+
Natürlich hält er sich selbst noch fit. Schließlich hat Werner Schaefer alles, was er dazu braucht, in der Nähe seines Büros im Hessischen Olympiastützpunkt.

Der rote Faden

Werner Schaefer ist Mister Olympia

Werner Schaefer leitet seit drei Jahrzehnten den Olympiastützpunkt Hessen, der Sporttalente auf dem Weg zur Weltspitze unterstützt. Dem Mann, der einst selbst ein guter Turner war, widmen wir die Folge 275 der Serie „Der rote Faden“, in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten. Von Jörg Hahn

Zu einem Mann, der sein Leben dem Sport gewidmet hat, passt diese Anekdote aus Babytagen natürlich bestens: Werner Schaefer, im März 1954 geboren, hat das „Wunder von Bern“, jenen 3:2-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im WM-Finale von 1954 gegen Ungarn, vor dem Fernseher verfolgt – auf dem Schoß des Großvaters. Jedenfalls wurde ihm das so immer erzählt – als seine Version der in die Wiege gelegten Leidenschaft. Wahr ist auf jeden Fall: Werner Schaefers Vater war Amateurfußballer und steckte den Sohn früh mit der Sportbegeisterung an. Der machte daraus eine berufung.

Seit vier Jahrzehnten arbeitet Werner Schaefer im Sport, arbeitet er „für junge Menschen“. Seit 30 Jahren leitet er den Olympiastützpunkt Hessen mit Sitz in Frankfurt. Zuvor war er Dozent für Turnen und Trainingslehre an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Sprung und Boden waren seine Spezialdisziplinen als Kind, Turnen sein Sport – nach einer kurzen Phase der „wilden Bolzerei“. Auch dazu gibt es eine Anekdote: Schaefer, in Koblenz geboren, bekam als Knirps vom Schuster handgefertigte Fußballschuhe. Weil sie teuer waren, übergab sie in der Familie fortan ein Junge dem nächsten, und so trug diese Maßarbeit auch irgendwann ein Bursche namens Stefan Engels, der von 1978 bis 1989 Bundesligaspieler des 1.FC Köln war und achtmal das Nationaltrikot trug.

Werner Schaefer aber ließ die Schuhe irgendwann links liegen und turnte: in der Coblenzer Turngesellschaft, bei der TSG Neustadt/Weinstraße, wohin es die Eltern aus beruflichen Gründen gezogen hatte. Beim TB Oppau, wo ihn Bundestrainer Philipp Fürst förderte. Da lernte er an sich selbst, wie wichtig es ist, zu fördern und zu fordern. Am Leistungsstützpunkt Oppau/Ludwigshafen trainierte er sechs Mal die Woche, jeden Tag erst Gymnasium und danach Training, jeden Tag von 16 bis 22 Uhr.

Er wurde belohnt: Er gewann deutsche Mehrkampf-Jugendmeisterschaften, er turnte in der Bundesliga. Er fing damals schon an, sich ehrenamtlich zu engagieren, etwa als Gauturnwart. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München nahm er mit Pfälzer Teamkameraden am Jugendlager teil. Von den Kontakten in alle Welt profitierte er später oft. Er hat bei Olympia 72 aber auch das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft mitbekommen, elf Sportler starben. An der positiven Kraft des Sports für die Gesellschaft hat er dennoch nie gezweifelt.

Er studierte in Mainz Sport und Anglistik, er baute bald danach in Ulm als Landestrainer einen Stützpunkt auf, er bewarb sich als Dozent an der Deutschen Sporthochschule Köln – mit Erfolg. 25 Jahre war er alt, als er ins Rheinland ging. Damals, in den frühen achtziger Jahren wurde der bundesdeutsche Spitzensport umgekrempelt, besser wollte man werden im internationalen Vergleich. Es war noch die Zeit des Kalten Krieges, Ost gegen West, Kampf der Systeme – auch und gerade im Sport. Die ersten Olympiastützpunkte in Bundesländern entstanden, auch neue Berufsbilder. Werner Schaefer startete am 1. Mai 1988 in Frankfurt als Stützpunktchef. Heute nennt man ihn „Mister Olympia“.

Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt: Hier schlägt das Herz des deutschen Sports. Der Deutsche Fußball-Bund hat hier seine Zentrale, der Deutsche Olympische Sportbund, die Deutsche Sporthilfe, viele Fachverbände haben sich hier im Stadtwald, nahe der Commerzbank-Arena, niedergelassen. Im Gebäude des Landessportbunds Hessen hat der Olympiastützpunkt seinen Sitz. Die Nähe ist Programm. 1992 übernahm der Landessportbund die Trägerschaft für den Olympiastützpunkt, es war der Grundstein für die enge Zusammenarbeit zwischen Nachwuchsleistungssport und Spitzensport.

Ein Zettelkasten mit Telefonnummern: Viel mehr hatte Werner Schaefer nicht, als er sich 1988 um Hessens Olympioniken zu kümmern begann. „Es war ein Aufbau von Null an, manchmal auch gegen den Argwohn anderer Sportorganisationen, denn die befürchteten, ihnen werde Geld weggenommen.“ Doch bald zeigte sich, wie wichtig es war, die Sportler regional zu betreuen, nahe dran zu sein. „Wir sind Partner der Athleten“, so lautet Werner Schaefers Maxime. „Wir bemühen uns, für alle Probleme eine Lösung zu finden.“ Es gibt Funktionäre, die allmählich zu Bürokraten werden. Werner Schaefer ist das fremd. Er gilt als einer, der sich kreativ und entschlossen für seine Sportler ins Zeug legt – auch wenn er damit zuweilen bei anderen Funktionären aneckt.

Wie hart und mühsam der Weg an die Spitze ist, das weiß er ja aus eigener Erfahrung. Für Olympioniken muss sich jahrelanges Training in einem einzigen Wettkampf bewähren, manchmal entscheidet ein Augenblick über Sieg oder Niederlage. Werner Schaefer fiebert und leidet mit seinen Sportlern mit, jedes mal. Er fördert, aber fordert nichts Unmögliches. Medaillen sind für ihn nicht die einzige Währung. Ob sein Stützpunkt erfolgreicher ist als andere, das ist für ihn zwar nicht Nebensache, steht aber auch nicht an erster Stelle. „Haben wir alles für unsere Sportler getan?“ Das zählt für ihn. „Wenn ein Athlet, eine Athletin alles gegeben hat, kann der große Erfolg auch ein vierter Platz sein oder ein sechster, dann waren eben andere besser, und dann ist es kein Scheitern, eine Medaille verpasst zu haben“, sagt er.

Aber alle Empathie trübt nicht den analytischen Blick. Der Druck im internationalen Spitzensport steigt, schon im Schüleralter. Daraus erwachsenen neue Aufhaben, Psychologie wird wichtiger, Krisenintervention. Zu den ersten Mitarbeitern, die Schaefer 1988 einstellen konnte, gehörte Arnulf Rücker, ein pädagogischer Betreuer aus dem Turn-Internat. Es muss gelernt werden, Schule, Studium und Berufsausbildung mit dem zeitintensiven Spitzensport unter Einklang zu bringen. Nach der Sportkarriere sollen und dürfen die Athleten nicht mit leeren Händen dastehen. Mit allen staatlichen Hochschulen in Hessen kooperiert der Olympiastützpunkt, mit Arbeitgebern wie dem Flughafen verhandelt er über sportlergerechte Ausbildungs- und Arbeitsplätze. „85 Prozent der Sportler aber wollen nach dem Abi studieren“, stellt Schaefer fest, der selbst eine erwachsene Tochter hat.

