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In Frankfurt: Wer Weihnachtsbaum-Licht will sehen, muss erst Hand anlegen

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Von: Friedrich Reinhardt

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Dieser Weihnachtsbaum ist eine Besonderheit in Frankfurt: Wer die Beleuchtung sehen will, der muss selbst dafür sorgen.

Frankfurt - An der Kurbel neben dem Weihnachtsbaum auf dem Gravensteinerplatz in Frankfurt hat sich schon eine Schlange gebildet, da hat das Kurbeln noch gar keine Wirkung. Die Schüler der Theobald-Ziegler-Schule warten, dem kleinen Mädchen ganz vorn rutscht die viel zu große Weihnachtsmannmütze ins Gesicht. Sie hält die Kurbel trotzdem mit beiden Händen fest und macht so klar: Ich bin als erste dran.

Von der Ungeduld der Kinder angestachelt wird hinter der Kiste Carolin Liebl nervös. Sie schraubt die Abdeckung fest. Der Akkuschrauber surrt. Nein, ein Kabel muss noch angeschlossen werden. Die Künstlerin dreht die Schraube wieder heraus, und klärt ihren Kollegen Nikolas Schmid-Pfähler auf, dass jetzt nicht die Zeit ist, Reporter-Fragen zu beantworten.

Besonderer Weihnachtsbaum in Frankfurt: Zwei Akkus und ein kleiner Motor

Die Kunst des Künstler-Duos sind selbstgebaute Maschinen. Die Kurbel ist eine davon. Wer kurbelt, treibt einen kleinen Induktionsmotor an, der speist zwei Akkus und die bringen den Weihnachtsbaum zum Leuchten. Abdeckung drauf. Das Kind mit der Mütze kurbelt. Funktioniert. So geht Weihnachtsbeleuchtung in Zeiten der Energiekrise.

Liebl und Schmid-Pfähler sollten ursprünglich seit Oktober das „Fliegende Künstlerzimmer“ der Crespo-Foundation auf dem Gravensteiner Platz bespielen. Wegen „Herausforderungen“ - konkreter wird keiner der Akteure - wird das offene Atelier aber erst Anfang nächsten Jahres vor dem Pflegeheim aufgebaut. Dann kann jeder dort eigene Projekte mit den Künstlern anstoßen oder einfach nur zum Basteln vorbeikommen. Ohne Atelier ist das Duo durch den Stadtteil getourt mit einer Maschine, mit der Kinder die ausgefallenen Christbaumkugeln geblasen haben - aus altem Plastik.

Die Kinder der Theobald-Ziegler-Schule bringen den Baum zum Leuchten. Das Künstler-Duo Carolin Liebl und Nikolas Schmid-Pfähler (mitte hinter der Kurbel) haben das Kurbellicht konstruiert. Andreas Eggenwirth (vierter von links) hat die Baumaktion initiiert. FOTO: reinhardt
Die Kinder der Theobald-Ziegler-Schule bringen den Baum zum Leuchten. Das Künstler-Duo Carolin Liebl und Nikolas Schmid-Pfähler (mitte hinter der Kurbel) haben das Kurbellicht konstruiert. Andreas Eggenwirth (vierter von links) hat die Baumaktion initiiert. © Friedrich Reinhardt

„Im Prinzip funktioniert es wie Glasbläserei“, sagt Liebl. Das Plastik wird in kleinen Teilen oben in die Maschine geworfen. Es wird erhitzt und so zu einer zähflüssigen Masse. Daraus haben die Kinder dann den tropfenförmigen Christbaumschmuck geblasen. Unter anderem im Kinderzentrum in der Jaspertstraße war das Duo mit seiner Maschine, im Zukunftscafé des Nachbarschaftsbüros und in der Nachmittagsbetreuung der Theobald-Ziegler-Schule.

Besonderer Weihnachtsmarkt in Frankfurt: Ein echtes Gemeinschaftswerk

Am Ende wurden Mini-Lichterketten in den Plastikschmuck gefädelt, die nun auf dem Gravensteiner Platz aufleuchten, wenn unten jemand kurbelt. Der Baum ist also ein echtes Gemeinschaftswerk.

Initiiert hat die Aktion in diesem Jahr wieder Andreas Eggenwirth. Das FDP-Ortsbeiratsmitglied kümmert sich seit Jahren um den Weihnachtsbaum auf dem Gravensteiner Platz. Den Baum stelle das Grünflächenamt dem Ortsbeirat zur Verfügung. Eggenwirth sorgte dafür, dass Kinder - aus wechselnden Schulen und Kitas - den Weihnachtsbaum mit selbstgemalten Karten schmücken. In diesem Jahr holte sich Eggenwirth Hilfe von der Quartiersmanagerin Angela Freiberg. Mit seinen 73 Jahren wolle er die Organisation nicht mehr allein stemmen und auf die drei Meter hohen Leiter hinauf und hinunter klettern, um Weihnachtskarten aufzuhängen.

Freiberg holte Liebl und Schmid-Pfähler ins Boot. Die Quartiersmanagerin war begeistert von der Idee mit der Kurbel. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen für mehr Energiebewusstsein“, sagt Freiberg. „Entweder man spart Strom oder man erzeugt ihn selbst.“ Für das Künstler-Duo aus Offenbach ist es die letzte große Aktion in Preungesheim. Ab nächstem Jahr werden andere Künstler im Zuge des Projekts „Fliegendes Künstlerzimmer“ in den Stadtteil kommen. (Friedrich Reinhardt)

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