte Rechnungen zahlen müsse.

Keine Ahnung von Technik

Weil der Unitymedia-Vertreter dann eine ältere Nachbarin gegenüber aufsuchen will, geht Schlender mit. „Vorsichtshalber, denn die alte Dame versteht von Technik gar nichts.“ Doch regt P. die Dame mit Details zu drohenden Anschlusskappungen und zur Anschlussdose, bei denen auch das Wort Brandschutz gefallen sei, auf. Sie ruft den Sohn, einen Rechtsanwalt, an. Er rät, die Unterlagen für eine Sichtung zu behalten. Schlender: „Das lehnte P. aber ab, es wurde kein Vertrag unterzeichnet. Wir gingen beide“.

Wieder Zuhause, überdenkt Schlender alles, informiert sich im Internet über Unitymedia-Tarife. Als er liest, dass sein soeben abgeschlossener Tarif nach zwölf Monaten Laufzeit von 19,99 auf 39,99 Euro ansteigen wird, ist er sauer: „Das ist doch Betrug“. Und er regt sich noch mehr auf, als ihm am selben Tag eine andere ältere Nachbarin erzählte, sie habe einen Vertrag mit Unitymedia abgeschlossen, weil ihr P. den Vertrag mit Schlenders Name darauf gezeigt habe. Schlender: „Das verstößt gegen den Datenschutz“. Am nächsten Tag kündige er den Vertrag Nr. 852001 beim Unitymedia-Kundenservice in Köln per E-Mail und Fax.

Dass er auch per Fax kündige, „ist sehr gut“, sagt Kai-Oliver Kruschke, Referent für Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale in Frankfurt. Dies sei neben dem klassischen, aber teureren Einschreiben mit Rückschein das schnellste Verfahren, um die 14-tägige Widerrufsfrist einzuhalten. In die Verbraucherzentrale kämen „immer wieder“ Ratsuchende und beschwerten sich über derlei „Haustürgeschäfte“, die seit 2014 so heißen: „Außerhalb von Geschäftsräumen geschlossene Verträge“. „Dies betrifft aber mehrere Anbieter“, betont Kruschke. Viele Vertreter, die auf Provisionsbasis arbeiteten, köderten Kunden mit preiswerten Tarifen. Viele stellten zu spät fest, dass sie nach einer bestimmten Laufzeit höhere Beiträge zahlen müssen oder sogar auf zwei Verträgen sitzenbleiben, so sie nicht rechtzeitig kündigen.

Telekom-Sprecher George McKinney widerspricht der „Abschalt-Mär“ von P.: Im Raum Frankfurt werde die Telekom bis Ende 2020 schnelle Anschlüsse schaffen. Am Frankfurter Berg seien Glasfaserkabel verlegt. Kupferkabel führten nur von den grauen Kästen (Vermittlungsstellen) in den Straßen in die Haushalte.

Helge Buchheister, Pressesprecher von Unitymedia, bestätigt, dass Antonio P. bei einer Partneragentur als Untervertriebspartner im Außendienst für Unitymedia als Medienberater tätig gewesen sei. Für den Abschluss von Verträgen erhalten Agenturpartner, respektive Medienberater Provisionen. „Generell ist der Haustürvertrieb ein etabliertes Mittel zur Kundengewinnung und wird von Unternehmen aus der Kabel- und Telekommunikationsindustrie – wie auch Unitymedia – grundsätzlich auf Basis der gesetzlichen Vorschriften eingesetzt“, so der Sprecher. Unitymedia arbeite mit Inhouse-Mitarbeitern sowie externen Partnern und Agenturen zusammen. Die Vertriebspartner seien selbstständige Handelsvertreter.

Standards definiert

Buchheister betont, man lege großen Wert auf eine vollständige und verständliche Beratung. „Wir haben dazu Standards für den Umgang mit Verbrauchern definiert. Diese beinhalten unter anderem die notwendigen Informationspflichten sowie ein faires Verhalten bei Ansprache, Abschluss und Abwicklung des Vertrages. Dass diese Standards eingehalten werden, stellen wir mit ständigen Schulungen unserer Vertriebsmitarbeiter sicher. Abweichungen von den Unitymedia-Vorgaben dulden wir in keiner Weise“. Man habe jetzt die Partneragentur gebeten, P. von der Vermarktung von Unitymedia-Produkten abzuziehen.

Den Widerruf von Schlender habe man erhalten. „Wir möchten uns bei ihm für das Fehlverhalten des Vertriebspartners entschuldigen. Wir werden ihn auch persönlich kontaktieren“.

Antonio P. ist sauer: „Ich bin seit zehn Jahren für Unitymedia tätig. Ich betrüge nicht. Herr Schlender hatte meine Handy-Nummer per Stempel auf dem Vertrag und hätte mich jederzeit bei Fragen erreichen können“.

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