„Ich stehe auf dem Standpunkt, dass jeder entsprechend seines Talents Förderung erfahren soll, ob das nun in der Musik ist, in der Kunst, in der Wissenschaft, im Sport. Die ersten Sponsoren eines Talents sind immer die Eltern, sie unterstützen, organisieren Transport und vieles mehr“, sagt Schaefer. „Wenn sich dann ein junger Mensch für eine Karriere im Spitzensport entscheidet, haben plötzlich ganz viele Leistungserwartungen: der Verein, der Heimtrainer, irgendwann der Verband und der Bundestrainer, die Öffentlichkeit. Deshalb hat dieses Talent Anspruch auf Betreuung. Man kann keine Leistung erwarten, ohne dafür auch etwas zu geben.“

Was der Olympiastützpunkt nicht anbietet, sind direkte Zahlungen an Athleten. Den Aufbau der Stiftung Sporthilfe Hessen hat er deshalb von Beginn an intensiv begleitet, über diese Stiftung fließt seit 2001 Geld an hessische Athleten. Werner Schaefer ist Mitglied im Gutachterausschuss, der den Bedarf ermittelt. Sowohl bei der Gründung der Sporthilfe Hessen als auch bei der Einrichtung der Sportfördergruppe der hessischen Polizei hatte Schaefer einen sehr wichtigen Mitstreiter, den damaligen Sport- und Innenminister des Landes, Volker Bouffier. Als ehemaliger Junioren-Basketballnationalspieler wusste Bouffier genau, wo Athleten der Schuh drückt. In der Sportfördergruppe haben prominente Auszubildende wie die Leichtathletinnen Kathrin Klaas, Ariane Friedrich oder Carolin Schäfer ihren Weg gemacht. „Mit der Sportfördergruppe, der Carl-von-Weinberg-Schule in Frankfurt-Goldstein als Eliteschule des Sports oder dem Internatsbetrieb im Haus der Athleten üben wir schon einen Sog auf Athleten aus.“

Frankfurt ist Leistungssportmekka, zumindest in hessischer Sicht. „Wenn Timo Boll Weltranglisten-Erster wird oder Fabian Hambüchen Turn-Olympiasieger, dann haben wir als Dienstleister des Leistungssports daran an der einen oder anderen Stelle mitgewirkt. Aber wir gehören nie zu denjenigen, die sich mit Verdiensten schmücken, die uns nicht zustehen“, sagt der Sportmanager Schaefer. „Man darf den Sportler nach einem Titel- oder Medaillengewinn nicht vereinnahmen, und man darf ihn nach einem Misserfolg oder bei Verletzungen nicht alleine lassen“, mahnt er. „Einen Weltrekord springt der Athlet alleine, das ist seine Leistung. Wir sind Teil des Ganzen, aber stets nur eine Ergänzung. Wichtig ist uns, dass wir Kontakt halten nach dem Ende der sportlichen Laufbahn. Wir schauen, was aus jedem Einzelnen wird.“

Wer die deutsche Sportpolitik verfolgt, könnte auf den Gedanken kommen, dass Schaefer nach so vielen Jahren abgestumpft oder zumindest desillusioniert sein müsste. Doch seine Leidenschaft ist immer groß geblieben. „Was treibt mich an? Vierzig Jahre im öffentlichen Dienst, fast zehn Hochschule, dreißig Jahre Olympiastützpunkt, das war immer sehr lebendig, nie festgefahren. Ich brenne immer noch, ich mache das für die Athleten und die Trainer.“

Die vergangenen zwei, drei Jahre, das hört man heraus, waren schwierig. Der Deutsche Olympische Sportbund und das Bundesinnenministerium als wichtigster Geldgeber des Spitzensports stritten hitzig, zuweilen giftig über den künftigen Kurs. „Mehr Geld nur gegen mehr Medaillen“, hieß es. Doch es ist viel komplizierter. Schaefer beschreibt es so: „Zentralisierung alleine kann nicht die Lösung sein, wie sind ein föderaler Staat. Talentförderung sollte so individuell wie möglich bleiben.“

Ein System wie im zentral gesteuerten, missbrauchten und dopingverseuchten DDR-Sport oder in anderen diktatorischen Ländern will niemand mehr, England oder Frankreich mit der Fokussierung auf ihre Hauptstädte taugen nicht als Vorbilder, die USA kennen den Vereinssport wie in Deutschland nicht. „Auch bei uns ist eine Konzentration auf wenige Leistungszentren und Stützpunkte mitunter möglich und nötig.“ Aber Werner Schaefer ist überzeugt: „Ohne den Leistungssport in den 16 Bundesländern, ohne die Arbeit in den 90 000 Sportvereinen in Deutschland käme irgendwann oben kein Talent mehr an.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare